Europas unbekannte Mitte: Litauen

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Mit seiner sanften Schönheit und faszinierenden Vielfalt macht der größte und  bevölkerungsreichste Staat des Baltikums die Region zu einem interessanten  Motorradreiseland. Litauen ist das Tor zum Baltikum  und Europas unbekannte Mitte.

Litauen mit dem Motorrad

„Kiel! Was wollen wir denn in Kiel?“ fragte Freund Thomas erstaunt, „was hat Kiel mit Litauen, dem Baltikum und Motorradreisen zu tun?“ „Ganz einfach“, entgegnete ich, „Kiel ist für mich das Tor ins Baltikum, für jede unserer Motorradreisen nach Litauen und weit darüber hinaus.“ Schon vor Jahren habe ich beschlossen, die entspannte Form einer Anreise mit der Fähre zu wählen. Statt tagelang auf dem Landweg durch Polen anzureisen, ist die 22stündige Seereise über die Ostsee der ideale Weg, die Reise nach Litauen, in die übrigen baltischen Staaten oder nach Russland zu starten. Heute stehen wir zusammen mit anderen Motorradfahrern im Kieler Hafen und warten darauf, an Bord der VICTORIA SEAWAYS fahren zu können. Endlich geht es los. Langsam rollen wir über die Laderampe der Fähre in unseren Parkbereich.

Auch mit 2 PS kann man Litauen auf eine ganz beschauliche Art erkunden

Auch mit 2 PS kann man Litauen auf eine ganz beschauliche Art erkunden

Die ersten Fahrer wollen hektisch ihre Motorräder verzurren. Aber die Jungs von der Crew übernehmen das und sichern die Motorräder professionell und routiniert. Ich sehe mir das trotzdem an. Ein kurzer Check, Klasse gemacht. Das habe ich auch schon anders erlebt! Mit dem kleinen Gepäck geht es direkt an die Bar. Noch bevor wir unserer Kabinen beziehen, gibt es das traditionelle „Stiefelbier“, das erste Bier nach der Ankunft noch in voller Montur und eben noch in Motorradstiefeln. Entschleunigen, in Ruhe mit den Mitreisenden klönen, die Seefahrt genießen. Der Urlaub hat begonnen.

Die Kneipe im alten Speicher in Klaipeda/Memel lädt zu einer gemütlichen Rast ein

Die Kneipe im alten Speicher in Klaipeda/Memel lädt zu einer gemütlichen Rast ein


Nach traumhafter 22-stündiger Seereise mit der DFDS Fähre und – dank Schengen – völlig problemloser Einreise verlassen wir den Fährhafen Tarptautinė Jūrų Perkėla und schwingen die 15 Kilometer ins Zentrum der alten Hansestadt Klaipeda. Nach dem Einchecken ins Hotel ziehen wir direkt los. An den Wochenenden im Sommer geht in Klaipeda abends die Post ab. Viele junge Leute sind in der Altstadt dieser ehemaligen Hansestadt unterwegs. Musik tönt aus den Kneipen, den alten Speichern am Fluss Dange/Dane.

Auch der Dom der Kathedrale St, Stanislaus in Vilnius hat seinen „schiefen“ Turm

Auch der Dom der Kathedrale St, Stanislaus in Vilnius hat seinen „schiefen“ Turm

Hier steppt der Bär. Ehe wir uns ins Getümmel stürzen, schaffen wir uns mit Saltibarsciai, der leckeren litauischen Rote Beete Suppe und Didžkukuliai, mit Hackfleisch oder Quark gefüllten Kartoffelklößen, eine gute Grundlage. Auf den vollen Magen kommen im Laufe des Abends das ein oder andere Švyturys, das bekannteste Bier Litauens. Seit 1784 wird dieses Bier hier in Klaipėda, dem alten Memel, nach deutscher Brautradition hergestellt. Beliebt ist in Klaipeda auch das Grogtrinken in einem der Weinkeller der Stadt. Das müssen wir uns das aber verkneifen, denn am nächsten Morgen wollen wir weiter. Außerdem gilt in Litauen die 0,4 Promille Grenze. Das bringt uns rechtzeitig und doch recht nüchtern ins Bett.

Die Netze gehören zur ornithologische Station in Vente am Kurischen Haff

Die Netze gehören zur ornithologische Station in Vente am Kurischen Haff

Südostwärts geht es, zunächst nach Vente, in die Windenburger Ecke, auf eine Landzunge, die ins Kurischen Haff ragt. Neben dem markanten Leuchtturm gibt es hier eine ornithologische Station, die seit 1929 besteht. In großen Netzen werden Vögel gefangen, untersucht, beringt und anschließend wieder frei gelassen. Durch das Nemunas-Delta erreichen und folgen wir der Nemunas, uns als Memel bekannt. Im Grenzbereich zum Königsberger Gebiet scheint die Zeit still zu stehen. Unterwegs gibt es kaum Autoverkehr, gelegentlich ein Pferdewagen und immer wieder Störche. Nur am Abzweig nach Tilsit/Sovjetsk wird der Verkehr dichter. Linker Hand, auf dem Geesthügel, ragt immer wieder ein Schloss oder eine Burg über die Baumwipfel hervor. Es ist eine Burgenstraße, der in die alte Hansestadt Kaunas folgen. Kirchen dominieren deutlich die Altstadt von Kaunas – und natürlich die vielen jungen Leute, die auch wochentags die Kneipen am Hauptplatz und in den Fußgängerzonen bis spät in die Nacht mit Leben erfüllen.

