Durch Sibirien zum Baikalsee 05. – 08. Reisetag

05. Tag, Mittwoch, 22. Juli 2015: Von St. Petersburg über Nowgorod ins Waldai (340 km)

Pünktlich um 7.00 beginnt der Sturm auf das Frühstück-Buffet. Es sind überwiegend asiatische Reisende, die sich dort drängeln, unsere kleine Gruppe und die Gruppe polnischer Touristen fallen fast nicht auf. Bei der morgendlichen „Lagebesprechung“ vor der Abfahrt entscheiden wir uns, die Regensachen gleich anzuziehen. Bei bedecktem Himmel und vereinzeltem Nieselregen ist das sicherer. Wir verlassen St. Petersburg nach Süden.

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Der Verkehr ist dicht, das Meiste kommt uns aber entgegen. Aus der Stadt hinaus ist die Straße vierspurig, etliche Kilometer hinter der Stadt wird sie dann dreispurig, im Wechsel pro Seite mal ein- mal zweispurig. Polizei ist häufig zu sehen. Die Jungs machen einen guten Job. Obwohl in den Ortschaften nur 60 km/h erlaubt sind, werden wir mit 65 km/h nicht, wie früher üblich, herausgezogen und mit Palaver und Strafen bedroht. Solange man sich dem fließenden Verkehr anpasst, überwiegend sind es Lastzüge, ist alles in Ordnung. Die Landschaft ist flach, zwischendurch viel Wald und sumpfige Stellen. Schon vor Nowgorod hat der Regen aufgehört. Veliki Nowgorod – das große Nowgorod – ist heute zwar bedeutend kleiner als Nishni Nowgorod, das kleine bzw. das untere Nowgorod, gilt aber immer noch als kulturelles Zentrum des russischen Kernlandes. Hier kreuzten sich in der Frühzeit bis zum Mittelalter die bedeutenden Handelswege von Nord nach Süd und von Ost nach West. Über die seichten langsam fließenden Flüsse fuhren Boote von der Ostsee ins Schwarze Meer und nach Byzanz, auf dem Landwege gelangte man von Europa zu den Skythen und Tataren. Zentrum der Stadt war und ist der Kreml, ein Kirchen- und Verteidigungskomplex, der sich nahezu immer in Ortsmitte befindet.

Die Anlage im 11. Jahrhundert im Auftrag von Fürst Jaroslaw, dem Weisen errichtet. In seinem Auftrag entstand auch die berühmte Sophienkathedrale zur Erinnerung an den Sieg seiner Truppen über den kriegerischen Nomadenstamm der Pechenegy. Entlang der 1,3 Kilometer langen Festungswand sind acht große Türme angeordnet. Im Kreml ist neben der Sophien-Kathedrale mit ihrer Magdeburger Bronzetür und dem separaten Glockenturm das Denkmal zum Tausendjährigen Staatsjubiläum Russlands sehenswert. Auf der Bronzestatue sind 129 Figuren von Zaren, Heiligen und Feldherren zu entdecken, unter anderem Alexander Newski, ein Nowgoroder Fürst aus dem 13. Jahrhundert, der für den Sieg über die Schweden und später über die Deutschen in der Schlacht auf dem Peipussee bekannt ist. In dieser Zeit war Nowgorod stark von der Kaufmannsschicht geprägt und unterhielt gute Kontakte zur Hanse, die dort auf der anderen Flussseite, im St. Peterhof ein eigenes Kontor betrieb, damals der zentrale Umschlagplatz der Fernkaufleute.

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Während des Russlandfeldzuges von 1941–1945 war Nowgorod bis zum Januar 1944 unter deutscher Besatzung und erlitt dadurch große Schäden. Unter anderem wurden die Bibliothek der Nowgoroder Altertums-Gesellschaft und die Museen geplündert. Die zum Teil wieder aufgebaute historische Altstadt mit ihren Dutzenden Kirchen, Klöstern und dem Kreml aus dem 11. Jahrhundert wurde 1992 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt. Leider reicht unsere Zeit dieses Mal nur, den Kreml zu besichtigen

