Reise ins russische Uralgebirge

Motorradreise an und über die Grenze zwischen Europa & Asien

02. – 31. August 2014

Globetrotter MOTTOUREN

Unser Russland – und Motorradexperte Jürgen Grieschat ist wieder im Osten unterwegs. An dieser Stelle wollen wir in den nächsten vier Wochen im August 2014 verfolgen, wie es seinen Mitstreitern und ihm ergeht.

Bericht Teil 7

Von Mütterchen Wolga zu Olga –nein, in die Zentrale der Macht

In Saratow verlassen wir nun die Wolga, nicht ohne ihr am Morgen noch eine letzte Aufwartung gemacht zu haben. Eindrucksvolle Bauten aus den verschiedenen Stilepochen stehen an ihrem Ufer, eindrucksvoll der Fluss selber – und er hat noch so weit zu fließen! Eine kurze Fahrt durch den hier einsetzenden morgendlichen Berufsverkehr, dann verlassen wir Saratow. Durch das fruchtbare Oka-Don-Becken fahren wir nun in nordwestliche Richtung weiter nach Tambow. Weit, endlos weit erscheint die Landschaft, riesige Felder, z.T schon abgeerntet, nur gelegentlich ein Dorf, in eines der trockenen Täler hineingeduckt. In eines fahren wir zum Tanken und zur Mittagspause hinein und werden wieder willkommen geheißen. Dann sind wieder große Felder. Gewaltige Traktoren im Einsatz – Es riecht zunehmend nach Rauch, es brennt. Beim genaueren Hinsehen werden hier die Stoppelfelder vor dem Pflügen großflächig abgefackelt. Dann auf dem weiten Feld, weitab vom nächsten Dorf ein merkwürdiger Friedhof mit riesigen Grabsteinen, fein hineingeätzt. Frauen an der Straße, die wieder die Produkte ihrer Gärten zum Verkauf anbieten. Wir nähern uns wieder einer größeren Stadt.

Zwischenstopp über Nacht in Tambow. Die Stadt wurde 1636 als Teil des Festungsgürtels gegründet, der Moskau im Süden und Südosten vor Angriffen der Tataren schützen sollte. Als sich das Russische Reich nach Süden ausdehnte, verlor die Festung ihre Bedeutung und Tambow wurde Handels- und Verwaltungszentrum eines landwirtschaftlichen Gebietes. Erst nach der Oktoberrevolution 1917 entwickelte sich in größerem Ausmaß die Industrie. Im August 1920 kam es dann zu einem großen Bauernaufstand, dessen Zentrum Tambow war.
Er richtete sich gegen die Regierung der Bolschewiki und begann mit dem Widerstand gegen die Zwangseinziehung von Getreide und entwickelte sich zu einem Guerillakrieg gegen die sowjetischen Behörden, die Rote Armee und Einheiten der Tscheka. Die Verheerungen der Kämpfe und Strafmaßnahmen führten zusammen mit der Landwirtschaftspolitik der Bolschewiki zu einer Hungersnot in den Gebieten der Aufständischen. Neben Tambow waren in den folgenden Jahren weitere Teile Russlands betroffen. Letztendlich wurde der Bauernaufstand aber von der Roten Armee niedergeschlagen und die als Kulaken verunglimpften Bauern hingerichtet oder in die Verbannung nach Sibirien geschickt. Der Aufstand machte aber auch der sowjetischen Führung ihr Versagen im Umgang mit den Bauern klar. Infolgedessen wird der Aufstand als einer der Faktoren gesehen, die Lenin dazu bewogen, die Neue ökonomische Politik einzuleiten.
Interessant ist noch, dass der sowjetische Heerführer Michail Frunsevon der Widerstandskraft der Guerillas gegen die regulären Truppen sehr beeindruckt war. Als Oberbefehlshaber der Roten Armee ließ er deshalb in den zwanziger Jahren Studien über den Guerillakampf erstellen. Dies wird als eine Vorbedingung des Partisanenkriegs der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg gegen die deutschen Invasoren angesehen.

Weiter geht es in Richtung Moskau. Dabei verlassen wir bei Rjaschsk die M6, hoppeln über die Regionalstraße P126 und erreichen dann bei Rjasan die M5, der wir dann weiter Richtung Moskau folgen. In Kolomna bleiben wir zur Nacht. Kolomna liegt nur noch 110 km südöstlich von Moskau und hat knapp 150.000 Einwohner Sie ist eine der ältesten Städte des Moskauer Umlandes. Der Ort am Zusammenfluss von Moskwa und Okaist seit 1177 als Grenzposten des Fürstentums Rjasan bekannt. Kolomna hat an wichtigen Handelswegen gelegen und so wurde die Stadt zum Objekt eines erbitterten Kampfes zunächst der Fürsten von Wladimir und dann der Moskauer Fürsten. 1301 wurde es Teil des Großfürstentums Moskau. Zwischen 1525 und 1531 wurde in Kolomna ein massiver Kremlaus Stein errichtet, die zweitgrößte Befestigungsanlage nach dem Moskauer Kreml. Die Gesamtlänge der Mauern betrug zwei Kilometer bei einer Stärke von 3 bis 5 Metern und einer Höhe von 18 bis 24 Metern. Die Zahl der Türme erreichte 17, doch sind bis heute lediglich 7 davon erhalten geblieben. Später lag die Bedeutung Kolomnas, aufgrund seiner Lage an einem wichtigen Transportweg, vor allem in seiner Rolle als Handelsstadt.

Der große Empfang gleich zu Beginn gilt nicht uns, sondern einer der zahlreichen hochzeiten, die an jedem Wochenende irgendwo in Russland stattfinden. Natürlich sehen wir neugierig zu. Wir sind in einem sehr gepflegten, sauberen Ort mit Grundstücken vor den Häuschen auf denen sogar der Rasen gemäht ist. Nicht umsonst wurde Kolomna 2006 zur „wohlgeordnetsten“ Stadt der Region gewählt.

Auf dem Weg aus der Stadt stoppen wir noch an der großen Kremlanlage. Beeindruckend. Im Laufe des Vormittags erreichen wir Moskau. Auf dem Weg zum Hotel machen wir noch eine Stadtrundfahrt durch die russische Hauptstadt. Dabei durchfahren wir noch Straßen und kommen zu Plätzen, die wir am nächsten Tag während unserer Stadtrundfahrt nicht erreichen werden. Und gönnen uns natürlich einen Stopp am Roten Platz vor der Basilius-Kathedrale und dem Kreml, so lange, bis ein Polizist kommt und uns mit dem Hinweis „das ist hier kein Parkplatz“ zur Weiterfahrt nötigt. Aber das hatten wir ohnehin vor.

Wir haben es geschafft. Moskau ist ohne eine jede Panne erreicht und an dem Abend sitzen wir noch lange zusammen, um all die Eindrücke zu verarbeiten.

Bericht Teil 6

Vom Ural an die Wolga

Von nun an geht´s bergab

Auch alles Schöne hat einmal ein Ende und wir haben Bingi leider verlassen müssen. Wir fahren nun nach Süden, immer im Bereich des Uralgebirges, dass wir zum Schluss wieder nach Westen hin überqueren. Eigentlich geht es weiträumig um die Stadt Jekaterinburg herum, aber dennoch müssen wir uns durch einige Staus quälen. Dann, am Übergang von einem Rajon zum nächsten eine große DPS / Polizei-Station. Eigentlich hatte ich schon lange darauf gewartet, mal angehalten zu werden. Aber bisher hatten alle Polizisten, die wir getroffen hatten, nur freundlich zurück gewinkt oder zurück genickt. Hier müssen wir also halten und ich werde ins Polizeigebäude gebeten. Igor wird gerufen. Es dauert ein wenig, bis er da ist: „Warum sprichst du englisch mit mir und nicht russisch oder deutsch?“ „Weil mich deine Kollegen gefragt hatten, ob ich englisch spräche und deswegen haben sie dich gerufen. Aber wir können unser Gespräch sowohl in der einen oder anderen Sprache fortsetzten.“ Igor entspannt sich und will nur etwas über unsere Reise wissen und was wir vorhaben. Dann gibt er mir meine Papiere zurück und wünscht uns eine gute Fahrt. Derweil hatten einige seiner Kollegen die Zeit genutzt und sich unsere Motorräder angesehen. Weiter geht es.

Kurz danach verlassen wir die Straße nach Tscheljabinsk und fahren weiter in den westlichen Teil des Urals hinein. Dieser Bereich ist der niedrigste von allen Gebirgszügen. Hier liegen aber die meisten Bodenschätze, die den Ural zu einer der bedeutendsten Industrie- und Bergbauregionen gemacht hat. Bekannt ist der Ural vor allem für seine großen Malachitvorkommen. Es wurden aber auch andere Edel- und Halbedelsteine sowie Eisen, Kupfer, Gold und Platin entdeckt und seit der Zeit von Peter I. dem Großen abgebaut. Hier begann man mit der Verhüttung von Eisenerz für die Waffenproduktion. In der UdSSR entwickelte sich die Region zu einer der stärksten Industrieregionen. In dieser Region ließ Stalin ab 1929 binnen kürzester Zeit verschiedene Industriestädte errichten, wie Magnitogorsk. Die Eisenerzvorkommen am „Magnetberg“, der der Stadt seinen Namen gab, waren so reich, dass der Legende nach die Pferde der Mongolenheere des Tschingis Khan mit ihren Hufeisen am Boden hängen geblieben sein sollen. Die „Stadt am Magnetberg“ wurde zum Paradebeispiel der industriellen Entwicklung in der Sowjetunion. Freiwillige aus aller Welt halfen bei dieser „Produktionsschlacht“, unter ihnen auch der junge Erich Honecker, der später DDR-Ministerpräsident wurde. Der Ural wurde im Zweiten Weltkrieg das weltweit größte Zentrum der Stahl- und Rüstungsindustrie. Die Maschinenbaufirma „UralWagonSawod“ produziert noch heute Panzer und Eisenbahnwaggons. Während des zweiten Weltkrieges liefen hier und bei „UralMasch“ in Swerdlowsk, heute Jekaterinburg, hauptsächlich T-34-Panzer vom Band, mit denen die Rote Armee die Wehrmacht besiegte. Die Region um Tscheljabinsk wurde uns kürzlich ins Gedächtnis gerufen – durch die Katastrophe, die nicht stattfand. Denn bei dem Meteoritensturm, der hier am 15. Februar 2013 ging, wurden mehr als tausend Menschen verletzt und es waren mindestens sechs Städte betroffen, in denen Scheiben und Dächer beschädigt wurden.
Lange vermisst, schön hügelig, sogar kurvenreich, eine angenehm zu fahrende Strecke auf der wir anschließend unterwegs sind. Teilweise eine fast lieblich anzusehende Landschaft. Umso mehr sind wir schockiert, als wir uns der Kupferbergbaustadt Karabash nähern. Der Boden ist durchwühlt, tote Bäume überall, Abraumhalden, Schwemmflächen, die Bäche rostbraun, schaumig. Und es stinkt. Selbst die Straße ist hier noch schlechter als anderswo. Bloß weg von hier!

