Unter dem Kreuz des Nordens 2016 – Teil 3

Karelische Impressionen – Durch Russland zum Nordkap, zurück über Norwegen, Schweden und Finnland. 30. Juli – 26. August 2016

Tag 15, Sa. 13.08.: Ausreise aus Nordrussland ins norwegische Kirkenes, 250 km

Morgens ist das Wetter noch recht gut, aber bei der Abfahrt beginnt es leider zu regnen. Bis in den frühen Nachmittag, also nahezu solange wir noch in Russland unterwegs, begleiten uns Temperaturen im einstelligen Bereich sowie Regen und Wind mit 2-3 Windstärken! Die Baumtundra hat alle Farbtöne von grün bis zum Gelb angenommen. Teilweise geht sie in die „normale“ Tundra über, das heißt, dass es nur kleinere Baumgruppen gibt, die die maximal mannshoch  sind. Selbst wenn wir es eigentlich nicht glauben wollen, hier haben wir schon Herbst! Dabei ist es erst der 13. August!

Unvermittelt stehen wir auf der Europa-Straße vor einem Schlagbaum. Etwa 150 km vor der Grenze fahren wir in militärisches Sperrgebiet. Obwohl die russische Armee gut 50% ihrer Streitkräfte abgerüstet hat und jetzt eine Freiwilligenarmee besitzt, sind viele unserer Teilnehmer erstaunt. So viel Sicherheitstechnik, so viel Militärtechnik haben die meisten noch nicht gesehen. Es ist die 5. Mot. Schützenarmee, die hier stationiert ist. Im Gegensatz zu unserer Armee sind die Fahrzeuge hier nicht nur einsatzbereit, sondern werden auch bewegt. Die Disziplin scheint noch immer streng, aber doch entspannter als früher zu sein. Die jungen Männer sind aufgeschlossen, uns Motorradfahrern winken sie zu.

Etwa in der Mitte dieses Sperrgürtels liegt Petschenga. Auf einem Teil des Militärgebietes gibt es einen deutschen Soldatenfriedhof. „Gebirgsjägerdenkmal“ steht auf Deutsch auf dem russischen Verkehrszeichen am Kreisverkehr. Daneben in Beton Hammer und Sichel, die Reste eines alten Klosters und monumentale und marziale Denkmäler, die an den „Großen vaterländischen Krieg 1941-1945“ erinnern. Nach einigen hundert Metern biegen wir in einen leicht schlammigen Feldweg ab und stehen dann vor dem Eingang zum Friedhof. Ich führe die Gruppe seitwärts zu zwei Denkmälern. Vor einem schwarzen, hochglanzpolierten, liegen Kränze mit Schleifen in den russischen Nationalfarben. Schon wieder eines  – geht den meisten durch den Kopf. So viele Gedenkstätten für die heldenhaften Sowjetsoldaten haben wir schon gesehen, besonders heute. Alle 10-20 km gab es ab Murmansk einen Hinweis auf solch ein Memorial. Doch dieses hier ist anders. Es steht auf dem deutschen Soldatenfriedhof, unweit des Denkmals für die gefallenen Gebirgsjäger und andere Truppenteile. Nahezu 6.000 deutsche Gefallene sind hier bestattet worden.

Schweigend gehen wir durch die Anlage, gehen die lange Allee vom Eingang zum großen Kreuz in der Mitte, stehen nacheinander vor dem russischen und dem deutschen Denkmal, legen jeweils Blumen nieder. Es sind die einzigen Blumen, die hier liegen. Schweigend lesen wir die Namen der gefallenen Soldaten auf den Granitblöcken, lesen ihr Alter. Es reicht.