In den Städten ist Leben, speziell am Abend. Auch hier in Kaunas lässt sich das bunteTreiben von einem Straßencafé aus beobachten

In den Städten ist Leben, speziell am Abend. Auch hier in Kaunas lässt sich das bunteTreiben von einem Straßencafé aus beobachten

Zwei Teufeleien hat Kaunas zu bieten, zum einen das Teufelsmuseum, in dem unzählige Teufelsdarstellungen mit überwiegend humoristischem Charakter zusammengetragen wurden, zum andern einen wirklich teuflischen Ort, das IX. Fort. Eine Ausstellung informiert über die Anlage, in der Deutsche und ihre litauischen Helfershelfer 80.000 Menschen, Juden aus dem Ghetto der Stadt, Deportierte aus anderen Ländern und russische Kriegsgefangene ermordeten.

6Auf einer Insel im Galvé-See liegt in Trakai die einzige gotische Wasserburg in diesem Teil Europas. Nur eine kurze Fahrt und wir sind in Vilnius. Die litauische Hauptstadt beeindruckt uns in ihrer Vielfalt. Die Altstadt, inzwischen Weltkulturerbe, ist ein Juwel. Das schönste Barock-Ensemble nördlich von Rom!  Vilnius ist historisch und modern zugleich. Wir bummeln durch die verwinkelten Gassen, kehren in den Cafés ein. Aber am liebsten bin ich im „Montmatre von Vilnius“. 1997 haben Künstler und Leute, die bewusst und satirisch gegen Zeitgeist und Konsumwahn agieren und leben, hier die „Unabhängigen Republik Užupis“ ausgerufen, sogar mit einer eigenen Verfassung. Darin steht, dass jeder Einwohner das Recht hat, missverstanden zu werden und unglücklich zu sein – es aber nicht sein muss.

„Montmatre von Vilnius“ – Grenzschild zur „Unabhängigen Republik Užupis“

„Montmatre von Vilnius“ – Grenzschild zur „Unabhängigen Republik Užupis“

Besucher können sich am Sitz der „Regierungsbehörde“ in der Galeriekneipe Užupio Kavinė gleich hinter der Užupio-Brücke ein Visum in den Pass stempeln lassen. Ihr Schutzpatron ist Frank Zappa, der allerdings nie in Vilnius war. Etwas einsam, ein Stück entfernt von der Republik, steht sein Denkmal auf einer kleinen Grünfläche vor einer Klinik. Eine zierliche Büste auf einer Metallsäule. Kurz bevor wir nördlich von Vilnius die A12 verlassen wollen, stoppt uns die Polizei. Freundlich werden wir nach den Papieren gefragt. Doch dann: „Schöne Motorräder habt ihr. Ich fahre privat auch Motorrad.

Die Polizei ist höflich und korrekt. Bei Kontrollen wollen die Beamten die Motorräder oft nur ansehen

Die Polizei ist höflich und korrekt. Bei Kontrollen wollen die Beamten die Motorräder oft nur ansehen

Passt auf und fahrt bitte nicht zu schnell. Zu eurem Ziel biegt ihr die nächste nach links ab.“ Wenig später erreichen wir, dem Hinweis „Europos centras“ folgend, das geografische Zentrum Europas. Nach ein paar Schritten erreichen wir einen alten Burghügel, auf dem in einem Findling Koordinaten eingraviert sind: 25° 19‘ östlicher Länge und 54° 54‘ nördlicher Breite.

Nicht alle Straßen in Litauen sind asphaltiert. Manchmal nehmen wir auch einen Verbindungsweg unter die Räder und entdecken die Einsamkeit

Nicht alle Straßen in Litauen sind asphaltiert. Manchmal nehmen wir auch einen Verbindungsweg unter die Räder und entdecken die Einsamkeit

1989 vom Nationalen Geografischen Institut Frankreichs mit Computerhilfe vermessen und festgelegt, befindet sich hier, als Schnittpunkt der Achsen Nordkap-Kreta und Ural-Gibraltar, der Mittelpunkt Europas. Unweit davon steht eine pompöse, später errichtete, gekrönte Säule. Der alte Stein gefällt mir besser.