Wir erreichen Zlatoust, das im Jahre 1754 gegründet wurde und seinen Namen nach dem byzantinischen Heiligen Johannes Chrysostomos erhielt, der im Russischen Ioann Slatoust genannt wird. 1815 wurde in dem Ort neben einer Eisenfabrik eine Klingenfabrik gegründet, an deren Aufbau auch Meister aus Solingen beteiligt waren. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in Zlatoust auch das Handwerk der Metallgravur, mit der die Zlatouster Klingenwaffen geschmückt wurden. Dies machte sie weit über die Ortsgrenzen hinaus bekannt und die Metallgravur ist bis heute in der Stadt ein lokales Traditionshandwerk. Während des Zweiten Weltkriegs beherbergte Zlatoust zahlreiche aus dem europäischen Teil Russlands evakuierte Industriebetriebe, darunter die Erste Moskauer Uhrenfabrik. Von den Kriegshandlungen blieb die Stadt durch ihre Lage verschont, allerdings fielen mindestens 40.000 Zlatouster Bürger an der Front, auf die endlos erscheinende Gedenktafeln hinweisen. Insgesamt macht die Stadt einen merkwürdigen Eindruck zwischen Industrie- und Kurort, entsprechend ist auch der Ausblick aus den Hotelfenstern unserer Unterkunft am See.

Von Zlatoust nach Ufa führt direkt die M5. Es gibt aber kurze Alternativen auf der alten Strecke, um dieser Hauptverbindungsstrecke zwischen Moskau und Sibirien zu entgehen. Und die nutzen wir dann auch bevorzugt. Einen kurzen Abstecher machen wir gleich zu Beginn unserer heutigen Fahrt, denn direkt an der M5 befindet sich auch eines der Denkmäler, die den Übergang von Europa nach Asien symbolisieren. Für uns nun in umgekehrter Richtung. Die M5 „Ural“ ist eine der wichtigsten Fernstraße in Russland. Sie führt von Moskau über Rjasan, Pensa, Samara und Ufa nach Tscheljabinsk und ist 1855 km lang. Die M5 ist Teil der transkontinentalen Straßenverbindung von Moskau nach Wladiwostok und damit des AH6 – Asian Highway – im Asiatischen Fernstraßennetz, sowie Teil der Europastraße 30. Zwischen Moskau und Rjasan, sowie in Abschnitten bei Samara, Ufa und Tscheljabinsk ist sie zu einer autobahnähnlichen Straße ausgebaut.
An den Ausläufern des Uralgebirges beginnt das osteuropäische Tiefland. Wie sind mal wieder abseits der Hauptmagistrale unterwegs. Endlose Felder, meist Sonnenblumen bis zum Horizont, mittendrin Erdölpumpen. Leine, weit verstreute Ansiedlungen, hübsche Vorgärten, die Nutzgärten auf der Rückseite, Immer wieder kleine Moscheen, weit vor den Orten die Friedhöfe. Wir sind parallel zur Trasse der transsibirischen Eisenbahn unterwegs. Abseits der Magistrale sind die Straßen aber auch abseits. „Meinst du, wir kommen hier durch?“ – kein Problem, wir können allerdings froh sein, dass es nicht geregnet hat, denn dann wäre diese kurze Lehmpiste zwischen zwei Orten wirklich eine Herausforderung gewesen. So ist sie betonhart, das gilt allerdings auch für die Spurrinnen.

Ufa, die Hauptstadt der Teilrepublik Baschkiren, wird von einem Reiterdenkmal des Volkshelden Salawat Julajew überragt. Die mongolisch-stämmigen Baschkiren bilden heute nach Russen und Tataren aber nur noch die drittgrößte Bevölkerungsgruppe in der Stadt. Seit über 200 Jahren ist die Stadt ein bedeutendes geistiges Zentrum des Islam in Russland. Eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Geschichte des Weltkommunismus hatte Ufa auch, denn hier verbrachte Lenin einige Jahre. Während des Zweiten Weltkrieges ließ Stalin die Komintern, die Kommunistische Internationale, nach Ufa evakuieren. Die Stadt hat heute etwa 1,1 Millionen Einwohner und ist der bedeutendste Standort der russischen petrochemischen Industrie. Sie zieht sich in einer Länge von ca. 50 km von Südwest nach Nordost und nimmt eine Fläche von ca.750 km² ein, das entspricht der Fläche des Stadtstaates Hamburg.

Ufa – Samara
Auf der M5 fahren wir nach Samara. Auf diesem Abschnitt haben wir nur wenig Möglichkeiten, um auf Nebenstrecken auszuweichen. Aber die nutzen wir auch.
Samaraist mit knapp 1.2 Mio. Einwohner die sechstgrößte Stadt Russlands. Sie liegt am hochgelegenen linken Wolgaufer der „Samarer Krümmung“, zwischen den Mündungen der FlüsseSamaraundSok.
Samara zählt zu den bedeutendsten Wirtschaftsstandorten der Russischen Föderation. Zu den wichtigsten Industriezweigen zählen der Maschinenbau und die Metallverarbeitung mit der Herstellung von Geräten für die Weltraumtechnik, den Flugzeugbau – Typ Tupolew – und Flughäfen. Hier befindet sich die FirmaZSKB Progress, in der die Sojus-Raketenkonstruiert und gebaut werden. Und in der Nähe Samaras befindet sich die StadtTogliatti, in der die AutomarkeLadahergestellt wird. Bei Togliatti befindet sich die Wolgatalsperre, die denKuibyschewer Stauseeanstaut, über die wir weiter nach Süden fahren. Lange geht es an der Wolga entlang, die wir dann bei Balakowo überqueren. Wir passieren hier auch das Kernkraftwerk Balakowo mit vier Druckwasserreaktorblöcken mit einer elektrischen Nettoleistung von je 950 MWe pro Reaktor.
Entlang der Straße wird in riesigen Mengen und Gebinden Honig angeboten. Erst erscheinen uns die großen Mengen unverständlich, aber dann nehmen die Sonnenblumenfelder wieder gewaltige Ausmaße an. Damit ist das Angebot verständlich.
Dann passieren wir die am Ufer der Wolga gelegene Stadt Marx, russisch Маркс, auch Marxstadt, die von 1924 bis 1941 zur Wolgadeutschen Republik gehörte und deren zweitgrößte Stadt war. Heute hat sie knapp 32.000 Einwohner. Marx wurde im Jahr 1767 alswolgadeutsche Kolonie durch den holländischen Baron Ferdinand Baron Caneau de Beauregard gegründet und erhielt zunächst den Namen „Baronsk“ und wurde 1920 nachKarl Marxin Marxstadt umbenannt. 1941 wurde unterStalinim Zuge der Aktion zur Liquidation aller deutschen Benennungen das Element „-stadt“ aus dem Namen getilgt. Seitdem besteht der heutige Name „Marx“.
Der Nachbarort von Marx erhielt den Namen Engels. In beiden Orten herrscht ein russisch-südländisches Flair, Bauten aus dem 19. Jahrhundert prägen das Bild der Innenstadt. In den 1760er Jahren kam Katharina die Große auf die Idee, die unbewohnte Steppenlandschaft an der südlichen Wolga durch Einwanderer kultivieren zu lassen. Ihrer Einladung, verbunden mit Religions- und Steuerfreiheit, folgten zehntausende Deutsche, vor allem Hessen, Bayern und Baden. 1918 gründeten sie die Wolgadeutsche Republik, doch im Juni 1941 wurden die rund 400.000 Russland-Deutschen nach Kasachstan und Sibirien deportiert und nur wenige kehrten zurück.
Die Wolga ist hier etwa drei Kilometer breit und durch eine Brücke mit Saratow verbunden. Leider haben wir Pech. Egon hatte schon so etwas angedeutet, und tatsächlich, die Brücke ist leider gesperrt und wir müssen einen fast 50 km langen Umweg fahren, um zu unserem Hotel in Saratow zu kommen. So wird es schon leider dunkel als wir ankommen, aber die Eindrücke, die wir während der Fahrt durch die Innenstadt haben, sind schon eindrucksvoll. Der Architektur von Saratow sieht man den deutschen Einfluss an und in Engelsheißt die Hauptstraße zur Abwechslung nicht Lenin-Boulevard sondern Thälmannstraße. Aber sonst sind alle Spuren der Einwanderer verwischt.

Bericht Teil 5

Intermezzo

Das Imperium schlägt zurück, oder halbe und ganze Wahrheiten

Erste Sanktionsmaßnahmen im Konflikt wegen der Ukraine werden sichtbar – Deutsche Tankstelle im Ural ist das Benzin und das Wasser abgegraben!

MOTTOUREN REISE URAL 2014

So oder ähnlich könnte dieses Bild in der aktuellen Situation überschrieben sein. Was für ein Quatsch, werden hier doch nur Umbaumaßnahmen durchgeführt.
Wenn im Rahmen der gegenwärtigen Lage keine polnischen Äpfel mehr nach Russland exportiert werden dürfen, so ist das traurig für die Polen, aber das Apfelangebot in Russland an den Straßen ist riesig. Wenn keine holländischen Schweinehälften mehr nach Russland dürfen, dann hat das fatale Folgen fürs das russische Gesundheitssystem. Nun müssen also mehr eigene Antibiotika und stressabbauende Medikamente direkt an die Bevölkerung ausgegeben werden.
Von all dem, was in der großen Weltpolitik passiert, merken wir vor Ort nichts. Im Gegenteil, wir treffen immer wieder auf freundliche Menschen, die sehr an uns und unserem Land interessiert sind. Immer wieder werden wir auf die eigentlich guten Beziehungen zwischen Deutschland und Russland angesprochen. Ständig winken uns Menschen an der Straße zu – nicht nur Kinder. Autofahrer passieren uns hupend – in beiden Richtungen, winken aus überholenden Autos, haben den Daumen hochgereckt. Selbst bei kurzen Stopps nutzen viele die Gelegenheit, um sich mit uns und unseren Motorrädern fotografieren zu lassen, die Braut ebenso, wie die Frauen, die aus dem „Kafe“ herausgeeilt kommen.