Wir fahren weiter nach Nickel. Es ist die letzte Stadt vor der Grenze. Schon vorher hat die Natur auf die Emissionen der Industrie reagiert. Bäume sind abgestorben und die Erosion hat die Humus-Schicht weggewaschen. Den Verursacher sehen wir deutlich. Und riechen ihn. In dieser Fabrik wird das Erz gebrochen und aus dem Staub Nickelpellets konzentriert. Diese Gegend ist Weltmarktführer für die Produktion von Nickelerzkonzentrat. Auch für russische Verhältnisse ist sie in einem maroden Zustand. Die Abraumhalden sind immens. Da Nickelerz vorher im Tagebau abgebaut wurde, finden wir vor der Stadt einen Krater gut 10 km im Durchmesser.

Das letzte Stück Weg zur Grenze führt über mehr als 10 km über eine geschotterte Piste: Neubau ist angesagt, größer, breiter, schöner. Die Organisation der Grenzabfertigung ist hervorragend. In einem Gebäude werden die Dokumente kontrolliert. Dann eine normale Kontrolle am Fahrzeug. Da wir fast die einzigen sind, geht alles sehr schnell. Auch in Norwegen geht es wieder Erwarten schnell. Nach weniger als einer Stunde sind wir mit beiden Grenzen durch. Rekord! Einzig – für Egon es gibt bei den Norwegern noch eine kleine Verwarnung. Er hätte den Bus ausladen sollen und im Gebäude das Gepäck durchleuchten lassen müssen.

Nach dem Grenzübertritt gibt es die Möglichkeit, einen Abstecher nach Grense Jakobselv zum Varangerfjord zu machen. Während des kalten Krieges war dies die einzige unmittelbare Landesgrenze in Europa zwischen der NATO und der damaligen Sowjetunion. Der Ort liegt etwa 60 km östlich von Kirkenes. Die Grenze verläuft in der Mitte des Flusses. Der norwegische Grenzpfahl ist gelb mit einer schwarzen Spitze, der russische ist rot-grün gestreift. Der Zaun auf norwegischer Seite soll verhindern, dass Rentiere und Haustiere über die Grenze wechseln. Die Grenze zwischen Norwegen und Russland hat eine Länge von etwa 80 km. Dann erreichen wir unser Hotel in Kirkenes. Hier sind die Preise schon deutlich höher. Ein Bier kostet 10 Euro. Schluck! Aber dafür sind die Gaststätten voller. Häufig waren wir in Russland in den Restaurants die einzigen Gäste. Hier ist das Restaurant zu gut zwei Drittel besetzt! Zum Hauptgang gibt es Rentierfleisch mit Kartoffelpüree. Der Service ist gehoben, allerdings ist das Essen lauwarm und die Teller sind nicht vorgewärmt, wie dem einen oder dem anderen auffällt. Aber vielleicht sollten wir den Ball doch flach halten.

Tag 16, So. 14.08.: Schifffahrt mit der Hurtigruten entlang des Nordkaps, 20 km

Es soll ein Seetag werden. Angenehmes Frühstück, es ist alles großzügig angerichtet und frisch. Es besteht sogar die Wahlmöglichkeit zwischen mehreren Brotsorten. Skandinavien eben! Auf dem Weg zum Schiff machen wir eine kurze Stadtrundfahrt. Der Ort soll bei seiner „Befreiung“ zu 90 % zerstört worden sein. Einige Relikte erinnern daran. Von einem Aussichtspunkt blicken wir auf die Stadt und auf unser Schiff. Nun aber hurtig, denn um 10 Uhr müssen wir am Schiff sein.

Das Laden und Stauen erfordert ein wenig Logistik, denn auf dieser Reise sollen Fahrzeuge an den unterschiedlichsten Orten rein und raus, ebenso die Fracht. So funktioniert also ein Postschiff. Die Zeit vergeht. Schauen, ausruhen, schlendern und Small-talk. Dieses Postschiff ist eigentlich ein Kreuzfahrtschiff mit den unterschiedlichsten Angeboten. Selbstverständlich gibt es an Bord Wlan/WiFi, wenn auch recht langsam.

