Motorradabenteuer 2017: Sibirien Spezial – Teil 19

Zurück in Schengen – Durch Lettland und Litauen zur Fähre und über die Ostsee nach Kiel

Die ganze GruppeWir verlassen Russland und reisen wieder in Lettland ein. Dieses Mal dauert erstmalig die Ausreise aus Russland deutlich länger als die Einreise nach Lettland, weil bei Tom, der in Astana/Kasachstan zu uns gestoßen war, bei der Einreise nach Russland am Grenzübergang von Kasachstan vergessen wurde, den Fahrzeugidentaufkleber in seine Zollerklärung einzukleben. Das bedeutete einige Diskussion; „Kann nicht sein?! An welchen Grenzübergang soll das gewesen sein?“ Aber letztendlich klappte es dann doch. Und wir sind wieder in Lettland und fahren weiter durch den Osten des Landes nach Rēzekne, einen der wichtigsten Orte in der Landschaft Lettgallen mit erstaunlich viele Kulturobjekten.

Die über 32.000 Einwohner zählende Stadt Rēzekne wurde nach dem Krieg mit dem Schwerpunkt auf der industriellen Entwicklung wieder aufgebaut. Der folgende Zuzug von Russen und anderen ethnischen Gruppen aus der Sowjetunion führte dazu, dass die heute die Mehrheit in der Stadt stellen. Die Stadt ist neben Dünaburg der kulturelle Mittelpunkt Lettgallens. Das 2013 eröffnete Multifunktionszentrum „GORS“ beherbergt zwei der modernsten Konzertsäle des Baltikums.

Wir fahren über endlos erscheinende Baustellen nach Madona und weiter zum Smeceres Krogs. Am nächsten Morgen setzen wir unsere Reise durch den bei uns weitgehend unbekannten Osten des Landes in den Bereich der Lettischen Schweiz fort. Über Bauska erreichen wir das Schloss Pilsrundale, eine große Überraschung in dieser Gegend. Denn für de, der es nicht weiß, taucht aus dem platten Land des Schloss Rundale / Ruhental völlig unerwartet auf. Mit dem Bau dieses Barockschlosses wurde 1736 begonnen. Architekt war der berühmte Francesco Bartholomeo Rastrelli, der auch den Winterpalast in Sankt Petersburg entworfen hat. Bauherr war Ernst Johann Biron, Herzog von Kurland, ein notorischer Genießer und Favorit der Zarin Anna I. (1730-40). Das Schloss, ist eine hufeisenförmige Anlage mit 138 Zimmern und Sälen und einem eindrucksvollen Park. Heute dient es als Museum und Konzertort und zeigt wechselnde Ausstellungen lettischer und europäischer Kunst. Wenig später überqueren wir die Grenze nach Litauen und erreichen ein paar Kilometer nördlich von Siauliai Kryziu kalnas, den Berg der Kreuze.

Der Berg der Kreuze ist ein ganz besonderer Ort. Auf und an einem Hügel finden sich einige 100.000 große und kleine Kreuze, nicht gerechnet die zahlreichen kleinen Kreuzanhänger. Die vom Hügel und den umgebenden Kreuzen eingenommene Fläche beträgt mehr als einen Hektar. Pilger stellen Kreuze auf den Hügel, verbunden mit einem Wunsch oder Dank, heute ist das aber schon z.T. sehr kommerzialisiert. Die Wallfahrt erfolgt individuell und ist an keine Termine gebunden. Zu Entstehung des Hügels, dem Aufstellen der Kreuze sowie der damit ausgelösten Wirkungen gibt es zahlreiche Sagen und Legenden. Historiker glauben, dass die ersten Kreuze im 19. Jh. nach den polnisch-litauischen Aufständen gegen den Zaren aufgestellt wurden – zum Gedenken an die gefallenen, hingerichteten und deportierten Aufständischen. Man soll hier Aufständische heimlich begraben haben und für ihr Seelenheil seien die Kreuze aufgerichtet worden. Auch war damals das Aufstellen von Kruzifixen an Wegkreuzungen und Gehöften durch die russische Macht verboten. Am 7. September 1993 besuchte Papst Johannes Paul II. diesen Ort und zelebrierte in einer Holzkapelle unter freiem Himmel vor etwa 100.000 Gläubigen eine Messe. Er hat ein großes hölzernes Kreuz aufrichten lassen. Seither gilt der Kreuzberg auch als heiliger Ort für Katholiken aus aller Welt, was man auch an den Kreuzen mit Inschriften aus aller Welt erkennen kann. Siauliai ist zentraler Einkaufsort der Region, bietet aber nichts Besonderes. Hier befindet sich heute der größte NATO-Stützpunkt für die Luftverteidigung des Baltikums.

Der letzte Tag vor dem Einschiffen hat begonnen. Nach dem Frühstück fahren wir in westliche Richtung nach Klaipeda, allerdings nicht auf direktem Wege. Ein ganz besonderer geschichtlicher Ort befindet sich etwas südlich von Taurange / Tauroggen. Durch die dort am 30. Dezember 1812 geschlossene Konvention von Tauroggen ging der Ort in die Geschichtsbücher ein. Die in der Poscheruner Mühle vereinbarte Trennung des preußischen Hilfskorps von der französischen Armee leitete die Befreiungskriege gegen Napoleon ein. Ein unglaubliches Vorgehen, denn erstmalig stellte sich ein preußischer Offizier gegen den klaren Befahl seines Königs: Generalleutnant Johann David von Yorck und der aus Schlesien stammende russische Generalmajor Hans Karl von Diebitsch schlossen einen Waffenstillstand.