Auf den Überlandstraßen herrscht meistens wenig Verkehr und das Fahren macht Freude

Auf den Überlandstraßen herrscht meistens wenig Verkehr und das Fahren macht Freude

In einer Seenlandschaft liegt Molėtai. Wir stoppen in der Kleinstadt auf einen Kaffee. Entschleunigen. Etwas weiter passieren wir den Kurort Anykščiai, der als „Weimar Litauens“, gilt, da hier viele litauische Schriftsteller lebten und wirkten. Wir sind in der Hügellandschaft der „Litauischen Schweiz“ unterwegs. Ansätze von Kurven sind zu erkennen, ein welliges Auf und Ab lässt das Motorradfahren wieder mehr Spaß machen. Mehrfach kreuzt die Straße kleine Flüsse und bringt uns über Panevėžys nach Siauliai. Nördlich der Stadt verpassen wir fast an einem Abzweig einen unscheinbaren Hinweis: „Kryziu kalnas“, der „Berg der Kreuze“, unser nächstes Ziel.

Der „Berg der Kreuze“ ist ein ganz besonderer Ort von großer Spiritualität

Der „Berg der Kreuze“ ist ein ganz besonderer Ort von großer Spiritualität

Trotz zahlreicher Touristengruppen ist dieser Berg ein ganz besonderer Ort, von großer Spiritualität, voller Sagen und Legenden. Durch eine eher unspektakuläre Landschaft fahren wir weiter nach Westen, bis wir an der Küste den beliebten Badeort Palanga erreichen. Strandurlaub ist nicht mein Ding. Mich reizt das örtliche Bernsteinmuseum viel mehr. In einem pittoresken Schloss untergebracht, beherbergt es eine bemerkenswerte Sammlung von Bernsteininklusen. In Bernstein eingeschlossene Tiere und Pflanzen, von festem Harz konserviert, haben so bis heute „überlebt“. Auf dem Weg nach Klaipeda passieren wir Nemirseta, auf Deutsch Nimmersatt, „wo das Deutsche Reich ein Ende hat“, bis 1919 der nördlichste Ort des Deutschen Reiches.

Sehenswert ist die Wasserburg von Trakai. Die spätmittelalterliche Anlage aus dem 14. Jahrhundert liegt malerisch inmitten der umgebenden Seenlandschaft

Sehenswert ist die Wasserburg von Trakai. Die spätmittelalterliche Anlage aus dem 14. Jahrhundert liegt malerisch inmitten der umgebenden Seenlandschaft

Dann rollen wir zurück nach Klaipeda zu einem kleinen Fährhafen, um mit der Fähre über das Kurische Haff auf die Nehrung überzusetzen. Die Nehrung trennt das Kurische Haff von der Ostsee und ist eine 98 Kilometer lange Halbinsel, zwischen 380 Metern und 3,8 Kilometern breit. Der etwas größere Teil gehört zu Litauen, der übrige Teil mit der „Kaliningrad Oblast“, dem Königsberger Gebiet, zu Russland. Nach Jahrhunderten der Abholzung besteht die Nehrung aus Sand mit riesigen Wanderdünen, die immer wieder Ortschaften unter sich begruben.

Die Große Düne bei Nidden

Die Große Düne bei Nidden

Die Große Düne bei Nidden ist eine der größten Europas. Seit dem Jahr 2000 ist die Halbinsel UNESCO Weltnaturerbe und steht unter Naturschutz. Gegen Gebühr erhalten wir eine Einfahrgenehmigung und fahren in das Fischer- und Künstlerdorf Nidden. Hier ließ sich der Schriftsteller Thomas Mann 1930 ein Sommerhaus bauen. Heute beherbergt es ein Museum. Von dort aus haben wir einen großartigen Blick auf das Kurische Haff. Mit einigen Zwischenstopps fahren wir wieder zurück in Klaipeda. Ein letzter Rundgang, ein letztes typisches Abendessen. Der Abend wird aber nicht allzu lange, denn um 22 Uhr beginnt das Einschiffen nach Kiel. Schon bald werden wir wieder zurück sein. Ganz sicher.

Thomas Manns Ferienhaus in Nidden

Thomas Manns Ferienhaus in Nidden

Doch zuvor wartet an Bord noch das Stiefelbier auf uns. Die Rückfahrt mit DFDS gibt uns die Gelegenheit, von einem kleinen Abenteuer im Baltikum Abschied zu nehmen. Wir lassen die vergangene Zeit Revue passieren und wissen sicher: es wird ein Wiedersehen geben mit Litauen, seinen quirligen Städten, den mystischen Stätten, den fast menschenleeren Landschaften und vielen anderen, einzigartigen Orten dieses aufregend-abenteuerlichen Landes. Lettland und Estland müssen noch folgen und wir müssen ihm noch folgen, wie ein Dichter dort schrieb, dem Ruf nach Himmel, Erde, Wäldern, weißen Birken, grünem Moos und nach Begegnungen.

Jürgen „Juri“ Grieschat

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