Durch Sibirien zum Baikalsee 01. – 04. Reisetag

 01. Tag, Sonnabend, 18. Juli 2015
Letzte Vorbereitungen und Abreise zur Fähre nach Travemünde
(80 km)

 MOTTOUREN Sibirien 2015 MOTTOUREN Sibirien 2015

Nach den letzten Vorbereitungen zu Haus, kam Egon, gebracht von seiner Frau zu mir. Mein Motorrad, die 800 GS von Touratech, war schon eingeladen, so dass wir „nur“ noch diverse Mitbringsel, Reifen, Werkzeuge und ein wenig Gepäck einladen mussten. Dann machte sich Egon auf den Weg zu sich nach Lübeck, um seine letzten Vorbereitungen zu treffen. Bei mir lagen dann noch die restlichen Abschlussarbeiten wie vor jeder Reise an. Am Nachmittag war es dann soweit, ich sattelte die Harley von Steffen, die ich zur Fähre nach Travemünde und in Helsinki fahren sollte, denn Steffen kam erst am Sonntag nach Helsinki nachgeflogen, da am Sonnabend bei ihm eine wichtige Familienfeier anstand.

Also ab nach Travemünde mit einem Zwischenstopp bei Gerd in Norderstedt, mit dem ich die restlichen Kilometer zur Fähre unter die Räder nahm. Bei ihm, wie auch bei den anderen Reiseteilnehmern später in Travemünde großes Erstaunen, als ich mit der Harley ankam. „Das glaube ich nicht, dass du mit der Harley zum Baikal fährst!“ – „Mache ich doch!“ Die Wette gilt, Dieter! Eine Flasche Champus, dass ich mit der Harley zum Baikal fahre!

So fanden wir uns am Abend am Skandinavienkai, im Wartebereich der Finnlinefähre nach Helsinki wieder. Treffpunkt war um 19.00 Uhr angesagt und alle waren pünktlich. Die Wartezeit vor dem Check-in verbrachten wir mit einer kleinen Kennenlernrunde und für den einen oder die andere mit einem Gang ins Abfertigungsgebäude, um etwas zu Abend zu essen. Kurzfristig brach noch Hektik aus, als ein Ralf feststellte, dass er seien Kfz-Schein zu Hause hatte liegen lassen. Nach einigen Telefonaten fanden wir eine Möglichkeit, den zu Steffen bringen zu lassen, damit der ihn mit nach Helsinki nehmen konnte.

Kurz nach 21.00 Uhr stellten wir uns am Check-in Schalter vor, bekamen – mit einigen Korrekturen -die notwendigen Papiere ausgehändigt und ratterten vor in den Sammelbereich. Zu uns gesellten sich weitere Motorradfahrer, die auch Finnland als Reiseziel hatten. Die Abfahrt war für um 3.00 Uhr morgens vorgesehen. „Du musst Jürgen sein“, sprach mich ein Motorradfahrer aus Bremen an. Er hatte unsere Vorbereitungen auf Facebook verfolgt. Gegen 22.00 Uhr ging es endlich los: Fahrt an Bord der „Finnlady“, Motorräder festzurren, Gepäck mitnehmen, an Bord einchecken, Zimmer beziehen, ein erstes Bier und langsam zur Ruhe kommen. Nicht einer blieb bis zur Abfahrt auf, gegen 1.00 Uhr morgens haben sicher alle geschlafen.

02. Tag, Sonntag, 19. Juli 2015 Fährfahrt über Ostsee
(0 km)

Ausgeschlafen treffen wir uns zum Brunch an unseren reservierten Plätzen auf der Finnlady. Ein Glas Sekt zur Begrüßung ist heute für uns kein Problem, ansonsten in den nächsten Tagen und Wochen mit Sicherheit nicht zum Frühstück. Denn selbst wenn vor kurzem die Promillegrenze in Russland von 0,0 auf 0,16 erhöht worden ist, weil innerhalb kurzer Zeit unendlich viele in Russland ihren Führerschein verloren haben, ist das für uns kein Thema. Ausgiebiges Klönen und ausgiebiges Essen – wir lassen es uns gut gehen.

