Motorradabenteuer 2017: Sibirien Spezial – Teil 5

Von Kirow nach Perm und über den Ural nach Kuschwa

Das Motorradabenteuer 2017: Sibirien SpezialEin freundliches Grau ist am Himmel als wir Kirow verlassen, die Straßen sind trocken und ziemlich gut. Wir haben auch Glück, denn der große Verkehrsstrom kommt uns entgegen. Lange noch ziehen sich die Industriegebiete Kirows nach Osten hin. Hatten wir gehofft, Wetter und Straßenqualität blieben uns hold, sahen wir uns getäuscht. Der Regen holte uns ein – oder wir ihn und obwohl insgesamt besser, wechselte die Straßenqualität nahezu dramatisch. Hervorragend ausgebaute Streckenabschnitte, dann wieder Spurrillen und Schlaglöcher, die auf uns wirkten, als könnten wir durch sie eine Reise zum Mittelpunkt der Erde antreten. Unser erster Tankstopp nach knapp halber Strecke dauert länger. Schön mal eine Weile drin zu stehen und die Zeit zu genießen, bis der Kaffee aus dem einen Kaffeeautomaten endlich durchgelaufen ist und jeder sein Heißgetränk hat. Draußen wird gerade ein russisches Ein-Liter-Auto betankt, ein Ural Lastwagen: Ein Liter auf einem Kilometer. 🙂

Die Straße aus der Kirowsker Oblast führt durch eine weite Busch- und Sumpflandschaft. Wir überqueren unendlich viele kleine und große Bäche und Flüsse Und gelangen über Omutninsk und Ekaterininskoye endlich nach Perm. Die letzte Stunde sogar trocken. Auf einer Brücke überqueren wir die Kama, einem der wichtigen Nebenflüsse der Wolga. Die kurz vor dem Ural-Gebirge gelegene Stadt ist ein wichtiges Industriezentrum an der Transsibirischen Eisenbahn mit knapp einer Million Einwohnern. Der Ölgigant Lukoil hat hier seinen Hauptsitz, es werden Flugzeugturbinen gebaut, stark ist auch die Chemie- und die holzverarbeitende Industrie vetreten. Dass Perm zu den weniger bekannten Touristenzielen gehört, immer noch eine „große Unbekannte“ ist, liegt daran, dass es jahrzehntelang „geschlossene Stadt“ war. Als Zentrum der sowjetischen Rüstungsindustrie war sie für Ausländer unzugänglich und darf erst seit 1991 besucht werden.

Viele historische Gebäude sind nicht erhalten, aber ein Stopp lohnt sich allemal. Perm verdankt seine Existenz dem Kupfererz, das hier in der Regierungszeit Peters I. entdeckt wurde. 1723 wurde die Siedlung gegründet, die sich als „Tor nach Asien“ versteht. In der historischen Innenstadt sind einige Bauten aus dem 19. Jahrhundert erhalten, die einen guten Querschnitt durch verschiedene architektonische Stile Russlands darstellen. Anzumerken ist besonders das so genannte „Schiwago-Haus“. In Wirklichkeit heißt es Gribuschin-Haus und ist ein bizarres Beispiel für eine lokale Spielart des Jugendstils. In Boris Pasternaks berühmten Roman kommt das himmelblau angestrichene Gebäude an der Uliza Lenina 13 A als „Haus mit den Figuren“ vor.

Nach einer kleinen Geburtstagsfeier für Michael während des Frühstücks verlassen wir das freundliche Hotel City Star in Perm, stoppen an der „Uferpromenade“ und an dem „Schiwago-Haus“, bevor wir versuchen, die Stadt zu verlassen. Das erweist sich als nicht ganz so einfach. Eine Vielzahl von nicht konsequent ausgeschilderten Umleitungen lässt uns einige Haken schlagen. Endlich auf der der Umgehungsstraße angelangt, überqueren wir die Kama ein weiteres Mal. Etliche Radarfallen säumen die Straße, bevor wir nach Osten abbiegen. Unsere Strecke wird deutlich hügeliger und kurvenreicher, sogar durch entsprechende Verkehrszeichen markiert.

Gab es am großen Abzweig noch einen Wegweiser, fehlte am direkten Abstecher ein Hinweis auf den ehemaligen Gulag Perm 36, die Gedenkstätte der Geschichte politischer Repressionen „Perm-36“. Es ist das einzige Gulag-Museum auf dem gesamten Territorium der ehemaligen UdSSR, das sich auf dem Gelände eines ehemaligen Arbeitslagers befindet. Gegründet und geleitet wird das Museum von der russischen Nichtregierungsorganisation Perm-36, nennen wir es einen Verein. Meine Freude ist groß, als beim Parken Sergej aus der Tür tritt. Er leitet die Anlage und ich habe ihn schon bei vorangegangenen Besuchen kennengelernt. Er führt uns selber.