Straßen oder Putz und Flickstunde
In Russland auf den Straßen unterwegs zu sein, zumal mit dem Motorrad, ist schon ein Erlebnis. Der Zustand schwankt von Streckenabschnitten, die einer Formel 1 Rennstrecke genügen würden bis zu Schlaglöcher übersäten Pisten, die Trainingsgebiet fürs Slalomfahren sind. Und dazwischen wird selbst auf den großen Magistralen im fließenden Verkehr neu gebaut, Teer versprüht und repariert. Ein Unterbodenschutz ist garantiert. Wir erleben kilometerlange Staus, sehr geduldige Auto- und vor allem Lastwagenfahrer, aber auch die, die jede Lücke ausnutzen, um voranzukommen. Dabei wird auch schon mal eine neue Spur auf dem Acker nebenbei angelegt oder selbst auf der Schotterstandspur noch eine weitere Spur aufgemacht. Selbst in Moskau mit Straßen von jeweils acht Spuren pro Richtung mit Sonderspur für die ganz wichtigen, wird gedrängelt und z.T. mit erheblicher Geschwindigkeit überholt.

Aber insgesamt hat die große Polizeipräsenz, der Einsatz von Überwachungskameras auch auf freien Strecken und insbesondere vor Fußgängerüberwegen dafür gesorgt, dass die Verkehrsdisziplin deutlich besser geworden ist.

Auch unterwegs
Von unserm Freund Egon, den wir in Bingi getroffen haben und der mich im nächsten Jahr wieder zum Baikal begleiten wird, hatte ich schon geschrieben. Seine interessanten Gedanken und Berichte sind nachzulesen in seinem Blog.

Fast getroffen, aber denn doch nur geskypt habe ich mit meinen Freunden Gabi und Rainer Rathje, die mit mir vor zwei Jahren am Baikal waren und nun mit Edelweiß auf dem Weg von Moskau nach Bangkok sind. Fazit: Mit dem, was wir machen, sind wir deutlich näher an Land und Leuten dran. Ihre Gedanken und Bilder finden sich sehr sehenswert. Jetzt nachlesen!

Bericht Teil 4

In Bingi und um Bingi herum,
ein langes Wochenende auf dem russischen Dorf Bingi

Ausflug nach Irbit
Nun sind wir jenseits des Urals und haben Europa Richtung Asien, Richtung Sibirien verlassen. Wir sind an unserem Wendepunkt bei meinen Freunden Olga und Stefan in Bingi, einem typischen russischen Dorf angekommen. Das liegt unweit von Newjansk, das hier 1701 im Zusammenhang mit der Errichtung des Eisenwerkes Newjanski Sawod, entstand und schon bald zu den wichtigsten des Uralgebietes gehörte.

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Wir haben einige Möglichkeiten, die wir nach Absprache durchführen werden. Zunächst lassen wir es ruhig angehen. Hatten wir an Abend unserer Ankunft gleich die Banja benutzt, die russische Variante der Sauna, waschen wir uns morgens darin oder gehen zum Morgenbad in den Fluss. Ausführliches Frühstück, klönen, Mails lesen – „wann stellst du endlich deine Texte ins Urlaubsgeflüster?“

Für den ersten Tag – Freitag haben wir einen Besuch im 220 km entfernten Irbit eingeplant. Dort werden wir dem Ural-Museum einen Besuch abstatten und sind beim Ural-Motorradwerk mit Sergej und Marina zur Besichtigung verabredet. Da wir aber erst den Besuch während der 2. Schicht im Werk durchführen können lassen wir uns bei der Abfahrt und der Anreise Zeit. Im ersten Hotel am Platze machen wir eine Mittagspause. Mitunter ist es dann gut, dass man nicht weiß, wie wohl das zweite sein könnte. Irbit ist die erste wichtige Stadt in Sibirien, die wir kennen lernen. Die 41.500 Einwohner zählenden Stadt wurde Irbit im Jahre 1631 unter dem Namen Irbeiskaja sloboda gegründet Aufgrund der günstigen Verkehrslage betrieben die ersten Siedler hier vor allem Handel und veranstalteten Jahrmärkte, was sich anbot. 1643 erhielt der Irbiter Jahrmarkt den offiziellen Status eines Handelsplatzes und erlangte in dev Zeit überregionale Bedeutung. 1773 versuchten die Rebellentruppen um den Don-Kosaken Jemeljan Pugatschow Irbit einzunehmen, scheiterten aber am massiven Widerstand der Kaufleute und der von ihnen aufgebotenen Truppen. Als Belohnung dafür ernannte die Zarin Katharina II. „die Große“ zwei Jahre später Irbit zur Stadt und bewilligte Geld für repräsentative Bauten, darunter für eine Kathedrale, die aber in den 1930er-Jahren zerstört wurde. Diese Gebäude, besser ihe Ruinen und Fragmente sehen wir noch auf den Weg ins Stadtzentrum. Im 18. und 19. Jh. galt der Jahrmarkt von Irbit als einer der größten Marktplätze der Ural-Region und Sibiriens. Hier wurde unter anderem mit Tee aus Sibirien und China gehandelt. Als zum Anfang des 20. Jahrhunderts die Transsibirische Eisenbahn gebaut wurde, die Irbit umging, endete jedoch diese Entwicklung. In den 1930er-Jahren wurden in Irbit mehrere bedeutende Großbetriebe aufgebaut, so dass die Stadt zu einem Industriezentrum aufstieg. Von 1941 bis 1945 kamen einige wegen des Zweiten Weltkrieges aus dem europäischen Gebiet der Sowjetunion evakuierten Fabriken hinzu. International ist Irbit in erster Linie als Standort der Irbiter Motorradwerke bekannt, die ihre Produkte unter dem Handelsnamen Ural vertreibt.

Als wir vom Essen zu den Motorrädern gehen, hält neben uns ein junger Mann mit seiner BMW 800 R, der nur zu gerne die Gelegenheit wahrnimmt, uns zum Museum zu begleiten. Am Museum werden wir schon erwartet. Während alle durch die Räume gehen du die verschiedenstem Modelle aus den unterschiedlichstem Zeiten bestaunen, überreiche ich als Gastgeschenk einen gut erhaltenen BMW Helm älteren Typs, den mir mein Freund Dieter mitgegeben hatte. Der Direktor des Museums, Alexander Bulanow nimmt ihn entgegen. Er ist früherer Moto Cross Meister in der Sowjetunion gewesen und hat zwei Eintragungen im Guinnessbuch der Rekorde, zum einen für eine Fahrt mit dem Motorradgespann, 24 Stunden mit dem Beiwagen in der Luft und als Teilnehmer einer Fahrt mit einem Uralgespann, über 23.000 km non stopp. Er interessiert sich besonders für unsere Motorräder und die Konstruktion von Thomas` Uralbeiwagen an der BMW 1200 GS und an meine neue Adventure.

Dann fahren wir wenige Meter rüber zum Werk und werden von Marina hindurchgeführt. Gerne und auch ausführlich beantwortet sie unsere Fragen. Zurück in Bingi wartet auch schon Olga mit dem Abendessen auf uns. Noch lange sitzen wir zu sammen, um über unsere Eindrücke der vergangenen Tage zu sprechen.

Die Zarenfamilie und noch viel mehr – zwischen Kirche und Disco

Von Bingi aus starten wir heute zu einer Rundtour, die uns durchs Uralgebirge nach Jekaterinburg zum Zarendenkmal und nach Ganina Jama führt, dem Ort, an dem die Überreste des letzten russischen Zaren und seine Familie verbrannt und verscharrt wurden. Ungefähr 15 km nordwestlich von Jekaterinburg liegt Ganina Jama, wörtlich Ganjas Grube. Hier befand sich früher eine Eisenerzgrube. An diesen Ort wurden die Überreste des letzten russischen Zaren und seine Familie gebracht, nachdem sie 1918 im Ipatjew-Haus in Jekaterinburg erschossen worden waren. Hier wurden sie in dem Stollen verbrannt und verscharrt. Durch heimliche private Nachforschungen wurden 1979 die Überreste aufgefunden. Heute ist am Ort der Verbrennung ein Anbetungskreuz errichtet. Im Jahre 2000 wurde in Ganina Jama das russisch-orthodoxe Männerkloster „Kloster der Heiligen Zarenmärtyrer“ gegründet. Das Kloster ist ein einzigartiges Ensemble, das aus sieben Holzkirchen besteht und von den Mönchen in eigener Arbeit errichtet wurde. Das Holz dieser Kirchen wurde nur mit Axt und Säge bearbeitet. Die sieben Kirchen sind jeweils einem Mitglied der Zarenfamilie gewidmet. Am 14. September 2010 wurde bei einem Brand u.a. die Hauptkirche des Klosters, die Kirche für Nikolaus II., stark beschädigt. 2012 konnten wir schon große Baufortschritte bei der Wiederherstellung sehen; jetzt sehen wir den Bau schon fast vollendet.

Mit etwa 1,4 Millionen Einwohnern ist Jekaterinburg, das ehemalige Swerdlowsk, die größte Stadt der Uralregion. Sie liegt etwa 40 Km östlich der offiziellen Grenze zwischen Europa und Asien. Die Region wurde bereits im 11. Jh. von den Nowgorodern erschlossen. Die Gründung der Stadt erfolgte 1723 durch Wassili Tatischtschew zusammen mit dem deutschstämmigen Offizier in russischen Diensten Georg Wilhelm Henning. Im 18. Jahrhundert war sie eines der wichtigsten Zentren der Metallverarbeitung des Russischen Reiches. Bekannteste Touristenattraktion ist heute der Ort, an dem nach der Oktoberrevolution der letzte Zar Nikolaus II. seine Ehefrau Alexandra Fjodorowna und ihre fünf Kinder erschossen wurden. An der Stelle steht heute die große orthodoxe „Kathedrale auf dem Blut“.

Das Ipatjew-Haus, in dem die Romanows im Verlauf des russischen Bürgerkriegs im monatelang gefangen gehalten und in der Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 von einem Erschießungs-kommando umgebracht worden waren, ließ in den 70er Jahren ausgerechnet Boris Jelzin abreißen, als er der örtliche Parteichef war. Der spätere Präsident Russlands, der in einem Dorf westlich der Stadt geboren wurde, gilt dennoch als bekanntester Sohn von Jekaterinburg. Der Weg zur Kathedrale ist am heutigen Sonnabend gesperrt, es ist Stadtfest. Nur Brautpaare und ihre Begleitungen dürfen zur Kathedrale vorfahren und, nach einigen Verhandlungen, wir auch. Schlag auf Schlag rollen die Hochzeitsgesellschaften an, um sich vor der Kathedrale ablichten zu lassen. Während alle mit Stefan und Olga dem Stadtfest einen Besuch abstatten, bleibe ich bei den Motorrädern zurück. Ich habe keine Angst, dass sie gestohlen werden können, aber ganz viele wollen sich mit unseren Motorrädern fotografieren lassen und der eine oder andere möchte gerne im alkoholisierten Zustand eine Probefahrt machen. Das weiß ich aber zu verhindern. Lange spreche ich mit Eugen, einem Russlanddeutschen, der mit seiner kleinen Tochter Katja auf dem Stadtfest war. Obwohl Jekaterinburg heute ein bedeutendes Industriezentrum ist, sind in der Stadt viele hübsche vorrevolutionäre Holzhäuser erhalten geblieben. Auf dem Rückweg stoppen wir noch bei Harley Davidson. Uli, als eigentlich eingefleischter Harleyfahrer braucht ein T-Shirt von hier.