Anschließend versammeln wir uns in einer halbwegs ruhigen Ecke zu einer Kennenlern – Vorstellungsrunde mit ein paar persönlichen Daten, Infos zur bisherigen Fahr- und Reisepraxis und den Gedanken und Erwartungen zu unserer anstehenden Reise. Dann setzen sich Jörg und ich uns zusammen, um die Reiseroute für die Navis der interessierten Mitreisenden vorzubereiten. Es ist auch angenehmer drinnen, denn das Wetter draußen lädt nur zu kurzen Ausflügen ans Außendecke ein. Derwei für die übrigen klönen, lesen, ein Saunabesuch oder doch noch ein Bier?!

Etwas später geht es mit der nächsten Essensrunde weiter. Nun mal halblang, die Kombis müssen morgen wieder passen. An dem Abend habe ich noch lange Gespräche mit einem Teilnehmer, der uns dann doch in Helsinki aus ganz privaten Gründen verlassen muss, die rein gar nichts mit uns und unserer tour zu tun haben. Schade.

03. Tag, Montag, 20. Juli 2015
Ankunft in Helsinki, Stadtrundfahrt, Transfer zum Fährhafen nach St. Petersburg
(40 km)

Es ist schon früh hell, so dass die meisten zeitig aus den Kabinen an Deck sind und die Fahrt durch die Schären nach Helsinki beobachten. Wir treffen uns zum reichhaltigen Frühstück. Kurz danach legt die Finnlady in Helsinki an. Unsere Kabinen sind unweit des Autodecks, auf dem die Motorräder stehen. Im Nu haben wir sie abgelascht und kurz danach geht es zügig von Bord. Vom Hansaterminal aus im Nordwesten der Stadt fahren wir zu einer kleinen Stadtrundfahrt durch Helsinki zum Westterminal.

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Unser erster Stopp ist am Olympiastadion von 1950, vor dem sich eine Statue der finnischen Lauflegende Paavo Nurmi befindet. Er ist wohl der erfolgreichste Läufer aller Zeiten. Nächster Stopp: die Felsenkirche. Wie der Name schon vermuten lässt, ist diese Kirche in dem Felsen hineingearbeitet worden und als Attraktion der Stadt entsprechend gut besucht. Um hineinzukommen, müssen wir uns durch Scharen von Touristengruppen hindurch drängeln. Zu den üblichen „Normaltouristen“ kommen noch Tausende, die mit großen Kreuzfahrtschiffen in Helsinki sind. Ein Klavierspieler versucht, für die nötige Atmosphäre zu sorgen, aber gegen das Stimmengewirr der vielen Menschen hat er kaum eine Chance. Vorsorglich ist der Zutritt zum Altarraum abgesperrt, sonst wären dort sicher viele Selfies gemacht worden.

Wir fahren weiter zum Dom von Helsinki. Die von Carl Ludwig Engel entworfene evangelische Kirche liegt am Senatsplatz im unmittelbaren Zentrum Helsinkis und ist das bekannteste Wahrzeichen der Stadt. Kaum haben wir zu einer kurzen Besichtigung angehalten, müssen wir die Regensachen herausholen, denn ein kurzer Regenschauer „überrascht“ uns. Anschließend fahren wir weiter zum Parkplatz neben Finnlands ältester Markthalle am Hafen und stellen dort die Motorräder ab. Egon macht sich auf den Weg, um Steffen vom Flughafen abzuholen.