Die „Finnmarken“ wirkt neu, ist 2002 in Dienst gestellt. Alles ist ein wenig gehobener, sauberer und höflicher als wir es in den letzten Wochen gewöhnt waren. Hier kann man es schon ein paar Tage aushalten. Zumal jeden Tag mehrere Ausflüge angeboten werden. Wenn ein Ausflug etwas länger dauert, kann man an der nächsten Station wieder einsteigen und weiterfahren. Beim Abendbrot findet der Stewart zunächst unseren Tisch nicht. Aber danach ist alles ganz entspannt. Der Kaffee wird anschließend im Panoramadeck serviert. Ein schöner Ort, um – noch bei Helligkeit – den Tag ausklingen zu lassen. Dann passiert das Schwesterschiff „Polaris“ mit großem Getute und Menschen winken mit Tüchern und Flaggen von beiden Seiten. Wir machen Party an Deck.

Tag 17, Mo. 15.08.: Ausflug zum Nordkap, Hurtigrutenfahrt nach Tromsö, 220 km

Halb fünf Uhr morgens aufstehen! Urlaub ist vielleicht anders, aber ich habe es erreicht, dass wir mit unseren Motorrädern zum Nordkap fahren können! Nach etwas Wartezeit verlassen wir das Schiff. Sonnenaufgang war kurz nach 3.00 Uhr. Der Tag verspricht schön zu werden. Von der Haltestelle Hönnigsvag sind es nur 20 km durch die Tundra und die Felsen bis zum Kap. Die Straße ist gut ausgebaut. Einige Rentiere grasen verschlafen am Straßenrand. Am Nordkap angekommen, machen wir natürlich die üblichen Fotos. Wir sind so früh da, dass wir keinen „Eintritt“ zahlen müssen. Vor zur Kugel, Toilette, Kaffee, Souvenirs, alles da, was das Herz begehrt. Und dazu noch bestes Licht. Klasse, denn beim letzten Mal konnte ich die Statue von König Oskar aus zwei Metern nicht erkennen, so dicht war der Nebel. Wir verzehren unser Picknick. Dann machen wir uns auf den Rückweg. Es sind über 200 km bis nach Hammerfest, wo wir das Postschiff wieder erreichen müssen! Die erste Strecke entlang der baumlosen Tundra ist einfach herrlich. Immer wieder stehen Renntiere am Straßenrand, laufen auch darüber. Die Landschaft fasziniert uns. Wir sind begeistert. Es macht Spaß zu fahren. Immer wieder Kurven, eine neue Bucht, ein kleiner Fjord, Häuser in rot, Fischerboote, die sich in der Morgensonne im Wasser spiegeln. Möwen, interessante Felsformationen, lange und kurze Tunnel, faszinierende Ausblicke auf das Meer. Erst nach der Hälfte der Strecke sind einige Büsche zu sehen. Immer mal wieder muss ich zur Eile antreiben, denn die Fähre fährt auch ohne uns. Wir durchqueren ein größeres Rentierzuchtgebiet. Die Tiere laufen frei herum oder stehen einfach auf der Straße. Je näher wir uns Hammerfest nähern, desto häufiger sehen wir noch Schnee auf den Bergen.

Trotz zweier großer Baustellen erreichen wir die Fähre pünktlich. Kurz vor der Abfahrt werden wir eingelassen und verzurrt. Eine Stunde später können wir dieses kleine Abenteuer, das keine sechs Stunden dauerte, immer noch nicht fassen! Duschen, „herunterkommen“ und dann erst mal eine „Mittagsruhe“. Blicke auf die Felsen, Berge und kleinen Häfen, an denen wir vorbeiziehen.

Abendessen ist pünktlich um 19.00 Uhr. Es gibt wieder ein Drei-Gang-Menü. Zur Vorspeise Fischvariationen mit Ruccola, als Hauptgang Lamm an Gemüse und Kartoffelpüree. Egon gelingt es wieder, doppelten Nachtisch zu bekommen: Rhabarber-Sorbet mit einem Schokoladenkuchen, der im Inneren noch flüssige Schokolade enthält.