Den Nachmittag lassen wir in Bingi ruhig angehen, denn abends wollen wir nach Nischni Tagil in die Disco, um ein typisches Abendprogramm am Wochenende in Russland zu erleben. Die 380.000 Einwohner zählende Stadt Nischni Tagil ist durch Eisengewinnung und -verarbeitung bekannt. Wichtigstes Unternehmen ist die Maschinenbaufabrik und weltgrößte Panzerfahrzeughersteller Uralwagonsawod. Eine verbreitete Geschichte besagt, dass das für die amerikanische Freiheitsstatue verwendete Kupfer aus Nischni Tagil stammt, ähnliches behauptet aber auch der Kupfer-Bergbauort Sulitjelma in Norwegen. In der Sowjetzeit gab es in Nischni Tagil einen großen Gulag. Das „Besserungsarbeitslager“ Tagil-ITL bestand von Januar 1942 bis April 1953, seine Verwaltung befand sich in der Stadt. Zeitweise waren über 43.000 Personeninhaftiert, die im Metallurgiekombinat von Nischni Tagil und in anderen Industriebetrieben sowie im Straßen- und Wasserbau, zur Förderung von Bodenschätzen und in der Holzgewinnung eingesetzt wurden. Weiterhin befanden sich die zwei Kriegsgefangenenlager für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs in der Stadt. Auf dem Weg zur Disco stoppen wir mehrfach, um einen Bankautomaten zu suchen. Nicht immer sind wir erfolgreich, der eine spuckt gar nichts aus, der andere will mir nur eine so kleine Summe geben, dass ich besser darauf verzichte. Aber dann habe ich doch noch Glück. Nach der Kontrolle durch die Türsteher können wir zu unseren vorbestellten Plätzen. Und dann geht es auch los. Hier ist das Publikum sehr gemischt. Es wird viel gegessen und getrunken. Und auch die Altersspanne ist groß, nicht nur bei uns. Aber auf der Tanzfläche bewegen sich – wie bei uns – auch nur überwiegend Frauen. Dann gibt es noch Showeinlagen, Striptease und artistische Musikvorführungen. Wenn es am schönsten ist, soll man gehen. Das machen wir auch, zumal wir am nächsten Tag nicht zu düsig im Kopf sein wollen.

Beim Motorradpopen Dimitri oder wir lassen es uns in Bingi gut gehen.

Am letzten Tag in Bingi ist Ruhetag – oder jeder kann tun und lassen, was er will. Während die meisten mehr oder weniger lange Ausflüge durchs Dorf machen und zur Kirche hinüber gehen. um russisches Dorfleben hautnah zu erfahren bleiben, einige auch nur im Garten unserer Unterkunft und entspannen sich. Da morgens das Wetter sich nur langsam erholt – nachts hatte es heftig gewittert – entfällt auch der angedachte Rundfluge mit einer Antonow 2. Reinhard und ich nutzen die Gelegenheit, um Dimitri, einen Freund von mir, zu besuchen. Er ist Pope, also orthodoxer Priester in Kushba, einer kleinen Stadt 110 km weiter nördlich im Ural. Der Ural ist ein bis 1895 m hohes und knapp 2400 km langes Gebirge, das sich in Nord-Süd-Richtung durch den mittleren Westen Russlands erstreckt und einen Teil der asiatisch-europäischen Grenze darstellt. Das Uralgebirge weist Hochgebirgs- und Mittelgebirgscharakter auf und befindet sich zwischen der Osteuropäischen Ebene im Westen und dem Westsibirischen Tiefland im Osten. Es erstreckt sich aus Richtung Norden von der Südküste der Karasee, die ein Teil des Nordpolarmeers ist, erst nach Südwesten, biegt nach rund 500 km in Richtung Süden ab, erreicht bei Jekaterinburg seine größte Breite und endet am Uralknie zwischen Orenburg und Orsk an der kasachischen Nordgrenze. Im mittleren Norden des Urals befindet sich der mit 1.895 m höchste Gipfel des Gebirges, die Narodnaja.

Dimitri freut sich riesig, als wir zu ihm kommen. Mit Freude lädt er uns zum Mittagessen ein – nach dem Gottesdienst speisen im Gemeindesaal immer 20-30 Personen – zeigt er uns „seine“ Kirche und natürlich seine geliebte 990 KTM, mit der er viele und weite Reisen unternimmt. So hatte ich ihn auch vor Jahren in Ostsibiren kennengelernt. Anschließend zeigt er uns noch einiges von der Umgebung. So sehen wir ein weiteres Europa/Asien-Denkmal und einen gewaltigen Eisenerztagebau. Zu Verabschiedung gibt er uns noch den Reisesegen und wir fahren zurück nach Bingi. Gleichzeitig mit uns treffen die übrigen ein. Die mit Stefan einen Ausflug in die nahegelegene Kreisstadt gemacht haben.

Hauptsehenswürdigkeit von Newjansk ist der so genannte Schiefe Turm von Newjansk, ein etwa 1725-40 errichteter Wachturm, gebaut von der Unternehmerfamilie Demidow, der das Eisenwerk in jener Zeit gehörte. Die Achse des etwa 57,5 Meter hohen Turms weicht an der Spitze um 1,85 Meter, nach anderen Angaben 2,20 Meter, von der Vertikalen ab. Die Abbildung des schiefen Turms ist auch auf dem Stadtwappen von Newjansk zu sehen. Dann noch eine letzte ausführliche Klönrunde nach dem Abendessen und ein erstes packen, denn am nächsten Morgen geht es weiter.

Bericht Teil 3

Zwischen Susdal und Ishewsk

Susdal – Palech (Ikonenmalerei) – Nishni Nowgorod

Der direkte Weg über die M7 nach Nischni Nowgorod wäre zwar kürzer, aber die Fahrt durch die Provinz lohnt den Umweg allemal. Dazu gehört vor allem ein Stopp in Palech. Der Ort ist vor allem für das Ikonenmal- und Lackier-Handwerk bekannt. Er liegt im Süden der Oblast Iwanowo und ist mit 5.500 Einwohnern das Verwaltungszentrum des gleichnamigen Rajons.

Es lohnt sich, das dortige Ikonenmuseum zu besuchen. Wir haben es aber viel besser, denn wir sind mit Jura verabredet, dem Chef des größten Ikonenemalbetriebes im Ort. Jura kenne ich schon seit Jahren. Zusammen mit seiner Frau und einem Freund hatte er vor mehr als zwölf Jahren einen herunter gewirtschafteten Ikonenemalbetrieb übernommen und zu neuer Blüte geführt. Inzwischen sind sie so gut im Geschäft, dass nicht nur eine BMW GS Adventure sein eigen nennt, sondern auch einen Harley, mit der er nach eigener Aussage allerdings nur in der Region unterwegs ist. Wir stehen noch nicht lange an dem verabredeten Ort, da stoppt er auch schon neben uns und lädt uns ein, ihm zu folgen. Nach kurzer Fahrzeit erreichen wir das unscheinbare Gebäude und parken unsere Motorräder. Es ist Sonntag und deshalb arbeitet hier niemand. So gehen wir mit Jura durch die menschenleeren Werkstätten, doch das, was wir sehen, ist trotzdem überaus beeindruckend. Ikonen in unterschiedlichem Fertigungszustand, die Rahmen  in Vorbereitung und fertige Modelle, Vorlagen und die Bereich, in dem das Blattgold aufgelegt wird. Hier besser nicht tief einatmen, sonst gibt es Goldzähne.

Ikonen offenbaren im Bild, was die Heilige Schrift in Worten verkündet, nämlich das Evangelium Jesu Christi. Sie vergegenwärtigen sein Wirken und das seiner Nachfolger und der anderen Boten Gottes und laden zur Nachfolge ein. Als Betrachter einer Ikone soll ich nicht vorrangig informiert werden, sondern vor allem zu innerer Einkehr, zu einer beschaulichen Betrachtung und zum Gebet geführt werden. Die individuelle, schöpferische Ausdrucksweise des Malers ist aus kirchlicher Sicht nicht gewünscht; Ikonenmalerei wird als religiöses Handwerk, nicht als Kunst betrachtet, deswegen sind Ikonen eigentlich „nur“ Kopien einer alten Vorlage.

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Sehr beeindruckt gehen wir wieder zu unseren Motorrädern. Draußen warten inzwischen zwei Freunde von Jura mit ihren Harleys. Wir werden freudig begrüßt und dann von allen dreien noch ein Stück unseres Weges begleitet.

Während die Kirche in Palech in sehr gutem Zustand ist, mit einer beeindruckenden Ikonostase, der Ikonenwand, die den Altarraum vom eigentlichen Kirchenraum abtrennt, haben die Orte, die wir danach durchfahren, nur kaputte Kirchen zu bieten, zerstört in der Stalinzeit.

Ein schöner Platz an einem See, bietet Gelegenheit zu einer Mittagspause und ein kleines Nickerchen. Es ist wieder heiß geworden. In weiten Bögen schwingen wir uns dem Nischni Nowgoroder Stausee entgegen, einem Stausee der Wolga, Teil der so genannten Wolga-Kama-Kaskade. Als Wolga-Kama-Kaskade bezeichnet man die Wasserkraftwerke und. Stauseen der Wolga und ihres größten Nebenflusses, der Kama.

Der Stausee befindet sich nordwestlich der Millionenstadt Nischni Nowgorod, unserem heutigen Ziel.

Auf dem Weg dorthin staut sich der Verkehr in Richtung Nishni über Dutzende von Kilometern. Wir tippen auf einen Unfall auf der zweispurigen Straße oder auf den Rückreiseverkehr von den Datschen zurück nach Nischni Nowgorod. Aber es ist „nur“ das Queren eines immer wieder gesperrten Bahnüberganges. Wir ziehen daran vorbei, follow me. Was hatte ich allen vorher, meinen Freund Egon zitierend, gesagt: „Wenn du in Russland fahren willst, musst du auch fahren wie ein Russe.“

Neben dem Besuch in Palech haben wir heute noch ein weiteres Highlight, den Besuch beim einzigen Hyperbolischer NIGRES-Stromleitungsmast.

Dieser Stromleitungsmast ist eine ganz besondere Konstruktion. Er wurde 1929 vom russischen Ingenieur und Erfinder Wladimir Schuchow errichtet wurde, der zu den genialsten Ingenieuren des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts gehört.

