Pommern und Kaschubai

POMMERN UND KUSCHBAI

Sobald wir das Hamburger Stadtgebiet verlassen haben, beginnt der Spaß des Motorradfahrens: Auf kleinen Straßen cruisen wir durch die Landschaft um den Ratzeburger und den Schaalsee, umfahren den Schweriner See durch den geschichtsträchtigen Ort Bad Kleinen und gelangen durch das Warin-Neukloster Seengebiet und die Mecklenburgische Schweiz nach Demmin. Nach einer entspannten Nacht fahren wir entlang der Peene und des Peenestroms nach Usedom. Bei Wolgast führt die Bundesstraße 111 über das „Blaue Wunder“ auf Deutschlands zweitgrößte Insel. Zunächst machen wir einen Abstecher nach Peenemünde, das beste Beispiel für Fluch und Segen der Technik. Hier gelang 1942 der weltweit erste Start einer Rakete in den Weltraum. Die A4, uns unter ihrem Propagandanamen „V2“ geläufiger, gilt als Vorläufer aller militärischen und zivilen Trägerraketen. Mit der Widersprüchlichkeit dieser technischen Entwicklung setzt sich das lohnenswerte Historisch-Technische Museum auseinander. Den 22 Kilometer langen Rundweg zu historisch interessanten Punkten sparen wir uns für einen späteren Besuch auf.

Jürgen „Juri“ Grieschat, Autor, Veranstalter, Tour-Guide. Das Multitalent aus Hamburg verbringt sein halbes Leben auf dem Motorrad.

Jürgen „Juri“ Grieschat,
Autor, Veranstalter, Tour-Guide.
Das Multitalent aus Hamburg verbringt
sein halbes Leben auf dem Motorrad.

Durch die Bäderorte fahren wir, so zügig es im Sommer geht, entlang der Ostsee nach Swinemünde. Die Bäderarchitektur besonders der drei Kaiserbäder Heringsdorf, Bansin und Ahlbeck lassen wir dieses Mal links liegen. Heute ist der Grenzübertritt ins polnische Swinoujscie/Swinemünde völlig problemlos. Lange Jahre ging es nur zu Fuß oder mit dem Fahrrad hinüber.

Mit der Fähre gelangen wir auf die Insel Wollin, die größte der polnischen Inseln. Im Bereich des Wolliner Nationalparks sehen wir uns die imposante, bis zu 95 Meter hohe und beständig von Wasser unterspülte Steilküste an. Dann erreichen wir das Seebad Kolberg, eine der ältesten Städte Pommerns und gleichzeitig bekanntester polnischer Ostseekurort. In der Altstadt lässt es sich herrlich bummeln. Eindrucksvollstes Bauwerk der Stadt ist der Dom. Die Strandpromenade wird von unzähligen Restaurants, Bars und Kaffeehäusern gesäumt, gute Gelegenheit für einen Stopp. Weiter ostwärts geht die Fahrt nach Köslin. Auf dem nahe gelegenen Kulmhügel, einst eine heidnische Kultstätte, befindet sich ein beliebter Aussichtspunkt. 80 Kilometer weiter liegt Rügenwalde, eine alte Fischersiedlung, ehemaliges Hansemitglied, bei uns durch die gleichnamige Wurst bekannt. Der Ort beheimatet eine eindrucksvolle gotische Burg, die früher den Pommerschen Herzögen als Residenz diente. Heute ist in ihr das Regionalmuseum untergebracht. Weiter fahren wir durch eine Region, in der etwa 2.500 alte schwarzweiße Fachwerkhäuser erhalten geblieben sind. Deswegen trägt die Region die Bezeichnung „Kariertes Land“. Über Stolp gelangen wir in den Słowinski-Nationalpark und machen von Łeba aus einen Ausflug zu den Wanderdünen, deren größte 42 Meter hoch ist. Schweißtreibend, aber außerordentlich eindrucksvoll.Mottouren

Die Halbinsel Hela mit ihren traumhaften Stränden und malerischen Häfen, die wie eine Zunge in die Danziger Bucht hineinragt und das Umland vor allzu stürmischer See schützt, lassen wir links liegen, denn wir wollen ausführlicher die Moränenlandschaft der Kaschubischen Schweiz erfahren. Beeindruckend die Sargdeckelkonstruktion der Kartäuser Kirche in Kartuzy.

Unweit von Kartuzy, in Chmielno, stoppen wir an der Töpferei der Familie Necel, die ihr Handwerk bereits in der neunten Generation betreibt. In dem bekannten Familienbetrieb werden Vasen, Krüge, Kerzenhalter und andere Töpferwaren des täglichen Gebrauchs hergestellt und mit einem für die Region typischen Muster verziert. Im oberen Stockwerk der Töpferei gibt es eine kleine Ausstellung der Produkte.

Auf unserer Weiterfahrt zur Marienburg ändert sich die Landschaft deutlich. Die bisher hügelige, kurvenreiche Strecke geht in eine große Ebene über, das Weichseldelta. Bei Dirschau überqueren wir auf einer höchst interessanten Brücke die Weichsel, die erste weitgespannte Balkenbrücke auf dem europäischen Kontinent, 1857 eingeweiht. Ein Stück weiter erhebt sich monumental am Fluss Nogat die Marienburg, Europas größte mittelalterliche Burg, erbaut vom Deutschen Kreuzritterorden. Wir parken unsere Motorräder und gehen beeindruckt durch diesen gewaltigen Backsteinbau. Nach einer Pause im Schlosscafé fahren wir weiter durch das Weichseldelta nach Stutthof, das erste Konzentrationslager außerhalb Deutschlands und das letzte, das von den Alliierten befreit wurde. Der Rundgang durch diesen Ort hängt noch lange nach.

