Per Schiff über die Berge auf dem Oberlandkanal in Ostpreußen

Nach über zwei Jahren Instandsetzungsarbeiten ist am 1. Juni 2015 der Oberlandkanal zwischen Elbląg / Elbing und Ostróda / Osterode in Ostpreußen wieder durchgehend befahrbar. Unser Polenspezialist Jürgen Grieschat befuhr den Kanal nun als einer der ersten nach Wiederinbetriebnahme.

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Gut dass wir so zeitig an Bord waren, denn kurz nachdem wir es uns am Oberdeck bequem gemacht haben, füllt sich das Schiff und die letzen müssen sich einen Platz unter Deck suchen. Dann, pünktlich um neun, verlässt die „Pingwin“ die Kaimauer und das kleine, weiße Passagierschiff gleitet auf den kanalisierten Elbingfluss. Nur schwach ist das Motorengeräusch zu hören, als die Stadtsilhouette vorbeizieht. Klar zeichnet sich der schlanke Turm der Nikolaikirche, das Wahrzeichen Elbings, gegen den morgendlich blauen Himmel ab. Am Ufer des Kanals sitzt ein Angler neben dem anderen, still, unbeweglich, wie aufgereiht. Kurze Zeit später öffnet sich der Kanał Ostródzkie-Elbląski oder kurz Eblag Kanal, wie der Oberländische Kanal heute heißt, und geht in den Drausensee, den Jerzy Druzno über.

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Endlich kommt die Sonne durch und taucht den lang gestreckten See in gleißendes Licht. Anfangs begleitet uns Schilfdickicht an beiden Kanalufern, doch dann tritt es zurück. Stattdessen werden die Seerosen so zahlreich, dass kaum mehr Wasser zu sehen ist. Neben dem Tuckern des Schiffsdiesels werden Vogelstimmen laut. Immer lauter wird es, immer mehr Vögel sind zu sehen. Im Gegenlicht sind Fischreiher zu erkennen, die bewegungslos auf Beutefische harren. Mit schwerem Flügelschlag ziehen Kormorane vorbei. Weit oben, im immer blauer werdenden Himmel, kreisen Störche. Sie nutzen die morgendliche Thermik. Dann tauchen Adler auf. In der Ferne ist die Hügelkette zu erkennen, die der Gegend einst zu ihrem Namen Oberland verholfen hat. Deutlich ist zu sehen, dass der See verlandet. Durch ihn ist eine Fahrrinne freigehalten, Tonnen weisen dem Kapitän den Weg. Dann ist der See zu Ende und die „Pingwin“ fährt in einen Kanal ein.

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Die ersten Kanäle in Ostpreußen wurden bereits im 14. Jahrhundert gebaut. 400 Jahre später ließ König Friedrich II. die masurischen Seen durch Kanäle verbinden und die Flüsse regulieren. Dadurch konnte Holz billig aus dem holzreichen Masuren in den holzärmeren Norden transportiert werden.

Bald kam der Gedanke auf, diese Seen über eine Wasserstraße mit Elbing zu verbinden. Doch etwa 100 Meter Höhenunterschied und Geldmangel schienen die Aufgabe unlösbar zu machen.

Ungewöhnliche Aufgaben locken aber Menschen mit Visionen. Ein solcher war der preußischen Baurat Georg Steenke. Sieben Jahre arbeitete er an dem Projekt, erst vergebens, denn zur Überwindung des mächtigen Abstiegs wären Schleusensysteme mit 32 Kammern erforderlich. Bei der Besichtigung der Bauten am Morriskanal in den USA fand er die Lösung für sein Problem. Doch die enormen anstehenden Kosten ließ die preußische Regierung den Baubeginn hinausschieben. Erst nach einer Audienz bei König Friedrich Wilhelm IV. erhielt Steenke die Zustimmung für den Bau des Kanals.