Ein Hyperboloid ist eine Fläche zweiter Ordnung, die durch Ebenen in Hyperbeln, Ellipsen, Parabeln geschnitten werden kann. Eine Hyperboloidkonstruktion ist eine Konstruktion als Fachwerk oder Tragwerk in Form eines Rotationshyperboloids. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass ihre äußere Hülle aus einer oder zwei Scharen von geraden Elementen gebildet wird, sodass trotz der freien Form keine gekrümmten Bauteile erforderlich sind. Dabei können hohe Türme mit minimalem Windwiderstand gebaut werden. Der Entwurf besteht aus aufrechten Trägern, die gitterartig arrangiert sind.

Trotz der unterschiedlichen Herangehensweise wird auch Gaudís Ansatz der Konstruktion, die er für die Sagrada Família gewählt hat, in Zusammenhang mit den rotationshyperbolischen Konstruktionen nach Schuchow gesehen.

Der NIGRES-Stromleitungsmast ist ein Freileitungsmast der Oka-Freileitungsquerung bei Dserschinsk, 128 Meter hoch. Er wurde 1929, als einer von zwei gleichen Hochspannungsleitungstürmen, errichtet. Nach der Verlegung der Hochspannungsstrecke und dem Entfernen der Leitungen waren die Masten seit 1989 ohne Funktion. Vier kleinere Zuführungsmasten wurden dabei abgerissen. Obwohl die beiden großen Masten die Last der Stromleitungskabel zu tragen hatten, sind sie noch leichter und feinteiliger konstruiert als der Schuchow-Radioturm in Moskau.

Scheinbar endlos ziehen sich die Industriebetriebe und die Vororte Nischni Nowgorods hin, bis wir, von einer Leninstatue begrüßt, die Oka überqueren und unser Hotel direkt am Wolgaufer erreichen.

Nischni Nowgorod ist mit ca. 1,5 Millionen Einwohnern Russlands fünftgrößte Stadt, ein bedeutendes Industriezentrum und eine wichtige Universitätsstadt. Im GAS-Automobilwerk, abgekürzt von Gorkowski Awtomobilny Sawod laufen PKW vom Typ Wolga sowie die Gazelle-Kleintransporter und Sammeltaxis vom Band. Dazu gibt es die Flugzeugwerft, in der nach wie vor MiG Flugzeuge gebaut werden. Mikojan-Gurewitsch – MiG, heute Russian Aircraft Corporation (RAC) ist ein Militärflugzeughersteller, spezialisiert auf die Entwicklung und Produktion von Jagdflugzeugen. „Nischni“, wie die Stadt zärtlich von ihren Einwohnern genannt wird, ist auch die Heimatstadt des Sowjetdichters Maxim Gorki, nach dem die Stadt von 1932 bis 1991 benannt war. Erst seit dem Ende der Sowjetzeit dürfen ausländische Touristen in die Stadt reisen.

Nischni Nowgorod wurde von den Moskowitern vor allem als wichtige Festung bei ihren Kriegen gegen die Kasaner Tataren angesehen. Der gewaltige Kreml aus rotem Ziegelstein, eine der mächtigsten und ältesten erhaltenen russischen Festungen. Auf dem Weg zu unserem Hotel fahren wir staunend an diesem gewaltigen Gebäude entlang.

Von Nishni Nowgorod nach Kasan / Tartastan

Am nächsten Morgen fahren wir hinunter zum Wolgaufer und stoppen vor der großen Freitreppe hinauf zum Kreml. Wachmänner wollen uns gleich weiterschicken, als ich neben einigen großen Red Bull Fahrzeugen stoppe. Am Nachmitttag hatte eine Promotiontour des Formel 1 Zirkus` stattgefunden, deutlich sind noch die Reifenspuren auf dem Asphalt zu erkennen. Dann noch einmal beim gutem Morgenlicht hinauf zum Kreml. Eigentlich ist am Aussichtspukt absolutes Halteverbot. Aber mit „Pet minut“ – „nur fünf Minuten“ können wir den Polizisten überzeugen und schauen vom Denkmal des russischen Polarfliegers Schkalov hinunter auf die Wolga.

Ab Nischni Nowgorod folgen wir der Wolga flussabwärts über die M7 nach Osten, bis wir über Selenodolsk in Kasan die Hauptstadt der tatarischen Republik erreichen. Tatarstan ist die bevölkerungsreichste der autonomen Republiken Russlands im östlichen Teil des europäischen Russland. Uns verstärkt kleine und größere Moscheen auf, denn die Tataren sind in ihrer Mehrheit Muslime.

Die russische Fernstraße M7 führt aus Moskau heraus in östlicher Richtung über Nischni Nowgorod und Kasan nach Ufa, wo sie auf die M5 einmündet. Sie ist heute Teil der transkontinentalen Straßenverbindung von Moskau nach Wladiwostok.

Einige Abschnitte der M7 sind Teil der geplanten, aber nie vollendeten durchgängigen Straßenverbindung von Moskau nach Peking. Dieses in der Nachkriegszeit entstandene Projekt wurde verworfen, nachdem sich die Beziehungen zwischen der Volksrepublik China und der Sowjetunion in den 1960er Jahren deutlich verschlechtert hatten. Bis Jelabuga ist die Strecke Teil der Europastraße 22, danach der E17. Die Strecke wird zügig ausgebaut, über hunderte von Kilometern sind wir im Prinzip auf Baustellen unterwegs. Dann zieht mit hoher Geschwindigkeit ein Kamaz Lastwagen mit Red Bull Bemalung an uns vorbei. Der scheint keine Furcht vor den regelmäßigen Polizeikontrollen und der Videoüberwachung der Straßen zu haben.

Kasan, die Hauptstadt der autonomen Teilrepublik Tatarstan ist eine der „asiatischsten“ Städte Russlands und eines der schönsten Reiseziele entlang der Wolga. Hier trifft Europa auf Asien. Die Bevölkerung besteht je etwa zur Hälfte aus Russen und Tataren. In der großen Altstadt sind noch viele Bürgerhäuser, Kirchen und Moscheen aus dem 18. und 19. Jahrhundert erhalten. Auffallend sauber ist es hier! Kasan hat heute über eine Million Einwohner und wurde zur 1000-Jahrfeier im Jahre 2005 herausgeputzt. Es gibt eine Fußgängerzone und eine erste Metrolinie.

Im Mittelalter war Kasan die blühende Hauptstadt des Tataren-Khanats, die von den Truppen Iwans des Schrecklichen aber vollständig zerstört wurde. Wahrzeichen der Stadt und Legenden zufolge das einzige Gebäude, das die Eroberung der Stadt durch die Russen überstand, ist der Sujumbeke-Turm im Kasaner Kreml, der in seiner Schiefheit dem von Pisa nicht viel nachsteht. Erst seit wenigen Jahren wird das gesamte Ensemble von der neu erbauten Kul-Scherif-Moschee überragt. Das Gotteshaus mit seinen vier Minaretten hebt sich in Größe und Baustil deutlich von allen anderen Moscheen der Stadt ab und entspricht angeblich einem gleichnamigen Bau aus der vorrussischen Zeit.

Von Kasan nach Ischewsk

Nach dem Frühstück verlassen wir Kasan und fahren weiter ostwärts in Richtung Nabereschnyje Tschelny, der zweitgrößten Stadt Tatarstans. Leider fehlt uns die Zeit für einen Besuch im Lastwagenwerk von Kamaz. Den heutigen Abend und die Nacht verbringen wir in Ischewsk, der Hauptstadt der Teilrepublik Udmurtien.

Ischewsk entstand 1760 unter dem Namen Ischewski am Ufer der Isch, eines Nebenflusses der Kama. Die Stadt ist seit 1921 Hauptstadt der Republik Udmurtien und international bekannt, nicht zuletzt wegen des eigenen Fußballclubs Dynamo Ischewsk. Die Stadt ist besonders durch die Waffenindustrie geprägt und der prominente russische Waffenkonstrukteur Michail Kalaschnikow lebte hier. Unweit der Kathedrale von Ischewsk gibt es seit ein paar Jahren ein Museum, das sich dem Leben, der Arbeit und den Konstruktionen von Michail Kalaschnikow widmet. Wir schaffen es rechtzeitig dahin, doch leider ist ausgerechnet heute das Museum außer der Reihe geschlossen – eine Kommission tagt hier. So bleiben uns noch der Besuch der wiedererbauten Sankt-Michaels-Kathedrale und ein Ausflug zum Stausee mit Blick auf das Denkmal der Udmuren und auf die großen Fabriken.

Man sollte den Tag nicht vor dem Abend schlecht machen. Beim Anblick unseres heutigen Hotels sehe ich einiges Stirnrunzeln. Aber schon nach kurzer Zeit ändert sich das – die Zimmer sind klasse, die Hotelangestellten überaus freundlich und zuvorkommend, was wir auch schon anders erlebt haben und das Essen im neuen angeschlossenen Restaurant mit seiner usbekischen Küche ist großartig.

Ischewsk – Perm

Abseits der üblichen Routen deiner Russlanddurchquerung fahren wir heute nach Perm. Vom Wetter würde es passen, die Strecke über Tschaikowski entlang des Wotkinsker Stausees zu nehmen, um einen Umweg über Kungur zu fahren. In der Nähe der Stadt befinden sich zwei Attraktionen, die Kungurer Eishöhle und das Belogorski-Kloster am Weißen Berg, das größte im Ural. Doch nach kurzer Zeit entschließen wir uns, den Umweg nicht zu fahren. Bei unserer Reisegeschwindigkeit und der Tatsache, dass wir gegen die Zeit fahren, würden erst sehr spät ankommen.

So schwingen wir uns durch einen angenehme Landschaft weiter nach Perm.

Die vor dem Ural liegende Stadt Perm gehört zu den weniger bekannten Touristenzielen an der Transsibirischen Eisenbahn. Dass Perm immer noch eine „große Unbekannte“ ist, verdankt es der Tatsache, dass sie jahrzehntelang „geschlossene Stadt“ war. Als Zentrum der sowjetischen Rüstungsindustrie war sie für Ausländer unzugänglich und erst darf seit 1991 wieder besucht werden. Es sind nicht viele historische Gebäude erhalten, aber ein Stopp lohnt sich allemal – wobei die Straßen zum größten Teil deutlich schlechter sind als in den Städten, die wir bisher durchfahren haben. Perm verdankt seine Existenz dem Kupfererz, das hier in der Regierungszeit Peters I. im 18. Jahrhundert entdeckt wurde.

Auch heute ist die kurz vor dem Ural-Gebirge gelegene Stadt an der Kama ein wichtiges Industriezentrum. Hier hat der Ölgigant Lukoil seinen Hauptsitz, hier werden Flugzeugturbinen gebaut, stark ist auch die Chemie- und die holzverarbeitende Industrie.