Es klappt auf die Minute und bevor wir von unserem Ausflug vom Marktplatz direkt am Hafen zurück sind, sind Egon und Steffen schon da. Kurze Begrüßung und wir fahren weiter zum Westterminal. Während ich dort mit Ralfs Unterstützung die hinterlegten Fährtickets beim Terminal der Peterlinie abhole, lädt Egon mein Motorrad aus unserem VW Bus aus. Dabei sehen alle, was wie sonst noch so transportieren. Ursprünglich waren sie der Meinung, dass wir „nur“ ihr Gepäck, Werkzeuge und Reifen dabei haben, aber nun sind die Müsli-Packungen und die vielen Pakete für das Kinderheim im Ural unübersehbar. Warten! Unsere Abfahrt ist für 18.00 Uhr vorgesehen. Die vielen Fahrzeuge neben uns wollen alle nach Tallinn, Estlands Hauptstadt. Nur drei LKW und ein Bus stehen mit uns in der „Schlange“ nach Petersburg. Dann ist es soweit, wir fahren an Bord der „Prinzessin Maria“, dem Schiff der Peterlinie, mit dem wir nach Petersburg reisen. Es ist Fähre und Kreuzfahrtschiff zugleich. Hier sind deutlich mehr Passagiere an Bord als auf der Fähre mit der wir nach Helsinki gekommen waren. Sie alle nutzen das Angebot zu einem drei Tage Ausflug nach St. Petersburg, der hier visafrei ist. Deswegen erfolgt das Abendbrot in zwei Schichten und nur auf Voranmeldung. Die Besatzung ist russisch. Alles muss eben seine Ordnung haben und kann nicht so ungeordnet wie nach dem skandinavischen System laufen, wo jeder kommen und gehen kann wie er möchte! Das Abendbrot ist wirklich gut und ganz auf die Klientel abgestimmt. Wein, Bier und alkoholfreie Getränke sind im Preis inbegriffen. Wir essen und unterhalten uns dabei so intensiv, bis man uns nach 1,5 Stunden aus dem Speisesaal hinauskomplimentiert. Die Essenszeit ist vorbei, da gibt es keine Diskussion!

Den Rest des Tages verbringen wir in vielen Gesprächen. Für Egon und mich gilt es Ängste und Befürchtungen vor dem morgigen Tag zu nehmen. Ein wenig gilt das auch für uns beide, obwohl schon so oft in Russland waren. Wir werden eine Grenze überschreiten! Eine Grenze, die territorial ist und die im Kopf besteht, aber auch eine Grenze in der Kultur und Denkweise. Mal sehen, was uns wirklich erwartet!

04. Tag, Dienstag, 21. Juli 2015
Fahrt über die Ostsee nach St. Petersburg, Stadtrundfahrt, Fahrt zum Hotel
(50 km)

Schon früh am Morgen sind Egon und ich wach, die Sonne steigt am Horizont auf. Eine halbe Stunde später ist alles im hellen Licht getaucht, das einschlafen lohnt nicht, wir pusseln vor uns hin und quatschen dabei. Tom, der mit uns auf der Kabine ist, geht es genauso. Der Tag verspricht schön zu werden.

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Beim Frühstück wird klar warum die Fähre so wenig Fracht befördert. Heerscharen von Touristen haben die Passage für einen Kurztrip nach Petersburg gebucht. Im Speisesaal ist es wirklich voll, aber jeder wird satt. Das Schauspiel der Einfahrt nach Petersburg dauert durch das flache Gewässer ca. zwei Stunden. Pünktlich um 09:30 Uhr sind wir da. Einige unserer Teilnehmer finden sich zu spät an den Motorrädern ein, weil sie auf Deck die Aussicht und das Anlegemanöver genossen haben. Damit sind wir bei der Grenzkontrolle die Letzten. Vor uns wird eine Motorradgruppe aus dem hohen Norden Russlands abgefertigt, die sich auf eine Gedenktour durch Europa anlässlich des 70. Jahrestages des Sieges über das Hitler-Regime befindet.

Wir waren gespannt auf diese Grenzkontrolle. Die Zöllner arbeiten gründlich, aber sehr korrekt.  Natürlich interessieren sie sich für den Inhalt der VW Busses. Einer lässt sich einen großen Karton mit Corn-Flakes vorführen. Nachdem Egon die Originalverpackung des Kartons geöffnet hatte, hält er ihm die Spendenbescheinigung hin. Dann nimmt er sich den Karton mit 20 F Hörgeräten vor. Glücklicherweise liegt auch hier der Lieferschein bei, aus dem hervorgeht, dass die Hörgeräte eine Spende sind. Obwohl der Bulli bis unter das Dach vollgepackt ist, werden nur diese beiden Kartons kontrolliert.