Wenn wir uns schon im russischen Kernland befinden, dann wollen wir auch sehen, wie man hier lebt. Also nehmen wir die Einladung von Gisbert Mrozek (www.aktuell.ru) gerne an, ihn auf seiner Datscha zu besuchen. Jeder Russe, der es sich leisten kann, besitzt auf dem Lande ein kleines Häuschen und wohnt dort im Sommer. Gemüse als Vorrat für den Winter wird angebaut und wenn die Möglichkeit besteht, wird Vieh gehalten. Auch Giesbert richtet seine journalistische Tätigkeit so ein, dass er häufig auf der Datscha ist. Sein Grundstück im Dorf ist ca. knapp4 ha groß und befindet sich in einem kleinen Ort mit ca. 10 Häusern, ca. 20 Km von der Hauptstraße entfernt im Waldai. Unweit davon hat auch Herr Putin sine Datscha. Bis Moskau ist es nicht weit, bereits nach 400 km ist man im Stadtzentrum, bis St. Petersburg sind es gut 300 km. Den Abend verbringen wir mit vielen Gesprächen. Gisbert und Susanna, die eine Künstleragentur betreibt, stehen geduldig Rede und Antwort. Bald gesellen sich Nachbarn dazu, der Abend wird ein kleines Dorffest. Wir grillen – es Schaschlyk, üppige Fleischspieße, hervorragende Salate, Bier, zur Überraschung aller russischen Wein und Wodka in verschiedenen Variationen. Während ich zusammen mit Gisbert einigen zeige, wie eine russische Banja funktioniert, fällt bei anderen die Abendtoilette er kurz aus. Geschlafen wird sehr einfach auf Sofas, Matratzen und Betten, die Susanna und Gisbert für ihre zahlreichen Gäste immer vorrätig haben.

6. Tag, Donnerstag, 23. Juli 2015: Fahrt durchs Waldai nach Twer (240 km)

Nach der Nacht auf der Datscha treffen wir uns alle bei einem guten Frühstück wieder. Außer Brot und Butter ist alles andere selbstgemacht: Käse in verschiedenen Sorten, Jogurt und leckere Marmeladen. Auf dem Rückweg in den Ort Waldai stoppen wir noch am Denkmal für die Gefallenen des Großen Vaterländischen Krieges, wie der Zweite Weltkrieg hier genannt wird und legen Blumen nieder.

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Im Ort besuchen wir das berühmte Glockenmuseum, das einzige Glockenmuseum Russlands, das sich in einer ehemaligen Kirche befindet. Interessiert verfolgen wir einem Vortrag über die Geschichte der Glocken und ihre Bedeutung für die Christenheit, von Gisbert übersetzt. Wir erleben auch eine Demonstration des typischen Glockenspiels einer russisch orthodoxen Kirche. Anschließend fahren wir zu dem sehr schön am See gelegenen Iwerski-Kloster. Das Kloster stammt aus dem Jahr 1653. Hauptaufgabe der Mönche bestand darin, Bücher aus alten Schrift in die russische Sprache zu übersetzen. Hier arbeitete die erste russische Provinzdruckerei. Nachdem es in der Sowjetzeit nicht genutzt werden durfte, erfolgte 1991 die Rückgabe von Gebäuden und Land an die Kirche und die Wiedereröffnung als Kloster. Heute unterhalten die Mönche ein Gästehaus und beschäftigen auf ihren Domänen zahlreiche Leute der Umgebung.

Danach fahren wir zum Mittagessen in ein Fisch-Restaurant am See. Aus einem Teller Fischsuppe schaut ein Hecht-Kopf heraus, der hier als große Delikatesse gilt. Danach nehmen wir Abschied von Susanna und Gisbert und fahren dann ca. 200 km durch die leicht hügelige Landschaft des Waldai in Richtung Moskau. Unsere Reise folgt nun den Spuren Katharina der Großen, die regelmäßig per Kutsche von Moskau nach St. Petersburg reiste. Wir erreichen Twer, das während der Zarenzeit als Zwischenstation auf dem Weg von Moskau nach St. Petersburg und umgekehrt benutzt wurde, denn für ihre Übernachtungen unterwegs ließ sich die Zarin einen eigenen Reisepalast in Twer erbauen. Auch wir unterbrechen in Twer unsere Reise, übernachten im Park Hotel, direkt an der Wolga gelegen, bevor wir am nächsten Tag die geschichtsträchtigen Orte des „Goldenen Rings“ erreichen wollen.

7. Tag, Freitag, 24. Juli 2015 Von Twer über Sergejew Posad nach Susdal (420 km)

Das Park-Hotel in Twer liegt ein wenig abseits der Straße in einem Park. Es ist ein einfacher Bau mit drei Geschossen. Immerhin hat es drei Sterne und einen ansprechenden Service. Man spricht deutsch, zumindest die junge Frau an der Rezeption. Auch das Restaurant hat einen gehobenen Standard. Und es gehört zum „guten Ton“ dass unseretwegen eine Zwei-Mann-Kapelle zwar lautstark aber wirklich gut aufspielte. Das war gestern Abend. Beim Frühstück ist es ruhiger.