Der Neptunbrunnen vor dem Artushof in Danzig / Gdansk wurde von Abraham von dem Blocke im Jahre 1618 entworfen. Die Neptunfigur wurde von den Danziger Künstlern Peter Husen und Johann Rogge modelliert und dann in Augsburg vom Meister Hans Reichel in Bronze gegossen. Ende des Jahres 1621 befand sich der Neptun vollständig ausgearbeitet in Danzig. Abraham von dem Blocke arbeitete noch sieben weitere Jahre an den Seepferden, Delphinen und Löwenköpfen des Brunnens, so dass die gesamte Brunnenanlage erst im Jahr 1633 fertiggestellt war.

Der Neptunbrunnen vor dem
Artushof in Danzig / Gdansk
wurde von Abraham von dem
Blocke im Jahre 1618 entworfen.
Die Neptunfigur wurde von den
Danziger Künstlern Peter
Husen und Johann Rogge modelliert
und dann in Augsburg vom
Meister Hans Reichel in Bronze
gegossen. Ende des Jahres 1621
befand sich der Neptun vollständig
ausgearbeitet in Danzig. Abraham
von dem Blocke arbeitete noch
sieben weitere Jahre an den
Seepferden, Delphinen und
Löwenköpfen des Brunnens, so
dass die gesamte Brunnenanlage
erst im Jahr 1633 fertiggestellt war.

Ein Abstecher bringt uns auf die Frische Nehrung, eine schmale Landzunge von rund 70 Kilometer Länge und einigen hundert Metern Breite, die das Frische Haff von der Ostsee abtrennt. Weit können wir aber nicht fahren, denn quer über die Halbinsel verläuft die Grenze zwischen Polen und Russland, und für das Königsberger Gebiet braucht man ein Visum. Also fahren wir zurück in das das Weichseldelta, überqueren den Fluss mit einer Fähre und einer etwas abenteuerlichen Pontonbrücke Richtung Danzig. Die Stadt war eine der wichtigsten Hansestädte zählt noch heute zu den schönsten und ein wichtiger Stützpunkt an der Bernsteinstraße. Davon zeugen die prachtvollen Bauwerke, darunter das Krantor und die größte Backsteinkirche Europas, die Marienkirche, die bis zu 25.000 Menschen fasst. Ein abendlicher Rundgang verschafft uns einen ersten Eindruck. Tolle Atmosphäre vor allem in der Frauengasse und dem Langen Markt mit Artushof und Artusbrunnen. Gute Gelegenheit für das eine oder andere polnische Bier.

Doch schon bald wieder juckt wieder die Gashand. Bevor wir aber am nächsten Morgen wieder westwärts fahren, stoppen wir vor der ehemaligen Lenin-Werft am Denkmal für die „Solidarnosć.“ Dort begann 1980 der Anfang vom Ende des real existierenden Sozialismus im ehemaligen Ostblock.

Mit den Moppeds durchfahren wir wieder die Kaschubische Schweiz mit ihren Seen, Hügeln und endlosen Laub- und Mischwäldern. Wir durchqueren die sanften Moränenhügel der Tucheler Heide und übernachten in Szczecinek/ Neustettin, auf dieser Reise ein letztes Mal in Polen.

Wir cruisen auf kleinen, wenig befahrenen Straßen durch eine reizvolle Landschaft, durch die scheinbar unberührte Natur der Pommerschen Seenplatte. Auf dem Weg zur deutschen Grenze passieren wir Stargard Szczecicski, bekannt für zahlreiche gotische Bauwerke, und erreichen wenig später Stettin. Ein letzter Kaffee unterhalb der Hakenterrasse an der Oder, dann verabschieden wir uns von Polen und treten durch die Uckermark und die Mecklenburger Seenplatte die Heimreise an, schweren Herzens und mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen.

2 Gedanken zu “Pommern und Kaschubai

  1. Rainer Jelenski

    Hallo Jürgen,
    ich lese seit Wochen Deine interessanten Reiseberichte. In 2015 möchte ich dabeisein. Mindestens zweimal. In etwa die Werkstour und der Baikalsee. Ich hoffe, ich habe den See richtig geschrieben. Weiterhin Das Endurotraining…….
    Viele Grüße
    Rainer

    NS.
    Übergebe gerade meine Firma an den Nachfolger. Habe dann in 2015 viel Zeit…..

    Antworten
    1. Jürgen Grieschat

      Das sollte mich freuen. Unsere Angebote – auch die neuen Endurotrainings findest du unter http://www.mottouren.de, auch als pdf. Dazu noch der Hinweis: Fr. 19.12. 2014 zeige ich meine Multivisionen:
      30 Jahre Abenteuer Russland – Wer Angst vor dem Wolf hat, sollte nicht alleine in den Wald gehen!
      bei Globetrotter Ausrüstung in Hamburg Barmbek, Wiesendamm 1, 20:00 Uhr
      Wichtig, schnell dafür Karten besorgen, der Vortrag ist fast ausgebucht.

      Antworten

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