Fahrt unter der beleuchteten Brücke in Tromsö durch. Ankunft pünktlich um 23.45 Uhr in der Stadt, genau gegenüber der Eismeerkathedrale. Vor der Einfahrt hatten wir Zeit damit verbracht den Sonnenuntergang zu beobachten. Lange blieb noch ein rötliches Dämmerlicht. Wir checken im Hotel ein. Als wir gegen halb zwei zur Ruhe kommen, wird es am Horizont schon wieder hell.

Tag 18, Di. 16.08.: Fahrt nach Innset zur Huskyfarm, 200 km

Tromsö ist die nördlichste Stadt in Europa. Alle anderen Orte sind Kommunen. Murmansk ist zwar die größte Stadt nördlich des Polarkreises, liegt aber unterhalb von Tromsö!

Es ist interessant, Norwegen nach Russland zu besuchen. Eigentlich sollten wir keine Vergleiche ziehen, zu verschieden sind die Landschaften, die Menschen, die Traditionen. Norwegen fördert pro Kopf der Bevölkerung mehr Erdöl als Russland, aber die Bevölkerungszahlen unterscheiden sich auch gewaltig. Und auch wie mit dem Reichtum daraus umgegangen wird. Beim Fahren durch die Landschaft wirkt hier alles sehr sauber und gepflegt. Keine Inschriften an den Felsen entlang der Straße, Schriften wie: „Danke Vater für den Sieg“ oder „Nach Berlin!“ oder „Igor und Katja 1998“. Keine Leute an den Straßen, die Beeren und Pilze verkaufen, Keine Grundstücke, die durch Nichtstun in ökologisch wertvollen Zustand versetzt worden sind. Auf einigen Parkplätzen gibt es Toiletten, die täglich wirklich gereinigt, überprüft und wenn erforderlich auch repariert werden. Wir bemerken, dass sogar die Klobrillen vorhanden und intakt sind. Obwohl sich die Türen nur mit der Kreditkarte öffnen lassen – ohne, dass ein Betrag für die Benutzung abgebucht wird, finden sich keine Spuren von Gewalteinwirkung. Auch die Wände sind nicht beschmiert!

Das erste Stück fahren wir auf der E8 und dann weiter über die E6. Gemütliches Fahren mit 70 oder 80, selten mit 90 km/h. Kein Gedrängel, keine wilden Überholmanöver. Man hat Zeit. Was man heute nicht schafft, das wird morgen ganz bestimmt erledigt. Weil wir genügend Zeit haben, fahren wir über Nebenstraßen. Selten müssen die Federn am Bulli so weit arbeiten, dass die Stoßdämpfer in Anspruch genommen werden. Wir fahren in südlicher Richtung. Die Natur verändert sich langsam. Aus der Strauch-Tundra wird zunehmend eine Baum-Tundra. Die Bäume stehen im satten Grün und nur selten sind Braun- oder Gelb-Töne zu finden. Aber auch hier ist der Hochsommer vorbei. Auf den zunehmenden Wiesen ist das Heu in Ballen gepresst und am Rand sorgfältig gelagert. Vor den Häusern ist der Rasen akkurat gemäht, Blumenkästen hängen oder stehen herum, Farbe an den Hausfassaden sorgt für einen freundlichen, anheimelnden Eindruck. Lampen stehen in den Fenstern, sie sind oft dekoriert.

Mit unseren Unterkünften gibt es heute ein Kontrast-Programm. Frühstück im 4-Sterne Hotel. „The Edge“, direkt am Hafen von Tromsö. Der Speiseraum ist voller Gäste, die hier eine Kreuzfahrt beginnen. Man spricht deutsch, zumindest die Gruppe von Hapag-Lloyd. Alles ist vom Feinsten. Zum Kontrast dann am Abend: Aufenthalt und Übernachtung auf der Husky Farm Innset von Björn Klauer und Regina Elpers. Einfach, sauber liebevoll und ein wenig anders. Alles ist da, sogar Wlan! Wir werden in Doppelstockbetten im Gästehaus untergebracht.