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Wir verlassen die Magistrale Richtung Moskau, so werden hier die Autobahnen genannt, und begeben uns auf Nebenstraßen nach Dubna. Unser Ziel ist es nicht den Forschungsreaktor und das ehemalige Wirkungsfeld von Frau Dr. Merkel zu besuchen, sondern wir wollen den Anfang des Moskau-Wolga-Kanal besichtigen. Er wurde Anfang der Dreißiger Jahre von ca. 200.000 Häftlingen überwiegend in Handarbeit geschaufelt und ist 128 km lang. Seine pompöse Architektur an den Ufern sollte ein Schaufenster des Sozialismus sein. Die über 25 m große Lenin-Statue an der Mündung in die Wolga steht immer noch fest und unerschütterlich, während sich auf der gegenüberliegenden Seite, wo einst eine ebenso große Stalin Statue stand, heute nur ein Parkplatz befindet. Wir fahren ein wenig weiterund machen Picknick.

Zweite Station ist die Stadt Zagorsk, die seit 1991 wieder Sergejew Posad heißt. Die Stadt, deren Name so viel wie „Possad des Heiligen Sergius“ bedeutet, ist vor allem durch das dort gelegene, zum UNESCO-Welterbe zählende Dreifaltigkeitskloster bekannt. Es gehört zum sogenannten Goldenen Ring von historischen Städten nordöstlich von Moskau und ist eines der wichtigsten Touristenziele im Moskauer Umland. Alle sind nach der Besichtigung von der Größe des Komplexes und von den herrlichen Gebäuden und ihren Farben überwältigt. Wir verlassen die volle Klosterstadt durch einen dort üblichen Verkehr. Später erhalte ich eine SMS, in der uns unser Freund, der Pope Dimitri mitteilt, dass es uns gesehen habe, auf der anderen Straßenseite im Stau stehend – er, den wir einige tausend Kilometer weiter im Osten vermutet hatten.

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Das Wetter, mitunter etwas regnerisch, wird deutlich besser: Als weiteres Highlight des heutigen Tages kommt die Sonne ein wenig hervor und sehr schnell sind die Temperaturn bei 26 Grad. Auf kleinen Straßen erreichen wir das wunderschöne Susdal und krönen den Abend mit einem Spaziergang durch diese beeindruckende Kloster- und Kirchenstadt.

8. Tag, Sonnabend, 26. Juli 2015: Von Susdal über Palech nach Nischni Nowgorod (360 km)

Zum Frühstück gibt es „Kascha“ und „Blinis“, die noch nicht von allen unseren Mitreisenden probiert werden. Kascha ist ein Brei, häufig ein Haferschleim oder ein dicker Milchbrei aus Buchweizen oder, so wie heute, aus Gerstenflocken. Blinis sind Chreps oder Eierkuchen, die mit saurer Sahne oder Marmelade oder Honig oder Kaviar gegessen werden können, mitunter auch mit Quark oder Hack gefüllt angeboten werden. Nutella steht hier nicht auf dem Speisenplan. Die Auswahl an Wurst und Käse hält sich heute in Grenzen. Nach typischer russischer Sitte ist sowieso Rauchwurst oder andere Dauerwurst sehr selten.

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Auf dem Weg lernen wir neue Ortsnamen kennen. Es gibt einen Buschmann und sogar einen Ort Peking! Die Hauptstraße fährt sich gut, trotz der vielen Baustellen. Auf den Nebenstraßen können wir wegen der tiefen Spurrillen und den Schlaglöchern oft nicht schneller als 70 Km/h fahren. Der Ort Palech ist vor allem für das hier gepflegte Ikonenmaler- und Lackier-Handwerk bekannt. Er liegt im Süden der Oblast Iwanowo und ist mit 5.500 Einwohnern das Verwaltungszentrum des gleichnamigen Rajons. Durch den Ort fließt das Flüsschen Paleschka. Palech entstand im 15. Jh. als Dorf. Der Ortsname hat seinen Ursprung in der finno-ugrischen Sprache, was eine Besiedelung noch weit vor dem 12. Jh. vermuten lässt.

Im 15. Jh. gehörte das Dorf einem Sohn von Zar Iwan IV. dem Schrecklichen. Die Entstehung der Palecher Ikonenmalkunst wird ab dem 16. Jh. vermutet, als Palech zu einem Handwerkerort wurde, in dem unter anderem Holzschnitzer tätig waren. Zum Anfang des 18. Jhs. etablierte sich hier bereits ein eigenständiger Stil der Ikonenmaler, der unter anderem an Traditionen des alten Susdaler Staates anknüpfte.

