Island – zur Hölle und zurück

Ein Reisebericht von unserem Motorrad-Experten Jürgen „Juri“ Grieschat

Island als Insel der Kontraste zwischen Europa und Amerika fasziniert nicht nur Naturliebhaber. Motorradfahrer können das Eiland in einer Woche auf der Ringstraße umrunden, doch die schönsten Stellen sind nur über Pisten zu erreichen, die das Herz eines jeden Endurofahrers höher schlagen lassen.

Schon Jules Verne wusste, wer zum Mittelpunkt der Erde reisen will, muss nach Island kommen. Nirgends ist die Erdkruste jünger und durchlässiger. Unter Thingvellir, einem der bedeutendsten Orte Islands – hier tagte vor mehr als tausend Jahren das erste Parlament Europas – kocht und brodelt die Erde. Die Spalte vor meinen Füßen trennt den europäischen vom amerikanischen Kontinent. Hier ist das Ende Europas, beginnt Amerika. Ununterbrochen rücken die Felswände des Canyons weiter voneinander fort: jedes Jahr zwei Zentimeter. Eine Reise nach Island ist auch eine Reise in die Werkstatt der Schöpfung. Urgewalten haben Island geprägt, Stürme des Atlantiks an seinen Küsten genagt. Über Felswände stürzen gewaltige Wasserfälle hinab – die Schmelzflüsse der Gletscher. Der größte unter ihnen, der Vatnajökull, bedeckt im Südosten Islands elf Prozent der gesamten Inselfläche. Ein riesiger Eisblock auf einem Grill, denn unter dem Eispanzer kocht es. Vulkanologen haben auf Island mehr als 200 Vulkane gezählt. Seit der ersten Besiedlung der Insel vor 1 100 Jahren wurden rund 200 Ausbrüche gezählt, im Schnitt also alle fünf Jahre einer.

Es ist dieses spannende Gefühl, der Schöpfung so nahe zu sein, das mich immer wieder auf die Insel im Nordatlantik zieht. Und natürlich das Motorradfahren. Zwar kann man Island bequem in einer Woche auf der weitestgehend geteerten Ringstraße umrunden, doch die schönsten Stellen sind nur über Pisten zu erreichen, die das Herz eines jeden Endurofahrers höher schlagen lassen. Unsere gut zweitägige Überfahrt vom Norden Dänemarks nach Island verläuft ausgesprochen ruhig, erscheint fast wie eine Kreuzfahrt. Das ist aber nicht immer so. An Bord treffen wir Klaus, mit dem ich eine Weile durch Alaska gereist war und Heike und Helmut, alte Freunde, die zusammen mit ihren Kindern Island auch auf Motorrädern umrunden wollen.

Halt bei den Zöllnern

Bei unserer Ankunft zeigt sich Island im Nebel. Rasch geht es in Seydisfjödur von Bord, doch dann dauert es ziemlich lange, denn unser Geländewagen wird durch die neuinstallierte Röntgenanlage geschickt und anschließend in der Halle untersucht. Es geht den Zöllnern aber nur um seinen Tank, er hatte im Röntgenbild undefinierbare Schatten geworfen. Der Inhalt unseres Autos interessiert sie glücklicherweise nicht. Anderen Reisenden aber werden die mitgebrachten Wurstwaren abgenommen.

Der Nebel verzieht sich rasch, doch noch ist es empfindlich kühl. Über einen Pass geht es hoch nach Egilsstaðir. Zelte aufbauen, Geld tauschen und dann machen wir einen ersten Ausflug.

Am nächsten Tag ist das Wetter besser und wir fahren Richtung Snaefell. Stopp bei einem ehemaligen Kloster, das in den 1930er Jahren der Hamburger Architekt Fritz Höger zum Wohnhaus für den isländischen Dichters Gunnar Gunnarson umbaute. Gelegenheit für einen Museumsbesuch und einen Kaffee. Aber sobald wir aus dem Tal in die Hochebene kommen, tauchen wir in die tief hängenden Wolken ein und die Sicht reduziert sich dramatisch. Den Berg Snaefell erahnen wir mehr, als dass wir ihn sehen. Doch dann reißt der Himmel auf, gerade, als wir den neuen Staudamm erreichen. Ein in Island höchst umstrittenes Projekt, da es einen Teil des Jökulsatals ertrinken ließ. Der hier erzeugte Strom versorgt das neue Aluminiumwerk in Reydarfjördur mit der notwendigen Energie. Etwas weiter nördlich haben wir nach kurzer Wanderung Einblick in die Schlucht der Jökulsa. Über die Piste geht es dann weiter nach Saenautavatn und zurück nach Egilsstaðir.