Das Lager Perm-36 existierte mehr als 40 Jahre. 1943 wurde es im Dorf Kučino im Bezirk der Stadt Tschussowoi, im Permer Gebiet im Ural gegründet. Seit 1946 befindet es sich mit der Bezeichnung ITK-6, Arbeitsbesserungsanstalt No.6, an seinem heutigen Standort. Ein typisches Lager seiner Zeit. Während das Gulag-System in den 1930er Jahren aus großen, weit voneinander entfernten Lagern bestand, ging man Ende der 1940er Jahre dazu über, Lagernetzwerke mit kleinen Lagern zu errichten, mit jeweils um die tausend Häftlingen, die sich unweit voneinander entfernt befanden. Diese Lager waren billig zu erbauen und meist von kurzer Lebensdauer: nachdem die Arbeitsaufgaben erfüllt worden waren, Bau eines Kanals, Holzfällarbeiten, dann zogen die Häftlinge weiter und die Lager wurden entweder zerstört oder dem Verfall preisgegeben. Nach Stalins Tod 1953 wurde ITK-6 wegen seiner guten Infrastruktur und Ausstattung im Gegensatz zu vielen anderen Lagern nicht geschlossen. Ab 1954 saßen in hier hochrangige Mitglieder verschiedener staatlicher Organe, von Polizei, Geheimdienst und der Gerichte ein, die einst selbst Menschen in die sowjetischen Arbeitslager geschickt hatten. Diesen besonderen Gefangenen kam eine Reihe von Sonderrechten zu, unter anderem bessere Verpflegung. Auch das Kulturprogramm des Lagers wurde für sie ausgebaut, so bekamen sie sogar Filme zu sehen – Propagandafilme. Die Verfolgung und Verurteilung der Verbrechen von Stalins Gehilfen hielt nicht lange an, bald saßen hier nur noch einfache Mitglieder staatlicher Organe für gewöhnliche Verbrechen ein.

In dieser Zeit wurden die Sicherheitsmaßnahmen deutlich verschärft. Der einfache Grund dafür waren die guten Kenntnisse gewöhnlicher Sicherheitssysteme der neuen Häftlinge. Neben einer Verstärkung der Zäune wurden neue Alarmsysteme installiert. ITK-6 wurde einziges Lager der UdSSR für „besondere Zwecke”. Im Zuge der neuen Repressions- und Isolationspolitik der Sowjetregierung gegen politische Dissidenten zu Beginn der 1970er Jahre wurde es mit seinen hohen Sicherheitsstandards zum Lager für politische Gefangene. Zu diesem Zweck wurden die Sicherheitsvorkehrungen erneut verschärft. In der UdSSR wurden vier Sicherheitsstufen unterschieden: einfaches, verstärktes, strenges und besonderes Regime. Neben dem strengen Regime in Perm-36 wurde in dieser Zeit der Sektor des besonderen Regimes von Perm-36 in Betrieb genommen, der sich einige hundert Meter vom Stammlager entfernt befand. Hier wurden von 1980 bis 1987 die „besonders gefährlichen Wiederholungstäter” der „besonders gefährlichen Staatsverbrecher” 24 Stunden am Tag in ihren Zellen eingesperrt gehalten. Diese Gefangenen hatten wegen „Verbrechen gegen den sowjetischen Staat” nach Artikel 70 des Strafgesetzbuchs der UdSSR: „antisowjetische Agitation und Propaganda“ Haftstrafen abgesessen und waren dann erneut wegen ähnlicher „Verbrechen” verurteilt worden. Bei den Gefangenen handelte es sich um Aktivisten nationaler Unabhängigkeitsbewegungen z.B. aus der Ukraine oder dem Baltikum, um Menschenrechtler und Mitglieder der sog. „Moskauer Helsinki-Gruppe“. Das besondere Regime von Perm-36 war das erste und einzige Lager in der gesamten Sowjetunion, das ausschließlich für politische Häftlinge bestimmt war.

Wegen des schlechten Wetters hatte es einen Stromausfall gegeben und wir konnten nicht alles sehen. Aber das, was wir gesehen und erfahren hatten, reichte uns völlig. Gut 100 Kilometer weiter nach Osten erreichen wir im Ural das Denkmal Europa-Asien. Natürlich ein Fotostopp. Dann fahren wir weiter zu unserer Verabredung nach Kuschwa.

Jetzt lesen: „Motorradabenteuer 2017: Sibirien Spezial – Teil 6“

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