Motorradabenteuer 2017: Sibirien Spezial – Teil 7

Nach Bingi und um Bingi herum

Motorräder auf HügelAb Kuschwa fahren wir auf der P352 auf oder am Uralkamm nach Süden, Richtung Jekaterinburg. Die Schnellstraße ist mal zwei-, mal vierspurig ausgebaut, zum Teil verlaufen die Spuren auch ohne Sichtkontakt zueinander. Auffällig sind die mobilen Radarkontrollen unterwegs. Wir zählen sicher acht, die zum Teil von vorn und hinten blitzen. Vorbei an der Industriestadt Nizhniy Tagil zweigen wir Richtung Newjansk ab, umfahren diese alte „Waffenschmiede“ auf der Schlaglöcher übersäten Umgehungsstraße, die, seit ich das erste Mal dort gefahren bin, unverändert, eher schlechter ist und erreichen das Dorf Bingi und gleich danach das „Hotel“ Bingi von Stefan und Olga Semken, von Stefan liebevoll Gulag genannt, unser Übernachtungsplatz für zwei Nächte. Auf die Pause freuen sich auch schon alle.

Wir werden gleich nach der Ankunft mit einem Kaffee und einem kleinen Imbiss begrüßt, um ein wenig „herunter zu kommen“. Dann wird abgepackt, die Schlafverteilung geregelt und anschließend sitzen alle bei einem Begrüßungswodka zusammen, um Stefans Philosophie seines „Gulag Bingi“ zu erläutern. Im Prinzip versucht er auf seine Art seinen Gästen das Leben in Russland nahe zu bringen, natürlich mit seinem Hintergrundwissen und seinen Erfahrungen. Das hatten schon Gisbert und Susanne gemacht und das ist auch das, was Reinhard und ich unterwegs immer wieder versuchen.

Ein Nachmittag, der in Ruhe ausklingt: Wäsche waschen, Motorräder warten, lose Teile befestigen, Verlorenes ergänzen. Dann besorgt Stefan noch aus der nahegelegenen Brauerei frisches Bier und der erste Abend rundet mit einem großartigen Essen aus Olgas Küche, zubereitet mit Unterstützung von Olgas Praktikantin Anke ab.

Nach dem Frühstück bleiben einige zurück, um in Ruhe das Grundstück und das Dorf zu erkunden, zu entspannen. Wir kleiden Stefan und Anke ein und machen uns mit den übrigen auf eine Rundtour über die alte Straße nach Jekaterinburg. Der erste Stopp ist beim Haus des Schmiedes Sergej Ivanowitch Kirillov in Kunar. Es entstand zwischen 1954 und 1967 im Wettbewerb mit einem anderen Haus im Ort, das leider abgebrannt ist und gilt als eines der schönsten in Russland. Etwas weiter gelangen wir in die Stadt Werchnjaja Pyschma. Sie liegt am Ostrand des Mittleren Ural etwa 15 km nördlich der Oblasthauptstadt Jekaterinburg.

Werchnjaja Pyschma ist ein bedeutendes Zentrum der metallurgischen und chemischen Industrie. In der Stadt hat u.a. eines der großen Bergbauunternehmen Russlands, die Uralskaja Gorno-Metallurgitscheskaja Kompanija (UGMK) seinen Stammsitz. Das dem Konzern gehörende Werk Uralelelektromed produziert Kupfer, Nickel, Blei, Messing, Bronze, Gold und Silber. Seit 1989 besitzt die Stadt ein historisches Museum, das auf Metallurgie und Bergbau spezialisiert ist. Im Jahr 2005 eröffnete das „Militärmuseum Kampfesruhm des Ural“ (Bojewaja slawa Urala), das zu den größten seiner Art in Russland gehört. Die Sammlung umfasst Militärausrüstung, dreidimensionale Modelle von Waffen sowie Auszeichnungen und Abzeichen. Eigentlich ist Montag und damit das Museum geschlossen. Aber wir schaffen es dennoch und können nicht nur die „Geräte“ draußen sehen, sondern auch in das Museum. Völlig abgefahren. Kurze Zeit später erreichen wir Ganina Jama.