Björn ist vor über 20 Jahren nach Norwegen ausgewandert. Im wahrsten Sinne des Wortes. Von Hamburg aus. Und dort geblieben. Als Existenzgrundlage hat er diese Farm aufgebaut. Wir sehen der Fütterung der 85 Hunde zu. Es sind Mischungen aus sibirischen und grönländischen Schlittenhunden. Sie unterscheiden sich charaktermäßig schon deutlich, aber die Mischung macht es. Diese hier verfügen über Anlagen aus beiden Rassen, ohne dass eine dominiert. Im Sommer bekommen die Hunde nur einmal täglich Fressen, eine Hand voll Schlachtabfälle aus dem 35 km entfernten Schlachthof. Im Winter, wenn die Hunde aktiver sind und arbeiten müssen, bekommen sie etwas mehr zum Fressen. Im Sommer machen sie Urlaub, es ist ihnen viel zu heiß. Heute scheint die Sonne und tagsüber sind es in der Sonne deutlich über 20 Grad. Jeder der Hunde kann zwischen 50 bis 55 kg ziehen. Im Alter von neun Monaten sind sie so weit, dass das Training beginnen kann. Etwa 800 km läuft so ein Hund in der Trainingsphase, die drei Monate dauert. Danach beginnt die Saison, in der ein Hund 3.000 km bis 3.500 km laufen muss und das auch gerne macht. Dann haben die Hunde Sommerurlaub und dösen in der Hitze vor sich hin. Ihre Wurfzeit ist etwa im Mai. Besonders der letzte, etwas späte Wurf weckt allgemeine Begeisterung.

Wir machen noch einen kleinen Ausflug zum nahegelegenen Altavatn-Stausee. Abends sitzen wir noch lange in der Gralshütte zusammen, essen leckere Salate und Grillspezialitäten und finden mit dem Erzählen fast kein Ende.

Tag 19, Mi. 17.08.: Fahrt auf die Lofoten nach Henningsvær, 360 km

Wir sind zum Teil schon sehr früh wach. Das Licht ist wieder großartig, die Sonne scheint. Mit dem Frühstück haben sich die Damen wirklich Mühe gegeben. Alles ist da! Aufbrauch von der Husky-Farm. Wir verabschieden uns und es beginnt eine eindrucksvolle Fahrt durch wilde Landschaften Norwegens. Norwegen, und insbesondere die Lofoten, unser heutiges Ziel, das ist schon etwas Besonderes. Das Wetter ist traumhaft, es gibt immer wieder schöne Fotomotive. Die Felsen scheinen zu weinen, selbst aus kleinen Felsritzen quillt Wasser hervor. Manchmal springt ein Wasserfall aus den Bergen. Es soll der längste Sommer seit Jahren zu sein, denn seit einer Woche scheint die Sonne. Immer wieder schöne Aussichtspunkte, auf die in dieser touristisch gut erschlossenen Gegend hingewiesen wird.

Sommerzeit ist Straßenbauzeit. Auf einem Straßenabschnitt wird die Straßendecke erneuert. Zuerst kommt Geröll, dann Schotter und dann Splitt. Alles muss gut verdichtet werden, bevor eine Folie und dann Teer oder Beton darüber kommt. Auf so einer Schotter-Splitt-Strecke kommt ein Teilnehmer zu Fall. Schien- und Wadenbeinbruch und eine Fleischwunde am anderen Bein mit starker Blutung sind die Folge. In seinem Unglück hat er großes Glück, denn in unserer Gruppe haben wir zwei Ärzte, darunter einen Notarzt, die ihn gleich professionell versorgen. Ein Autofahrer alarmiert den Rettungsdienst. Eine viertel Stunde später ist das Sanitätsteam aus dem Nachbarort da, eine halbe Stunde später die Ambulanz mit der Notärztin und dem Sanitäter. Wenig später ist auch die Polizei da. Die beiden Polizistinnen nehmen sie den Unfall auf und befragen mich und auch die zuständigen Bauarbeiter. Wir stellen das Motorrad in der Nachbarschaft sicher unter. Um Kontakt zu halten und Papiere nachzubringen folge ich der Ambulanz in das Krankenhaus in Narvik, fast 100 km entfernt. Währenddessen setzt Egon mit der Gruppe die Fahrt zu unserem Etappenziel fort.