Unsere Fahrt geht durchs Memelland zur Memel, die hier Nemunas heißt und die gemächlich breit durch eine beinahe menschenleere Gegend fließt. Die Zeit scheint in diesem flachen, grünen Land stehen geblieben zu sein. Spärlicher Autoverkehr, gelegentliche Pferdewagen, Milchkannen auf Holzständen am Straßenrand und immer wieder Störche.

Wir erreichen Šilute, die „Hauptstadt“ des Memeldeltas und sind wenig später in Vente, der Windenburger Ecke, die auf einer Landzunge des Kurischen Haffs liegt. Besonders Vogelfreunde kommen auf ihre Kosten, da hier eine Vogelwarte besucht werden kann, die seit 1929 besteht. Sie ging aus der Nebenstelle von Rossitten hervor, der weltweit ersten Vogelwarte. Kein Wunder, denn fast alle Vögel aus Nordost-Europa ziehen hier durch. Vogelfangnetze, wie gegenüber in Rossitten, auf der anderen Seite des Kurischen Haffs, im heute russischen Teil Ostpreußens, dienen der Erforschung des Wanderzuges der Vögel. Pro Jahr werden hier etwa 50.000 Vögel beringt.

Wir fahren weiter nach Klaipeda / Memel, das wir uns auf dem Hinweg schon genauer angesehen hatten und erreichen das neue Central Klaipeda Terminal (CKT) zum Check in. Wir müssen noch ein wenig warten. Die Zeit verkürzen wir uns mit Gesprächen mit Deutz Willi, der mit Trecker und Wohnwagen auf dem Rückweg von St. Petersburg an die Weser ist. Dann trifft unsere zweite Gruppe unter Führung von Jens Linke ein. Mit der Gruppe werden Reinhard, Horst und ich noch die Tour „Russland vom Feinsten“ fahren. Doch das ist eine andere Geschichte.

Große Begrüßung der Neuankömmlinge, die voller Erwartung auf ihre erste Reise mit dem Motorrad nach Russland sind, Verabschiedung der Erfahrenen und ein gemeinsames Abschiedsfoto mit Deutz-Willy, dann übernimmt Uwe die Organisation der Rückfahrt der ersten Gruppe. Danke nochmals dafür. Für die folgt ein ganzer Tag zum Ausklang auf der Ostsee, Gedanken ordnen, Bilder im Kopf und auf den Chips sortieren. Eine eindrucksvolle Zeit geht zu Ende.

Fazit:

Die Reise Sibirien Spezial war in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Für uns, insbesondere für Heike bei der Organisation und für alle Teilnehmer, besonders in physischer, psychischer und sozialer Hinsicht. Das Ganze körperlich zu meistern, sich auf Neues, Fremdes, Andersartiges einzulassen, andere Verkehrsgepflogenheiten, andere Ess- und Trinkgewohnheiten, das ist nicht immer einfach. Anfangs hatten wir so viel Regen, wie ich es in der Summe in den letzten Jahren zusammen nicht hatte. Es erinnert mich fatal an meine in manchen Bereichen identische Tour 25 Jahre zuvor durch Sibirien nach Japan, auf der ich auch in Tuwa war. Aber es wurde dann von Tag zu Tag besser und zum Schluss war es dem einen oder anderen auch schon wieder zu warm. Aber so ist das eben.

In der Summe hat es gut geklappt:

  • Ca. 175.000 Gesamtkilometer ohne Reifenpanne,
  • ein gesundheitlich, konditionell bedingter Abbruch,
  • ein glimpflich ausgegangener Sturz (zu schnell),
  • ein Bußgeld, heruntergehandelt von 120 € auf 60 € (zu schnell),
  • vier – sechs Umfaller
  • eine ausgewechselte Gabel bei 1200 GS (Rückruf)
  • ein gebrochener und geschweißter Gepäckträger – Suzuki
  • ein gebrochener und entsorgter Kettenschutz- Suzuki
  • ein gebrochener und entsorgter Spritzschutz – 1200 GS
  • eine gebrochene Kofferaufnahme – 1150 GS
  • sechs Glühlampen, diverse Motorräder, einige in der Wiederholung
  • vier Gabelsimmeringe – KTM und Honda
  • ein paar durchnässte Endurostiefel

alles in allem für die Streckenleistung fast nichts, dafür hervorragende Laufleistungen bei allen, die mit Heidenau K60 Scout unterwegs waren, 10 von 14

Großen Dank an alle, die am Zustandekommen dieser Reise in Gedanken und Werken beigetragen haben.

Weitere Tagesveranstaltungen und Wochenendtouren, Fahrtrainings auf der Straße, Workshops, Endurotrainings und -touren unter www.mottouren.de, darunter eben auch für 2018 die Reise entlang der Wolga von der Quelle zur Mündung, die modifizierte „Russland vom Feinsten“ und eine Umrundung der Ostsee auf den Spuren der Hanse.

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