Perm war bis vor wenigen Jahren die östlichste Millionenstadt Europas, wurde aber inzwischen von der baschkirischen Metropole Ufa überflügelt. In Perm leben heute knapp unter einer Millionen Menschen. Die Stadt versteht sich als „Tor nach Asien“.

Berühmt ist das Opern- und Balletttheater von Perm. Als einziges in Russland hat es die gesamten Werke von Peter Tschaikowski auf dem Spielplan und gilt als eine der wichtigsten „Kaderschmieden“ für junge Talente. Dies hat einen historischen Hintergrund: Während des Zweiten Weltkriegs war das Leningrader Kirow-Theater, das Petersburger Mariinski-Theater hierher evakuiert worden und leistete jahrelange Aufklärungs- und Ausbildungsarbeit. Die Folgen sind bis heute zu spüren.

Fahrt zum GULag Perm 36, weiter über den Ural nach Bingi

Zeitig verlassen wir Perm und erleben heute drei Höhepunkte dieser Reise: einen Besuch im GULag Perm 36, die Fahrt durch das Uralgebirge mit der Wegmarkierung – Grenze Europa/Asien – und unser Ziel für zwei Tage, Bingi, die Heimat meiner Freunde Olga und Stefan. Das bedeutet wieder noch näher als wir es sonst schon erlebt haben an die Menschen heranzukommen, das Leben in einem russischen, in diesem Fall sibirischen Dorf zu erleben, an dem Leben teilzuhaben.

Die Gedenkstätte der Geschichte politischer Repressionen „GULag Perm-36 ist das einzige Gulag-Museum auf dem gesamten Territorium der ehemaligen UdSSR, das sich auf dem Gelände eines ehemaligen Arbeitslagers befindet. Gegründet und geleitet wird das Museum von der russischen Nichtregierungsorganisation Perm-36.

Das Lager Perm-36 existierte mehr als 40 Jahre. 1943 wurde es im Dorf Kučino im Bezirk der Stadt Tschussowoi, im Permer Gebiet im Ural gegründet. Seit 1946 befindet es sich an seinem heutigen Standort. Von 1946 bis 1972 trug es die Bezeichnung ITK-6, Arbeitsbesserungsanstalt No.6 und war ein typisches Lager seiner Zeit. Während das Gulag-System in den 1930er Jahren aus großen, weit voneinander entfernten Lagern bestand, ging man Ende der 1940er Jahre dazu über, Lagernetzwerke mit kleinen Lagern zu errichten, mit jeweils um die tausend Häftlingen, die sich unweit voneinander entfernt befanden. Diese Lager waren billig zu erbauen und meist von kurzer Lebensdauer: nachdem die Arbeitsauf­gaben erfüllt worden waren, Bau eines Kanals, Holzfällarbeiten, zogen die Häftlinge weiter und die Lager wurden entweder zerstört oder dem Verfall preisgegeben. ITK-6 wurde als Lager für Holzfällarbeiten gegründet.

Viele dieser Gebäude stammen noch aus der Zeit von 1946 bis 1952 und damit aus der Stalinepoche der Sowjetunion. Im Arbeitsbereich des Lagers, in den man durch die wiedererrichtete Kontrollstation gelangt, die auch die Häftlinge passieren mussten und dort jedes Mal einer strengen Leibesvisitation unterzogen wurden, finden sich die Werkstätten des Lagers, eine Schmiede, ein Sägewerk, weiterhin ein Kesselhaus, dessen Funktion darin bestand, das Lager, die nahe gelegenen Wohnhäuser und die Kasernen der Gefängniswärter zu beheizen und ein Turbinenhaus für die Sicherstellung der lagerinternen Elektrizitätsproduktion. Außerdem befindet sich in diesem Teil das Verwaltungsgebäude, in dem auch die Wachleute untergebracht waren.

Ziel des Museums ist es, das ehemalige Lager in seiner ursprünglichen Form als Zeitzeugnis zu erhalten und wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen, historische Dokumente über die politischen Repressionen in der UdSSR ausfindig zu machen, zusammenzustellen und zu bewahren, zur Entstehung eines auch die Gräueltaten des sowjetischen Systems nicht ausblendenden Geschichtsbewusstseins und zur politischen Bildung in Russland beizutragen, Ausstellungen mit entsprechenden Thematiken zu organisieren und zivilgesellschaftliches Engagement in Russland zu fördern.

Nachdem 1989 ein ukrainisches Fernsehteam eine Reportage über das besondere Regime von Perm-36 gedreht hatte, wurden vom Permer Amt für Strafvollzug die sich dort noch befindenden Sicherheitssysteme demontiert.

In den Jahren 2009 und 2010 führte das Opernhaus aus Perm jeweils Musiktheater in den Resten des Lagers auf. 2009 war es eine Auftragskomposition basierend auf Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, 2010 wurde Beethovens Fidelio als Grundlage eines „Wandelkonzerts“ für jeweils 250 Zuschauer aufgeführt.

Sergej, der Museumdirektor freut sich sehr über unseren Besuch und auch darüber, mich wiederzusehen und nimmt sich sehr viel Zeit, uns das System und das Lager nahezubringen.

Dann erreichen wir das Denkmal, dass die Grenze zwischen Europa und Asien markiert, Zeit für eine Fotopause.

Die ganze Zeit haben wir uns in Höhen von 300 – 400 Metern bewegt. Von der Vorstellung hatten wir uns die Überquerung höher vorgestellt. Aber so ist das eben mit den Vorstellungen.

Kurz danach schwenken wir in Richtung Ekaterinburg nach Süden ab. Noch 80 Kilometer, dann haben wir unser Ziel erreicht. Doch nach kurzer Zeit sehe ich Reinhard mit unserem VW Bus neben der Straße stehen – eine Panne? Nein, er wurde von der Polizei gestoppt. Ich halte auch und mische mich ein – Folklore nennen wir das. Reinhard, der wirklich gut russisch spricht, versteht gar kein russisch und weiß auch nicht den Grund, weswegen er angehalten wurde. Also verhandele ich – und erreiche es, dass er keine Strafe zahlen muss und mit einer Ermahnung entlassen wird.

Kurz vor Newjansk biegen wir nach Bingi ab, um die nächsten Tage bei Olga und Stefan auf dem Dorf zu verbringen – das Erlebnis schlecht hin. Dazu demnächst mehr.

Impressionen

Bericht Teil 2

Von Nowgorod zum Goldenen Ring

Nowgorod – Waldai, Rundfahrt Waldai
Wir verlassen Nowgorod, die älteste Stadt Russlands mit ihren zahlreichen Sehenswürdigkeiten, die uns die russische Geschichte so hervorragend nahegebracht hat.

Schnurgerade geht es aus der Stadt hinaus, fast 50 Kilometer nicht die kleinste Kurve. Aber die Straßen hier wurden auch nicht nach den Wunschvorstellungen von Motorradfahrern gebaut. Und bekanntermaßen ist die Gerade die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten. Gelegentliche Baumaßnamen auf der Verbindungsstraße nach Pskow sind die einzige Ablenkung. Dann biegen wir zum südlichen Ende des Ilmensees ab. Je nach saisonaler Bewässerung durch die Flüsse, die in ihn münden, schwankt seine Fläche zwischen etwa 780 km² und 1.800 km². Der See ist über den 224 Kilometer langen Fluss Wolchow mit dem Ladogasee verbunden, der nordöstlich von Sankt Petersburg liegt und an dessen Ufer wir wenige Stunden zuvor gestanden hatten. Vom 9. bis zum 12. Jh. war er Teil der Wasserstraße, die die Ostsee mit dem Schwarzen Meer verband, dem großen Handelsweg der Wikinger.

Die Straße wird „ländlicher“, wir nähern uns der Region um Demjansk, dem Ort einer der großen Kesselschlachten im Zweiten Weltkrieg.

Während der sowjetischen Winteroffensive im Januar 1942 wurden hier sechs deutsche Divisionen mit fast 100.000 Mann vom Vorstoß der sowjetischen Armee überrascht. Eine noch mögliche Absetzbewegung wurde untersagt, so dass sich der Ring um Demjansk schloss. Die Verteidiger des Kessels mit ihren 20.000 Pferden mussten nun ausschließlich durch die Luft versorgt werden: 300 t Lebensmittel und Munition täglich waren das Minimum. Und weil das „so gut klappte“, sah Hitler später keinen Grund, den Kessel von Stalingrad aufzugeben. Die Folgen sehen wir überall – riesige Friedhöfe, russische wie deutsche – und in jedem Ort Hinweise auf den hohen Blutzoll, der hier entrichtet wurde.

Schließlich erreichen wir die Waldaihöhen, ein bis zu 347 m hohes Plateau innerhalb der großen Osteuropäischen Ebene im europäischen Teil Russlands. Sie ziehen sich in einer Länge von 370 km und einer Breite von 90 km hin und bestehen aus flachen, meist bewaldeten Hügelreihen. Der Waldai ist eine einmalige Naturlandschaft mit großen Wäldern, Seen und Sümpfen, dem Waldai Nationalpark, den Quellen der Wolga, des Djnepr und der Düna. Dieser Höhenzug war der Schutzschild Nowgorods vor den Tataren. Hier blieben auch Wehrmachtsoffensiven im Sumpf stecken. Bis heute ist der Waldai ein Ziel für alle, die Natur lieben. An den zahlreiche Seen befinden sich noch mehr Datschen. Neben der, auf der sich Putin gelegentlich aufhält, haben meine Freunde Susanna und Gisbert eine, die unser Ziel ist. Sie erwarten uns schon am Ortseingang des Stadt Waldai.

Große Wiedersehensfreude. Susanna arrangiert in Moskau und St. Petersburg Konzerte und Festivals, Gisbert ist seit bald 30 Jahren Korrespondent in Russland. Dank der heutigen Technik muss das nicht mehr nur von Moskau aus geschehen. Gelegentlich ist er bei uns mit seinen Berichten in den Privatsendern zu hören. Die äußerst informative Webseite und Internetzeitung, die sie betreiben, ist unter www.aktuell.ru zu finden, mit verschiedenen weiteren Unterseiten. Es lohnt sich sehr, dort regelmäßig reinzuschauen.

In einem kleinen Bistro am Markt ist ein typisch russisches Mittagessen für uns schon vorbereitet. Dann fahren wir weiter zum Iwerski-Kloster direkt gegenüber dem Zentrum der Stadt, auf einer Insel im Waldai-See. Das Kloster, 1653 von Patriarch Nikon gegründet, wurde, wie zu Sowjetzeiten üblich, zweckentfremdet genutzt. Hier arbeitete die erste russische Provinzdruckerei. Mönche übersetzen die Bibel und andere Schriften ins Russische. Im Jahr der Revolution 1917 verbrannte die Klosterbibliothek mit über 400 Büchern. Schon damals gab es mutige Bürger in Waldai, die zuvor viele Bücher und Kunstschätze in Sicherheit brachten. Im Heimatmuseum kann man diese einmaligen Zeugnisse einer vergangenen Zeit wiederfinden. Die russisch-orthodoxe Kirche bekam das Kloster 1991 zurück. Fast das gesamte Gebäudeensamble ist heute restauriert und lohnt einen Besuch.