Das Hotel liegt förmlich „am Ende der Welt“ in einer kleinen Bucht in Henningsvaer auf den Lofoten. Es ist ein familiengeführtes kleines Hotel, sehr idyllisch.

Tag 20, Do. 18.08.: Fahrt über die Lofoten nach Narvik. Stadtrundgang, 260 km

Das kleine idyllische Hotel ist morgens noch schöner als im Bilderbuch. Hier am Ende der Welt ist bei Sonnenschein alles noch viel schöner. Wir wollen zu unserem Unfallkandidaten, der zwischenzeitlich in das bezirkskrankenhaus nach Harstad verlegt und dort operiert worden war. Dazu müssen wir einen kleinen Umweg fahren. Das ermöglicht uns ein Teilstück mit einer Fähre zu fahren, eine schöne Fahrt von einer halben Stunde. Das Wetter ist wieder traumhaft schön. Kaum zu glauben, dass wir nördlich des Polarkreises sind.

Unser Unfallkandidat ist putzmunter und festigt seine Englisch-Kenntnisse im Gespräch mit den Schwestern. Obwohl keine Besuchszeit ist, werden wir alle gleichzeitig vorgelassen. Sein gebrochenes Bein ist operiert, er hat einen langen Nagel implantiert bekommen. Unsere beiden Ärzte dürfen das Röntgenbild sehen und sind fast zufrieden. Wir nehmen noch einen Teil seines Gepäcks  an uns und verabschieden uns. Das Gepäck werde ich ihm von Pinneberg nach Hause zu schicken.

Wir fahren nach Narvik weiter. Interessanterweise ist die Durchfahrt in Harstad und auch die in Narvik mautpflichtig, selbst auf der Europastraße. Unvermittelt steht man vor einem Mautschild und hat weder die Chance die Strecke zu umfahren, noch die Maut an einer Station zu bezahlen. Alles ist vollelektronisch. Wir haben drei Tage Zeit, bevor wir ein Strafmandat erhalten. Also melden wir unseren Bus über das Internet an, damit wir eine Rechnung erhalten können. Die Motorräder sind von der Mautpflicht ausgenommen.

Wir sind zurück in der Baumtundra. Der Fahrzeugverkehr nimmt zu. Wir durchqueren immer wieder lange Tunnel oder fahren über große Brücken. Bein der Einfahrt nach Narvik bewundern wir den Bau der Halogaland-Brücke mit über 1100 m Spannweite. Leider oder glücklicherweise ist sie erst 2017 fertig. Kurz vor der Stadt stoßen wir auf ein unscheinbares Denkmal, das an die Ereignisse aus dem Jahre 1940 erinnert. Bei der damaligen Besetzung Narviks durch die Wehrmacht hatten weder die Alliierten noch die Wehrmacht zu unterschiedlichen Zeiten eine glückliche Hand. Die einzige Konstante war die Norwegische Armee, zu deren faktischen Oberbefehlshaber General Fleischer wurde. Sie war auch während der Besetzung ständig präsent und gut organisiert.

Narvik hat ca. 100.000 Einwohner und ist immer noch eine bedeutende Hafenstadt. Das Scandic Hotel Narvik ist das erste Hotel am Platze. Ansonsten ist Narvik eine junge Stadt. Viele Jugendliche sind auf den Straßen zu sehen. Auch Backpacker sind darunter oder Camper. Auf den Straßen finden sich vereinzelt auch mal eine Corvette oder ein anderer Ami-Nobelschlitten. Es ist Sommer und die Leute gehen noch abends um 22.00 Uhr im T-Shirt spazieren. Für uns ist es der letzte Tag in Norwegen.