Ob alleine oder besser noch in einer kleinen Gruppe Land, Leute und Natur erleben und erfahren, auf Islands Hochlandpisten wird für jeden etwas geboten. Furten, Sand- und Schotterpassagen, es gibt so viele Herausforderungen, das eigene Motorrad „artgerecht“ zu bewegen. Selbst für Fahrer mit wenig Geländeerfahrung bieten sich genügend „machbare“ Abenteuer. Auf Island unterwegs zu sein heißt, Begegnungen mit Geschichte und Natur pur: Gletscher und Vulkane, bizarre Lavaskulpturen wie am Myvatn, dem „Mückensee“ und die heißen Quellen bei Haukadalur, denen alle vulkanischen Springbrunnen der Welt ihren Namen verdanken: Geysire.

Etwas weiter nordwestlich, beim Ort Deildartunguhver, befindet sich die größte geothermische Quelle Islands, wenn nicht sogar der Erde. Mit nahezu 100° C spritzt es hier aus dem Boden und ist, im Gegensatz zu manch anderer Stelle auf Island, mit einem Zaun abgesichert. Das Wasser dieser Quelle wird über ein Pumpwerk in eine Pipeline gepresst und versorgt über eine Strecke von fast 80 Kilometer die Ortschaften Borgarnes und Akranes mit Heißwasser, aber auch die nahegelegenen Gewächshäuser mit Wasserdampf und Wärme. Eine sehr seltene und geschützte Farn-Art wächst im Bereich dieser Quelle.

In einem der Gewächshäuser in Kleppjárnsreykir ist ein kleiner Laden untergebracht, mit angeschlossenem Café. Kathie, die Chefin mit dem Rolling Stones Lips & Tongue Tattoo auf dem Oberarm, stutzt einen Moment, als ich hereinkomme. „Du bist schon wieder hier? Schön, Dich zu sehen!“ Ein Grinsen geht über ihr Gesicht. So schlecht habe ich mich also beim letzten Mal nicht benommen, wenn sie sich noch an mich erinnert. „Setzt Euch, ich habe frisch gebacken, Ihr müsst nur sagen, was Ihr trinken wollt.“

 

Vergletscherter Vulkankegel

Wir fahren weiter westwärts und sind auf dem Weg zum Snæfellsjökull, einem der schönsten Gletscher Islands auf der Spitze der Halbinsel Snæfellsnes. Doch bevor wir den vergletscherten Vulkankegel erreichen, den Jules Verne zu seiner „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ inspirierte, stoppen wir in Bjarnarhöfn. Dieses einsame Gehöft liegt zwischen Stykkishólmur und Grundarfjörður. Wir besuchen Duðjon Hildibranðson und seinen Vater Hildibrandur. Aus gutem Grund, denn die hier lebende Familie verarbeitet seit Generationen Eishai. Dieser Fisch hat keine Nieren und lagert die Stoffwechselgifte in seinem Fleisch ein. Der Hai wird zerlegt, sechs Wochen in Holzkisten gelagert, wo er vor sich hinrottet. In der Zeit wird das Ammoniak freigesetzt. Das Ganze „duftet“ so sehr, dass sich keine Fliege in die Nähe wagt. Hákarl heißt es dann und hängt weitere vier Wochen wie Schinken in der trocknenden Seeluft, bis die Fischstücke von außen eine braune Färbung haben. Auf einem Zahnstocher bietet mir Duðjon grinsend ein Stück an. Ich nehme allen Mut zusammen. Es kann doch nicht so schlimm sein, wenn fast alle Isländer geradezu süchtig nach Gammelhai sind. Gewöhnungsbedürftig ist das schon. Schmeckt wie eine Mischung aus überreifem Tilsiter Käse, fettem, weißen Speck, riecht etwas nach Urin.

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