Anschließend fahren wir auf staubigen Straßen zur Datscha – und werden auf dieser Piste völlig unerwartet von einem 40-Tonner eingeholt. Der hatte sich nicht verfahren, sondern nutzte die Piste um Dutzende von Kilometern abzukürzen.

Dann sind wir endlich da und alle sind von dem Anwesen völlig überrascht. Wir richten uns häuslich ein, gehen in die Banja und bereiten das gemeinsame Abendessen vor, zu dem noch einige Nachbarn dazu stoßen. Es wird spät, besser früh, als die letzten zu Bett gehen.

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Fahrt durchs Waldai nach Twer
An nächsten Morgen lassen wir es gemütlich angehen: ein langes gemeinsames Frühstück mit der einen oder anderer kulinarischen Neuigkeit, dann sortieren wir uns und die Motorradsachen. Anschließend fahren wir zurück in die Stadt Waldai. Dort haben wir eine Verabredung im Glockenmuseum. Vorher ein kurzer Stopp am Friedhof. Wir besuchen das Grab eines guten Bekannten. Sergej war vor zwei Jahren von einem betrunkenen Autofahren von der Straße geschoben worden und nach einiger Zeit verstorben.

Im Glockenmuseum werden wir mit der Geschichte, den Funktionen und Möglichkeiten der Glocken bekannt gemacht. Unter den Exponaten sehen wir Glocken aus unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlicher Art, die hier in Waldai, Jaroslawl und St. Petersburg gegossenen Glocken, Glocken für Bahnhöfe und Schiffe, Postkutscherglöckchen, Glocken fürs Haus und für den Tisch. Die einzigartige Sammlung vom Glockenmuseum in Waldai wurde durch ein neues Exponat bereichert, das im Gedenken an die Opfer des Terroranschlages in New York gegossen wurde. Die Glocke ist ein Geschenk des bekannten Petersburger Glockengießers Viktor Pirainen.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen – schon wieder essen – verabschieden wir uns und machen uns durch eine leicht hügelige Landschaft in Richtung Moskau auf den Weg nach Twer.

Wir müssen uns an ganz neue Abläufe im Verkehr gewöhnen. Der Verkehr ist gerade auf den Überlandstrecken – wie der M10 und der M7 und in den Großstädten sehr dicht, oft auch aggressiv. Der regelmäßige Blick in den Rückspiegel ist eine Lebensversicherung!!! Mehr als bei uns ist Umsicht geboten. Auf der anderen Seite werden wir Motorradfahrer sehr aufmerksam behandelt. Man nimmt uns wahr. Immer wieder sehen wir hochgehobene Daumen.

Unsere Route folgt den Spuren Katharina der Großen, die regelmäßig per Kutsche von Moskau nach St. Petersburg reiste. Für ihre Übernachtungen auf der Strecke ließ sich die Zarin unter anderen einen Reisepalast in Twer bauen. In Twer unterbrechen auch wir unsere Reise, bevor wir am nächsten Tag die geschichtsträchtigen Orte des „Goldenen Rings“ erreichen.

Gleich zwei Hochzeiten sind in unserem Hotel, das sich direkt an der Wolga befindet. Unsere Befürchtungen, es könnte zu laut werden, bewahrheiten sich zum Glück aber nicht.

Twer – Dubna – Dmitrov – Sergiev Posad (Sagorsk) – Susdal, der „Goldene Ring”
Nach der Nacht in Twer fahren wir weiter Richtung Moskau. Es ist ausgesprochen diesig, der Geruch von verbranntem Holz ist in der Luft. Wir überqueren die Wolga und schwenken nach Osten ab. Mütterchen Wolga ist mit einer Länge von 3.530 Kilometern der längste Fluss Europas. Von ihrem Ursprung in einem kleinen See in den Waldaihöhen fließt die Wolga zunächst nach Osten, nördlich von Moskau ein kleiner Schwenk nach Nordosten bis zum Rybinsker Stausee. An dessen Südende wendet sie sich nach Südosten und fließt über Nishnij Nowgorod, früher Gorkij, wo die Oka einmündet, bis nach Kasan, der Hauptstadt von Tartastan.

Kurz vor Dubna erreichen wir den Moskwa-Wolga-Kanal, den wir mit einer Fähre überqueren.

Dubna, als Atomforschungszentrum, war eine für westliche Ausländer lange gesperrte Stadt, die selbst sowjetische Staatsbürger nur mit einem Sonderausweis erreichen konnten. Für diese Orte galt der Witz: „In dieser Stadt ist die Umwelt ausgesprochen sauber, keine Strahlung, Äpfel sind genießbar, nur sollte man die Kerngehäuse lieber in 20 Meter Tiefe vergraben“. Hier studierte und forschte Angela Merkel Ende der 1970er Jahre.

Auffallendstes Bauwerk ist der Staudamm, über den man ins Stadtzentrum fährt und der die Wolga zum Iwanskowskojer Stausee aufstaut.

Wir lenken unsere Motorräder nach Süden und begleiten den Kanal bis Dmitrov. Der Kanal verbindet die russische Hauptstadt mit den Meeren im Norden und Süden des Landes. Immer mal wieder ein Stopp – Eindrücke aufnehmen und aufgenommen werden, denn sobald wir irgendwo länger halten, sprechen uns die Menschen an.

Schließlich erreichen wir Sergejew Posad, auch als Sagorsk bekannt. Der Ort begrüßt und mit dichtem Verkehr und Staus. Er bildet mit dem Dreifaltigkeitskloster das Zentrum der russisch-orthodoxen Kirche und ist eine wichtige Stadt des „Goldenen Rings“.

Als „Goldenen Ring“ Russlands bezeichnet man die altrussischen Städte, die um Moskau in einem Umkreis von 50 bis 500 km liegen. Die Routen, die durch diese ältesten russischen Städte führen, verlaufen durch fünf Gebiete Russlands – Moskau, Jaroslawl, Kostroma, Iwanowo und Wladimir – und zeigen die spannende Geschichte der Entstehung Russlands in einzigartigen Geschichts- und Kulturdenkmälern.

Das Schicksal dieser Orte war sehr unterschiedlich. Diejenigen, die an der Kreuzung von Handelswegen lagen, hatten Ruhm und Gedeihen, den anderen, die ihre politische und wirtschaftliche Bedeutung allmählich verloren, gingen unter. Viele Städte wehrten sich gegen die Überfälle feindlicher Horden und machten ihre Namen durch ihren heroischen Widerstand unsterblich.

Wie verzaubert erheben sich in mitten pastellfarbener russischen Landschaften diese erhalten gebliebene Festungen und Kirchen. Die Türme der Kreml und die Klöster beherbergen heute Museen. In vielen Räumen sind Ausstellungen und Gemäldegalerien mit einmaligen Sammlungen untergebracht. Gegenwart und Vergangenheit, Neues und Altes ergänzen einander und verflechten sich ausgesprochen harmonisch.

Zwiebeltürme, Zwiebeltürme, Zwiebeltürme, Sergejew Possad ist eines der wichtigsten religiösen Zentren Russlands, ein bedeutender Wallfahrtsort für orthodoxe Christen und das Ausflugsziel für Touristen im Moskauer Umland schlechthin. Der Besuch eines orthodoxen Gottesdienstes ist mit Sicherheit ein besonderes Erlebnis: Chorgesang, Kerzen, Weihrauch und der Glanz der goldenen Ikonen bereiten eine feierliche Atmosphäre. Das Kloster leistete einen großen Beitrag zur Befreiung Russlands vom Tataren- und Mongolenjoch und half Dmitri Donskoi bei der Vorbereitung der großen Schlacht auf dem Kulikowo-Feld 1380. Nach dem russischen Sieg über die Tataren stieg das Kloster zum bedeutendsten Heiligtum Russlands auf. An der Ausmalung einer der Kathedralen des Klosters nahmen hervorragende altrussische Maler teil. Später wurde der Gründer des Klosters Sergius von Radonesh kanonisiert und das Kloster erhielt die ehrende Bezeichnung „Lawra“. Im 17. Jh. war das Kloster neben dem Zaren der reichste Grundherr Russlands.

Bei der Ausfahrt aus der Stadt erwischst es uns doch. Wir hatten gehofft, noch vor dem Wolkenbruch des Sommergewitters davon zu kommen, vergeblich. Aber nach kurzer Zeit ist alles vorbei und wir schwenken in östliche Richtung nach Susdal ab. Das gerade 12.000 Einwohner zählende Susdal, Partnerstadt von Rothenburg o.d.T., war im 12. Jahrhundert für kurze Zeit Hauptstadt der Rus. Damals war sie Mittelpunkt des Reiches – seit 1967 ist die verträumte altrussische Kleinstadt Museumsreservat. Hier konzentrieren sich auf kleiner Fläche über 100 Bauwerke von historischer Bedeutung. Viele Holzhäuschen prägen das Bild der kleinen Stadt. Susdal, das gern als „Hauptstadt des Goldenen Rings“ bezeichnet wird, steht unter Denkmalschutz und seit 1992 auch auf der Welterbeliste der UNESCO. Hier ist einfach alles sehenswert: Der Kreml, der Marktplatz, das Freilichtmuseum für Holzarchitektur, die Klöster und die traditionellen Holzhäuser der Susdaler. Um all diese Attraktionen schlängelt sich idyllisch das Flüsschen Kamenka. Wohnblocks oder Fabriken gibt es hier nicht.

Ab dem 12. Jahrhundert entstanden die ersten großen Klöster Susdals, das im 14. Jahrhundert zur Bischofsstadt ernannt wurde. Hatte die Stadt auch keine politische Bedeutung mehr, so mehr gedieh sie weiter durch ihre Klöster. Im 16. Jahrhundert wurde Susdal Erzbistum. Zu diesem Zeitpunkt besaß die Stadt 400 Gebäude, allein 8 Kathedralen im Kreml, 48 Kirchen und 15 Klöster. Nicht alle von ihnen haben die Zeit überdauert. Im 19. Jh. versank Susdal dann in der Bedeutungslosigkeit eines verschlafenen Provinznests. So kommt es, dass der Ort die Zerstörungen nach 1917 unbeschadet überstand.