Tag 21, Fr. 19.08.: Entlang der Erzbergbahn nach Kiruna. Stadtrundfahrt, 180 km

Unsere Ausfahrt aus Narvik beginne ich mit einer kleinen Stadtrundfahrt. Vom alten Hafen haben wir einen schönen Blick auf die Verladeanlage am Ende der Erzbahn. Dann will ich noch zu einem höher gelegenen Aussichtspunkt fahren, den ich von meinem letzten Besuch in Erinnerung habe. Der ist aber inzwischen nur für Anlieger zugelassen. Aber unweit davon entdecken wir eine weitere Haltemöglichkeit, von dem wir einen großartigen Blick auf den Erz-Hafen, den Bahnhof und die anderen stadtbildprägenden Bauten haben. Dazu sehen wir auch noch den Aufwand, hier in Hanglage das Fundament eines Hauses zu gründen.

Von Narvik aus verlassen wir die Küste und fahren weite Strecken entlang der Bahnlinie, auf der schwedisches Erz von Kiruna zum Hafen Narvik transportiert wird. Diesen Erzabbau wollen wir uns ansehen. Schnell gewinnen wir Höhe und sind im Fjell, dem Hochland, das sich hier zwischen 300 und 400 m Höhe erhebt. Karge, steinige Tundra mit Krüppelbirken dominiert. Idyllisch stehen Ferienhäuser in dem lichten Wald, teilweise auf den nackten Felsen, an denen die Spuren der Eiszeiten zu erkennen sind. An den Abbruchkanten sammelt sich Geröll. Schon bald überqueren wir bei dem Ort Riksgränsen die Grenze zu Schweden, gleichzeitig EU-Außengrenze. Hier zeigt sich das freundschaftliche Verhältnis der beiden Länder untereinander. Man ist historisch, kulturell und wirtschaftlich miteinander verbunden. Wozu eine Grenze unterhalten? Es genügt ein Gebäude hinzustellen und jeden zu bitten, dass er sich melden soll, sobald er etwas zu verzollen hätte.

In Schweden setzt sich das Landschaftsbild fort. Es hat angefangen, sich zu bewölken und zunehmender Wind kündigt einen Wetterumschwung an. Das ist nicht mehr der Sommer, den wir in den letzten Tagen erlebt hatten. Hier in den Bergen sehen wir wieder die ersten Anzeichen des Herbstes. Gelegentlich fährt auf der Bahnstrecke ein langer betriebseigener Erzzug der LKAB Erzgesellschaft. Zwei Lokomotiven ziehen über 60 Waggons.

Kiruna ist die nördlichste Stadt Schwedens. Sie liegt zwischen zwei Erzbergen, die schon von weitem sichtbar sind. Hier wird hochwertiges Magnetit-Eisenerz mit 60 bis 70 Prozent Eisengehalt gefördert. Damit die unter der Stadt liegenden Vorkommen abgebaut werden können, wird die Stadt bis 2040 komplett um fünf Kilometer nach Osten verlegt. Östlich der Stadt, von der Straße nicht einsehbar, befindet sich ein Raketenstartplatz der ESA. Eine der weltgrößten Weltraumforschungsorganisationen, die European Space Agency ist schon seit langem in Kiruna tätig. Von der ESA Station in Salmijärvi werden unter anderem die zivilen Satelliten gesteuert. Die Station nimmt Daten der Satelliten entgegen, bearbeitet sie und leitet sie an Anwender in der ganzen Welt weiter.

Das Scandic-Hotel ist das erste Haus am Platze. Weil der Regen nicht nachlässt, sondern eher noch zunimmt, treffe ich mich mit Egon in der Sauna. Anschließend schmeckt das Abendbrot umso besser. Der Wirt ist gebürtiger Grieche, das ist auch an seiner Küche deutlich zu spüren, selbst an den leckeren Elchfrikadellen.

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