Motorradtour: Plötzlich Veranstalter

Motorradtour: Plötzlich VeranstalterGastbeitrag aus der Zeitschrift „Motorrad Abenteuer“ vom Nitschke Verlag

Ist doch das Normalste der Welt, wenn Freunde miteinander Motorrad fahren und einer die Planung übernimmt. Oder? Den wenigsten ist bewusst, dass sie sich damit unter Umständen sehr schnell in einer Verantwortlichkeit befinden.

Eine Idee, ein Plan, eine Tour – aber man ist alleine?

Mit Freunden macht es deutlich mehr Spaß. Auch kann man sich die Kosten für Fahrt, Hotel und Verpflegung teilen. Also schnell eine Rundmail an die Kumpels geschickt: Wer macht mit? Und ebenso schnell wird man zum Reiseveranstalter. Auch wenn es keiner so richtig wahr haben will. Und ist unverhofft in einer Haftung, wenn etwas schief läuft. Denn was vielen nicht bewusst ist: Wer für andere etwas organisiert, kann unter Umständen als Veranstalter gelten. Gerade unter Freunden kann man natürlich verabreden, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Die kleinen Freundschaftsdienste wie Buchung des Hotelzimmers oder Ausarbeitung der Fahrstrecke macht unter Freunden derjenige, der Zeit, Fachwissen oder Beziehungen hat. Der eine tüftelt die ideale und interessante Fahrstrecke am Computer mit Routenprogrammen aus. Der andere kennt ein tolles Hotel an der Strecke und bucht für die ganze Gruppe zum Sonderpreis. Der Dritte macht den Road-Captain, der die Gruppe anführt.

Der eine tüftelt die Fahrstrecke aus, der andere kennt ein tolles Hotel und der Dritte führt die Gruppe an.

Schnell steht man als „Freunde-Organisator“ in der Verantwortung.

Alle übernehmen in ihrem Bereich Verantwortung und werden eventuell rechtlich zum Veranstalter. „Wenn ich etwas organisiere und eine Leistung verspreche, bin ich schnell auch in der Haftung“, erklärt Rechtsanwalt Florian Heuer. „Dabei muss kein schriftlicher Vertrag geschlossen werden oder ein Gewinn erzielt werden.“ Können also zwei Motorradfahrer nicht mitkommen, steht derjenige gegenüber dem Hotel in der Haftung, der mit seinem Namen die Zimmer gebucht hat. Eine anspruchsvolle Strecke ausgesucht, über mehrere Alpenpässe, schöne Landschaft, traumhafte Aussichten: Was dem einen ein einziger Genuss ist, kann für den Fahranfänger eine massive Anstrengung werden. Der Könner fährt
„mal schnell“ noch über den Pass, der Einsteiger ist ab dem frühen Nachmittag überfordert und ausgepumpt. Kommt es zum Unfall, muss sich der „Veranstalter“, also derjenige, der die Ausfahrt organisiert und die Strecke ausgearbeitet hatte, unter Umständen mit der Verantwortung auseinandersetzen und wird zu selbiger herangezogen. Denn Versicherungen, auch (Motorrad-)Haftpflicht-, Unfallversicherung und gegebenenfalls auch die Krankenkasse geben eine Zahlungsverpflichtung gerne weiter. Und der „Veranstalter“ haftet.

„Einen ähnlichen Fall kenne ich, als ein Kaffeekränzchen alter Damen einen Ausflug machte“, erinnert sich Antonius Cramer. „Eine Dame organisierte rührig für ihre Freundinnen den Ausflug. Dabei stürzte eine der Seniorinnen. Die Krankenkasse versuchte im Anschluss, die „Veranstalterin“ in Regress zu nehmen.“ Auch der Anführer einer Motorradgruppe steht in einer hohen Verantwortung. Ist ausgemacht, dass einer den Anführer der Gruppe spielt, ist dieser unter Umständen für alle verantwortlich. Und das muss nicht schriftlich oder mündlich vereinbart werden. „Solche Verträge können auch konkludent, d.h. durch schlüssiges Verhalten der Parteien, zustande kommen“, erklärt Rechtsanwalt Christian Solmecke. „Solche möglichen Vertragsverhältnisse muss man sich immer im Einzelfall ansehen und bewerten. Zunächst stellt sich die Frage, ob ein Reisevertrag, ein Gefälligkeitsverhältnis mit zumindest ein paar rechtlichen Verpflichtungen oder nur eine Gefälligkeit vorliegt.“ Entscheidend für einen Reisevertrag ist, ob ein unbeteiligter Dritter aufgrund des Auftretens der beiden Parteien den Eindruck gewinnen muss, einer übernimmt die Organisation und Durchführung der Reise in eigener Verantwortung, haftet für ihren Erfolg und ist maßgeblicher Ansprechpartner. Hierfür müsste er im eigenen Namen mindestens zwei Leistungen für die Mitreisenden buchen – z.B. den Transport und das Hotel. Ein weiteres – jedoch nicht notwendiges – Indiz für einen schlüssigen Reisevertrag ist die Annahme von Geld, sofern man daraus tatsächlich einen finanziellen Gewinn erwirtschaftet. Das trifft auch zu, wenn der Organisator sich seine Reise oder auch nur Teile, zum Beispiel die Übernachtungskosten, von den Mitreisenden finanzieren lässt. Als Gegenleistung für die Planung sozusagen.