Ab 1967 wurden die sakralen und weltlichen Bauten restauriert, für den Tourismus entstand eine angemessene Infrastruktur. Beim Rundgang gibt es noch genug zu besichtigen, kann man Spitzdächer und Türmchen, Kirchen und Festungsmauern sowie die kleinen, reich verzierten Holzhäuser bewundern. Jedes Gebäude erzählt ein Stück russischer Geschichte. Wir lassen uns einfach durch die Sträßchen treiben, um Landschaft und Atmosphäre zu genießen. Und wir erleben das Stadtfest, das es uns zunächst schwer macht unser Hotel direkt am Marktplatz zu erreichen. Aber es lohnt sich, wir sind mittendrin in einer einzigartigen Atmosphäre.

Bericht Teil 1

Der Gedanke ist recht einfach: Auf der Route 66 fahren sie alle, aber auf der M7 durch Russland…

Einmal im Leben zum Ural, die Grenze Europa-Asien überqueren, den Blick nach Sibiriens werfen, am Roten Platz in Moskau zu stehen, Begegnungen mit der Natur suchen, Gastfreundschaft sowie persönliche Atmosphäre und Geschichte pur erleben und immer wieder Weite zu er-fahren. Einfach los!

Das Motorradabenteuer 2014 mit MOTTOUREN, dem Spezialisten für Reisen in den Osten.

Ankunft am Lehmannkai in Lübeck. Ausnahmsweise bin ich der letzte und alle warteten schon gespannt auf mich. Sie waren mehr als rechtzeitig da, denn niemand von den sieben Männern und einer Frau, die mit mir über den Ural nach Sibirien reisen wollen, wollte zu diesem wichtigen Termin zu spät sein.

Ural - Rußland Globetrotter MOTTOUREN

Die Formalitäten bei Finnlines sind sehr entspannt, noch entspannter das Durchnicken des Zolls. Und schon werden wir abgeholt und zur Fähre geleitet. Mit der „Finntrader“ und ihrem Schwesterschiff bin ich schon ein paar Mal auf diesem Wege nach St. Petersburg gereist. Diese zwei Tage Fahrt über die Ostsee sind Entspannung pur. Viel Gelegenheit, miteinander zu sprechen, Gedanken und Erfahrungen miteinander auszutauschen. Auf dieser Reise sind erstaunlich viele dabei, die schon ausgiebig und weit in der Welt herumgekommen sind, zum größten Teil als Individualreisende. Umso mehr ehrt es uns, dass sie sich uns anvertraut haben – auf eine geführte Reise in den Osten.

Dann kommt St. Petersburg in Sicht. Obwohl einige über den zeitigen Frühstückstermin erstaunt gewesen waren, sind alle schon vor der Zeit da, weil sich auch niemand die Einfahrt vom Finnischen Meerbusen in das Hafengebiet von St. Petersburg versäumen will. In der Ferne zieht die Aida mit uns in den Hafen. Interessant – am Eingang zum Wirtschaftshafen, den wir passieren, steht noch in großen Betonbuchstaben „Leningrad.“ Dann wird es auch klar, St. Petersburg hat Moskauer Zeit und die ist der unseren um zwei Stunden voraus. Wir machen fest. Wer geglaubt hatte, nun können alle zu ihren Fahrzeugen strömen, hat weit gefehlt. Nach einer Ansage über den Bordlautsprecher müssen sich alle auf ihre Kabinen begeben, dann kommen Beamte der Einwanderungsbehörde vorbei und vergleichen Passbild mit dem Original. Schade, Lächeln steht wohl immer noch nicht in der Dienstvorschrift. Dann ist es endlich soweit. Verzurrgurte los und runter vom Schiff. Einhundert Meter weiter Stopp. Jeder muss ein weiteres Formular ausfüllen – nicht verschreiben, die richtige Zeile treffen, warum wollen die den Namen meines Vaters wissen? Eine Motornummer können wir doch gar nicht in die dafür vorgesehene Zeile eintragen?! Muss das Kreuz zu „Temporärer Einfuhr“ oder an anderer Stelle? Obwohl es nicht viele sind, die hier einreisen, dauert es dennoch über vier Stunden bis wir durch sind.

Globetrotter MOTTOUREN

Nun aber los – weit gefehlt, der „Rosa Zettel“ muss noch an einer Kontrollstelle abgegeben werden, 500 Meter weiter. Doch die Dame, die die Angaben erneut in einen Computer überträgt, hat bis 14 Uhr Mittagspause – noch 50 Minuten warten. Es ist heiß, über 30° C. Nein, unter dem Vordach bei der Schranke dürfen sie nicht im Schatten warten, bei den Fahrzeugen oder an der Seite. Dann ist es soweit. Einzeln zu Schranke vorfahren, ein Kontrollblick auf Kennzeichen und Papiere – hatten wir die nicht gerade eben schon vorgezeigt, seht freundliche Worte in sehr bemühtem Englisch. Mich erkennt er vom letzten Mal wieder: „Schön, dass du die Menschen zu uns bringst und ihnen zeigst, dass es bei uns anders ist, als es bei euch in der Zeitung zu lesen ist. Euch eine gute Fahrt, passt auf!“ Dann noch drei Kilometer auf holpriger Straße zum Hafenausgangstor. „Den rosa Zettel bitte“ und wir sind in der Stadt. 16 Uhr ist es inzwischen. Also nicht wie vorgesehen erst zum nahegelegenen Hotel, sondern wir starten gleich zu einer Stadtrundfahrt, denn verschwitzt sind wir eh. An den Verkehr müssen wir uns erst noch gewöhnen, eng zusammenbleiben, bei Spurwechsel darauf achten, wo die anderen sind. Obwohl aus unserer Sicht der Verkehr chaotisch erscheint, mit teilweise sehr individueller Auslegung der Verkehrsregeln, werden wir als Gruppe geradezu zuvorkommend behandelt.

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Immer wieder sehen wir Daumen nach oben, das Victoryzeichen oder es werden uns aus den geöffneten Fenstern freundliche Worte zugerufen – auf Russisch und auf Deutsch. Isaakkathedrale, der Schlossplatz vor der Eremitage, die Rastralsäulen, an der „Aurora“, immer wieder ein Fotostopp. Dann entlang der Newa nach Osten. Wir haben gute Gelegenheit auf die Stadtteile am anderen Ufer zu sehen, denn der Verkehr staut sich immer wieder und das nicht zu knapp. Gegenüber vom Hotel Moskwa stoppen wir erneut. Während alle mit Reinhard einen Rundgang über der Friedhof des Alexander-Newski-Klosters machen, ziehe ich am Bankautomaten Geld und komme zur Freude aller mit einigen Gebinden Wasser und Kwass – ach, das ist die russische Cola – wider, und muss die Mitreisenden aus der Traube der Neugierigen lösen. „Eine Moto Guzzi habe ich ja noch nie gesehen – so ein Gespann habe ich auf der Dascha auch, eine Ural – das ist eine neuen BMW? Wieviel Kubik hat die denn und was fasst der Tank – Gute Reise!“

Über den Newski fahren wir dann in einer Schleife zum Hotel. Parken der Motorräder, Abgeben der Pässe im Tausch gegen die Zimmerschlüssel und dann erst einmal ein Stiefelbier – nicht einen Stiefel Bier, sondern ein erstes Bier, noch in den Motorradstiefeln.

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Abendessen, noch einen Gang m den Block und in den Park gegenüber. Dann wird es Zeit zum Schlafen. Eigentlich schon, denn es ist beim Blick auf die Uhr schon sehr spät.

Da wir unserer Zeit um zwei Stunden voraus sind, sollte ich längst schlafen. Aber es ist noch richtig heiß in St. Petersburg und die Mücken fressen mich auf. Aber dann ist doch Schluss.

Am nächsten Morgen frühstücken, packen und hinaus aus der Stadt. Ein Stück die neue Autobahn nutzen, umgerechnet 80 Eurocent, aber sie spart uns viele Staus im morgendlichen Berufsverkehr. Entlang der Newa schlängeln wir uns nach Schlüsselburg am Austritt der Newa aus dem Ladogasee. Dem größten See in Europa. Unter der Autobahnbrücke befindet sich ein sehr interessantes Museum, das in einem Diorama das Ende der Belagerung von Leningrad durch die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zeigt. Die ältere Dame, die uns die Geschichte dazu erzählt, spricht interessanterweise immer nur von „Faschisten“ und nicht von „Deutschen“. Aber sie pfeift uns auch zurück, wenn wir eine Stufe zu tief hinuntergehen wollen.

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Schlüsselburg, die Festung am Abfluss der Newa mit Blick auf die Festung auf der Haseninsel und auf den Ladogasee.

Parallel zur M10 fahren wir auf kleineren Straßen Richtung Nowgorod. Zweimal ist für jeweils ein paar Kilometer der Teer zu Ende. Wie wird das noch werden? Aber fast noch besser als auf der Hauptdurchgangsstraße mit dem gewaltigen LKW Verkehr. Dann sind wir in Nowgorod, der alten Handels- und Hansestadt. Ein Blick vom Handelshof über den Wolchow auf den Kreml. Dann zum Hotel, Abendessen und anschließend einen schönen Abendspaziergang hinüber zum Kreml mit seinen beeindruckenden Gebäuden. Ein letztes Bier in einem Gartenlokal – auch die gibt es hier inzwischen. Und dann ist Schicht für heute.

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8 Gedanken zu “Reise ins russische Uralgebirge

  1. Sandra Geier

    Hut ab vor euch allen ,besonders vor Tomi, bete für euch alle das ihr wieder gesund und heile zurück kommt. Und Tomi pass auf dich auf . Eure Sandra ( Schneckerle)

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  2. Michael Mihlan

    Hallo Onkel Tom,

    es hört sich nach einer sehr interessanten Reise an. Ich freue mich bereits auf unsere nächste . . . :):)
    Lasst euch nicht so von den Mücken ärgern, es soll dort bei euch ja echt viele geben.

    LG von Micha

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  3. Baier Erich

    Hallo Letschi , geile Sache was ihr so treibt. Bin auf deine Erzählungen gespannt , wenn du wieder da bist. Hoffe das mit deinem Fuß alles Ok ist. Aufpassen und bis auf bald.

    LG von Erich

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  4. Volker

    Hallo Horst
    hört sich bis hierhin alles sehr spannend an. Hast sicher wieder Unmengen von Bilder und Videos gemacht. Freue mich schon auf Dein nächstes Fotobuch.
    Aber denk immer daran was Hans in Indien passiert ist. Weiterhin gute Reise und immer eine Handbreit Asphalt unter dem Hinterrad.

    Dein Freund und Guzzitreiber
    Volker

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  5. Monika Nieke

    Grüße an Alle u. besonders an Tom Herden.
    Der Rudl ist schon ganz aus dem Häuschen, über alle Erlebnisse.
    Können alle schon die Erzählungen nicht erwarten.
    Macht den Rest auch noch gut und eine gute, sichere Fahrt.
    Grüsse aus Schwaben Monika

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