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16 Jahre nach dem ersten Spatenstich, am 28. Oktober 1860, wurde der Oberländische Kanal dem Verkehr frei gegeben. Anfangs entsprach der Kanal den Prognosen. Das abgelegene Oberland war am Gütertransport beteiligt, vor allem Steinkohle, Salz, Gips, Holz, Getreide, Feldfrüchte und Spiritus wurden transportiert. Aber dann wurden immer mehr Eisenbahnstrecken gebaut und der Kanal erhielt eine sehr starke Konkurrenz.

Die Kriegsereignisse 1945 verursachten schwere Schäden an der Kanalanlage. Erst nach längerer Bauzeit war sie wieder hergestellt. 1978 wurde die technische Anlage unter Denkmalschutz gestellt.

Aus dem Drausensee tuckert die „Pingwin“ inzwischen in einen Kanal ein, der sich deutlich über der umliegenden Niederung erhebt. Plötzlich Unruhe auf dem Schiff, die Passagiere blicken nach vorne, wo der Kanal zu enden scheint. Vor uns erhebt sich eine der fünf geneigten Ebenen, die „Rollberge“ genannt werden. Sie sind zwischen 350 und 550 m lang und haben Höhen zwischen 13 und 25 m. Das Schiff fährt zwischen zwei aus dem Wasser ragenden Barrieren ein und wird vertäut. Auf ein Signal hin setzen sich große Räder in Bewegung, mit ihnen die Barrieren und die zwischen den Gleisen laufenden Seile. Etwas später kommt der achträdriger Plattformwagen aus dem Wasser zum Vorschein, auf dem sich zwischen den Barrieren das Schiff aufliegt. Wasser läuft ab, Algen hängen am Wagen. Während der Fahrt bergauf kommt dem Wagen eine identische Lore entgegen. Beide Wagen sind an einem dicken Stahlseil befestigt. Das Seil wird von einer stehenden Antriebsmaschine bewegt, die das Seil auf eine große Trommel wickelt. Die wird durch Wasser angetrieben, das durch eine Rohrleitung vom Durchstich bei Bedarf auf ein großes Wasserrad fällt. Das Wasser füllt große Schaufeln, die ein Wasserrad bewegen, das einen Durchmesser von 8 m hat. Ist der Wagen oben angekommen, fährt er auf den Gleisen ins Wasser, so dass das Schiff aufschwimmen und aus eigener Kraft weiterfahren kann.

Noch gehen die Arbeiten an der ersten umfassenden Generalüberholung weiter, seit der Kanal in Dienst gestellt wurde. Noch sind deutlich die Spuren zu sehen: die Befestigung der Uferlinien, das Abschlämmen einiger Abschnitte der Route, die Neuisolierung der Wände, die Befestigungen an den Rollbergen. Neue Anlegebrücken für Schiffe und Boote wurden gebaut.

Inzwischen hat man auch den langwierigen Weg zum Eintrag in die Welterbeliste der UNESCO beschritten. Aber bis zu einem Erfolg kann es noch Jahre dauern.

Die Kanalschiffe sind geblieben. Jedes hat eine Länge von 24,5 m und ist 3 Meter breit. Bei einer Tragfähigkeit von 60 t hat es nur einen Meter Eintauchtiefe. Die Schiffe sind alle gleich gebaut, da sie den Kanal nicht verlassen können, jedenfalls nicht freiwillig. Das gilt auch für die Schiffe für kleinere Gruppen.

In Buchwalde / Buczyniec verlassen mit uns die meisten Passagiere das Schiff, um nach einer Besichtigung der Anlage die Reise zu einem weiteren Ziel ihrer Reise fortzusetzen. Nur wenige bleiben noch an Bord, bis das Schiff am Abend in Osterode am Zielpunkt anlegt. Dort gibt es gute Unterkünfte oder auch die Möglichkeit, mit einem Bus nach Elbing zurückzukehren.

Euer,

Jürgen „Juri“ Grieschat

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