In der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 wurden Nikolaus II., seine Ehefrau Alexandra Fjodorowna, ihre Kinder, die vier Töchter und der Zarensohn und ihre Dienerschaft im Keller des Ipatjew-Hauses in Jekaterinburg erschossen. Das Ipatjew-Haus in Jekaterinburg wurde am 16. September 1977 abgerissen. An seinem ursprünglichen Standort entstand ab 1997 die „Kathedrale auf dem Blut“ oder auch „Blutkirche“ genannt. Die sterblichen Reste der Ermordeten wurden in einen Wald außerhalb ca. 15 km außerhalb von Jekaterinburg gebracht, nach „Ganina Jama“ – „Ganjas Grube“, eine ehemalige Eisengrube, dort verbrannt und verscharrt. 1979 wurden durch heimliche private Nachforschungen die sterblichen Überreste gefunden. Heute ist am Ort der Verbrennung ein Kreuz errichtet.

Kloster der Heiligen ZarenmärtyrerUnd ab Oktober 2000 wurde hier ein russisch-orthodoxes Männerkloster, das „Kloster der Heiligen Zarenmärtyrer“ gegründet. Das Kloster ist ein einzigartiges Ensemble, das aus sieben Holzkirchen besteht und von den Mönchen in eigener Arbeit errichtet wurde. Das Holz dieser Kirchen wurde nur mit Äxten und Sägen bearbeitet. Die sieben Kirchen sind jeweils einem Mitglied der Zarenfamilie gewidmet. Am 14. September 2010 wurde die Hauptkirche, die Kirche für Nikolaus II., bei einem Brand stark beschädigt, ist aber inzwischen wieder aufgebaut.

Lange hielten sich Gerüchte und Behauptungen dass Mitglieder der letzten Zarenfamilie überlebt hätten. Das wurde in jüngster Zeit aber durch Forschungen ausgeschlossen. Die russisch-orthodoxe Kirche hat im Jahre 2000 Nikolaus II. und seine Familienmitglieder als Märtyrer heiliggesprochen. Heute ist das Kloster „Ganina Jama“ eine Erinnerungsstätte des russischen Volkes, eine Art russisches Lourdes.

Auf dem Rückweg stoppen wir noch in Newjansk. Der Ort entstand 1701 im Zusammenhang mit der Errichtung des Eisenwerkes Newjanski Sawod, welches schon bald zu den wichtigsten des Uralgebietes gehörte. Hauptsehenswürdigkeit ist der so genannte Schiefe Turm von Newjansk, ein 1725-40 im Auftrag der Unternehmerfamilie Demidow errichteter Wachturm. Den Demidows gehörte in jener Zeit das Eisenwerk und die Waffenschmiede. Die Achse des gut 57 Meter hohen Turms weicht an der Spitze um 1,85 Meter, nach anderen Angaben 2,20 Meter, von der Vertikalen ab. Das ist bewusst so gebaut worden, Vorbild war der Schiefe Turm von Pisa. Die Abbildung des schiefen Turms ist auch auf dem Stadtwappen von Newjansk zu sehen.

Die Christi-Verklärungs-Kathedrale nebenan tritt dabei ebenso in den Hintergrund wie das rekonstruierte Gebäude der Eisenfabrik.

Ein letzte großartiger Abend folgt noch in Bingi – bewusst nicht so lange, wie wir es gerne gehabt hätten, aber am folgenden Tag steht eine lange Strecke nach Kurgan an, unterbrochen von einem Besuch in Irbit im Ural-Motorradwerk.

Jetzt lesen: „Motorradabenteuer 2017: Sibirien Spezial – Teil 8“

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2 Gedanken zu “Motorradabenteuer 2017: Sibirien Spezial – Teil 7

  1. Gerhard Schüller

    Hallo.
    Habe die Tour mit einem Bekannten 2015 gemacht. Allerdings eine etwas andere Route. Habe etliche Seiten darüber geschrieben und möchte gerne den Text mit Fotos Veröffentlichen. Kann mir von euch dazu jemand ein paar Tipps geben? Wir sind 25.000 km von Köln über Türkei Georgien Russland und Mongolei und über Moskau wieder zurück. Das ganze so ca. 85% im Regen.
    Wenn ihr mir helfen könnt, Mal melden.
    Gruß
    Gerhard Schüller

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