Nach der Oktoberrevolution 1917 ging die Ikonenmalerei in Palech im Zusammenhang mit der staatlichen antireligiösen Kampagne der Kommunisten zurück und hörte zeitweilig fast auf zu existieren. 1924 entstand im Ort ein Artel von Künstlern, das sich auf Holzmalereien sowie auf Lackminiaturen spezialisierte. Dieses Handwerk, die so genannte Palech-Miniatur hat in Palech bis heute Bestand. Seit dem Ende der Sowjetunion werden die alten Ikonenmalertraditionen wieder belebt. Die Lackminiaturen aus Palech sind traditionelle russische Lack-Miniaturmalereien in Eitemperafarben auf Pappmaché. Gewöhnlich werden Schatullen, Schachteln, Dosen, bauchige Tonnenkrüge, Tafeln, Broschen, Platten, Aschenbecher, Krawattennadeln, Anstecknadeln, Kerzenständern, Salzfässchen und andere Gebrauchsgegenstände mit dieser dekorativen Lackminiaturmalerei verziert. Heute lebt Palech vorwiegend vom Handwerk und vom Tourismus; es gibt eine Kunstschule und mehrere Holzmalerei-Werkstätten. Weitere, zur Sowjetzeit existente Industriebetriebe, darunter Textilfabriken, sind seit den 1990er Jahren außer Betrieb.

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In Palech treffen wir wieder auf Egon, der uns mit dem Bus hinterhergefahren war. Leider klappt es mit unserem geplanten und verabredeten Besuch in der Ikonenmalerei nicht, der Chef musste kurzfristig weg. Stattdessen besuchen wir das neue Ikonenmuseum, das uns einen guten Eindruck in die Geschichte der Ikonen und in die Maltechniken gibt.

Dann geht es zusammen weiter. An einem kleinen See legen wir eine Mittagspause ein und machen ein Picknick. Frisch gestärkt fahren wir Richtung Nishni Nowgorod weiter. An einer Tankstelle trennen wir uns: Egon fährt mit dem größten Teil der Gruppe direkt zum Hotel, ich mache mit einigen technisch sehr interessierten einen Abstecher zu einem hyperbolischen Turm, dem einzigen der als Freileitungsmast Verwendung gefunden hatte und heute noch existiert. Dieser Mast wurde 1929 vom russischen Ingenieur und Erfinder Wladimir Schuchow errichtet, der zu den genialsten Ingenieuren des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts gehört.

Eine Hyperboloidkonstruktion ist eine Konstruktion als Fachwerk oder Tragwerk in Form eines Rotationshyperboloids. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass ihre äußere Hülle aus einer oder zwei Scharen von geraden Elementen gebildet wird, sodass trotz der freien Form keine gekrümmten Bauteile erforderlich sind. Dabei können hohe Türme mit minimalem Windwiderstand gebaut werden.

Nishni Nowgorod ist beeindruckend. Vom Stadtrand bis zum Zentrum sind es circa 60 km. Diese Stadt mit 1,2 Millionen Einwohnern war und ist ein industrielles Zentrum in Russland. Hier erreichen wir wieder Mütterchen Wolga, Europas großen Strom, der mit einer Länge von 3.530 Kilometern der längste Fluss Europas ist. Bei der Stadt mündet die Oka. Es gibt für die Wolga typisch eine Bergseite, auf der sich auch der Kreml befindet und eine Wiesenseite, auf der sich der größte Teil der Stadt und die Industrieanlagen befinden.

Die Wolga war schon eine Wasserstraße von großer Bedeutung, als es das Russische Reich noch gar nicht gab. Über ihn und das Kaspische Meer fuhren die Wikinger bis nach Persien. Entlang der in zahllosen Volksliedern romantisch besungenen Wolga lag auch wertvolles Kulturland, das seit den 50er Jahren in gewaltigen Stauseen ertränkt wurde. Stauseen, die so groß sind, dass sie in vielen Fällen das regionale Klima veränderten.

Der Nischni Nowgoroder Kreml ist das historische Zentrum der Stadt. Unweit davon ist unser Hotel. Obwohl das Restaurant hier um 18.00 Uhr Feierabend hat, bekommen wir um 19.30 Uhr noch Abendbrot in Form eines 3-Gang-Menüs. Wir treffen auf zwei deutschen Motorradfahrer, die sich mit Egon hier verabredet hatten, um von ihm Informationen zu einer Tour zu erhalten, die sie in den hohen Norden führen soll. Weil er dort im letzen Jahr war, als wir ihn auf seiner Rücktour in Bingi, im Ural, getroffen hatten, meinen sie, dass ich die Straßenverhältnisse kenne. Wir sind gespannt, was aus der Reise werden wird.

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