Bei den Motorrädern werden wie beim Bus die Fahrzeugpapiere kontrolliert und eingetragen, sie Visa abgestempelt. Ein kurzer Blick in die Koffer, alles ist gut. Nach nicht einmal zweieinhalb Stunden sind wir durch. Dann noch mal ein Schreck, der Wind hat Bernds abgestempeltes Zollformular weggeweht. Aber, da alles ordentlich registriert ist, können wir uns eine Ersatzbescheinigung noch vor Ort besorgen.

Vom Hafen fährt Egon mit dem Bus direkt zum Hotel vor, checkt schon mal ein und nutzt die Zeit, um einige Vorbereitungen zu treffen. Derweilen mache ich mit der Gruppe eine Stadtrundfahrt. Fast alle sind das erste Mal im „Venedig des Nordens“ und das Wetter ist herrlich. Vom Morsky Vokzal, dem Meeresbahnhof, fahren wir zu einem Fotostopp zur Isaakkathedrale, dann weiter zur Eremitage und zu den Rastralsäulen an der Newa. Dort treffen wir auf ein älteres russisches Ehepaar, das vor zwei Jahren in Sachalin mit einem zum Wohnmobil umgebauten Lieferwagen gestartet ist und nun auf dem Weg zur Krim ist.

Weiter geht es vorbei an der Peter-Paul-Festung zum Liegeplatz der Aurora, die aber nicht da ist. Erstaunen in allen Gesichtern. Entlang der Newa fahren wir zum Hotel Moskwa und  dann über den Newski Prospektwieder nach Nordosten, sehen die Kasaner Kathedrale, die Kirche auf dem Blute und so viel mehr, dass wir an der Grenze unserer Aufnahmefähigkeit sind. Ein kleines Stück den Newski wieder runter, entlang des Fontanka Kanals und dann sind wir an unserm Hotel. Gut so. Das Azimut ist ein mittleres Hotel im Zentrum mit ca. 1100 Zimmern, mit 18 Stockwerken das höchste Hotel der in Sankt Petersburg. Als wir eintreffen, erwartet uns Egon schon und ist vorbereitet, alle Fragen zu beantworten. Absatteln und ein ersten Stiefelbier –nein, nicht einen Stiefel Bier für jeden, sondern noch in den Stiefeln ein Bier. Runterkommen. Nach dem Beziehen der Zimmer und dem Abendessen wechseln wir noch Geld in der Bank gegenüber und dann lässt jeder diesen Tag auf seine Weise ausklingen.

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3 Gedanken zu “Durch Sibirien zum Baikalsee 01. – 04. Reisetag

  1. Haselbauer, Horst

    Hallo Biker,
    nachdem ich selber erst von einer Reise durch Tschechien und Polen zurückgekommen bin, verfolge ich nun mit großer Aufmerksamkeit eure Tour.
    Jürgen hängt allerdings mit seiner Berichterstattung etwas hinterher, wenn er die Texte vielleicht etwas kürzer verfasst schafft er es.
    Auf den Fotos habe ich einige Teilnehmer der letztjährigen Tour, an der ich selbst teilgenommen habe, wieder erkannt. Schönen Gruß an Thomas, Tom und Rainer.
    Wünsche allen Teilnehmern eine unfallfreie Fahrt ohne Pannen und viele tolle Erlebnisse.
    Liebe grüße vom Ammersee wünscht
    Horst

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    1. Rolf S.

      Juri ist ‚unser‘ Motorrad fahrender Geschichts- u. Land- u Leutekenner. Ich finde den Blog 1 A, exklusiv sowie hoch informativ und man darf ja herunterscrollen (;-)

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