Auch für Mängel an Motorrädern trägt der „Veranstalter“ die Verantwortung!

Neben der zivilrechtlichen Verantwortung kann der ungeplante „Veranstalter“ auch plötzlich strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden, warnt Rechtsanwalt Heuer. Zum Beispiel wenn bei der Ausfahrt ein nicht zugelassenes Motorrad oder eines mit erheblichen Mängeln dabei ist. Ein Veranstalter wäre unter Umständen verpflichtet, ein Fahrzeug mit offensichtlichen Mängeln von der „Veranstaltung“ auszuschließen. Wenn, wie im oben genannten Fall, für einzelne Teilnehmer die Etappe zu lang oder zu schwierig, die Fahrtgeschwindigkeit zu hoch oder sich die Wetterverhältnisse und damit das Risiko dramatisch ändern, und es dadurch zu einem Unfall mit Personenschaden kommt, kann der „Veranstalter“ möglicherweise Kontakt mit der Staatsanwaltschaft bekommen. Der Tatbestand der einfachen Fahrlässigkeit ist schnell konstruiert. Die grobe Fahrlässigkeit, also das Prinzip Hoffnung – „Es wird schon gut gehen“ – ebenso. Jeder, der an einer Veranstaltung maßgeblich organisatorisch beteiligt ist, sollte sich im Vorfeld Gedanken über seine rechtliche Position bei der Veranstaltung machen. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand als (Mit-)Veranstalter haften muss, weil ihm ein Gericht im Nachhinein die Veranstalterqualitäten zuspricht. Was als Freundschaftsdienst beginnt, endet manchmal als Fiasko mit ungeahnten Folgen.

Tipp – Verantwortung minimieren:

Als Reiseveranstalter gilt, wer für mindestens zwei Reiseleistungen die Verantwortung übernimmt. Gerade unter Freunden kann man natürlich verabreden, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist. Doch was unter Freunden selbstverständlich ist, was unter Ehrenkodex läuft, sehen andere Mitspieler, beispielsweise Versicherungen oder die Staatsanwaltschaft, völlig anders. Mit diesen Tipps minimieren Sie das Risiko, ungeplant in die Verantwortung zu kommen:

  • Keine verbindliche Zusagen oder Versprechen; bleiben Sie unverbindlich
  • Keine Gefälligkeiten für andere, keine Buchung; Sie können, z.B. das Hotel, unverbindlich  vorschlagen, aber nicht buchen
  • Oder: Buchen Sie nicht im eigenen Namen, sondern direkt im Namen der Reisenden. So sind Sie nur Vertreter bzw. Vermittler, nicht aber selbst Veranstalter
  • Sammeln Sie kein Geld ein, lassen Sie sich nicht bezahlen, auch für keine Teilleistungen
  • Übernehmen Sie keine Verantwortung („ich kümmere mich darum“); besser:
    „ich habe da einen Vorschlag“
  • Wer sich nach außen hin als Chef, als Organisator darstellt und wahrgenommen wird, bekommt eventuell die Verantwortung zugeschoben
  • Das eigene Ego runterschrauben; die Gruppe gemeinsam entscheiden lassen
  • Eine schriftliche Vereinbarung schützt nicht, kann aber ein Indiz für einen Haftungsausschluss sein
  • Gegenüber Behörden und Versicherungen bei der Formulierung des Schadensberichtes Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen
  • Lassen Sie sich rechtlich beraten; kompetente Fachanwälte, z.B. Deutsche Anwaltshotline AG, www.deutsche-anwaltshotline.de

Veranstalter oder Organisator?

„Veranstalter“ ist eine natürliche oder juristische Person, die eine Veranstaltung durchführt, die organisatorische Verantwortung übernimmt, das unternehmerische Risiko und die Haftung trägt. Trotz dieser scheinbar eindeutigen Definition existiert keine so genannte Legaldefinition, also eine Definition eines Rechtsbegriffes in einem Gesetz. Nach § 2 Abs. 1 Versammlungsgesetz ist Veranstalter, wer zu einer Veranstaltung „öffentlich einlädt“. Der Begriff des Reiseveranstalters ist im § 651a BGB nicht eindeutig beschrieben. Jedoch erfüllt ein Unternehmen die Kriterien eines Reiseveranstalters, wenn es eine Gesamtheit oder auch Teilbereiche von Reiseleistungen erbringt. Auch wenn nach den sonstigen Umständen der Anschein entsteht, dass Reiseleistungen in eigener Verantwortung erbracht werden. Damit ist der Reiseveranstalter in der Pflicht, die zugesicherten Leistungen zu erbringen. Der Veranstalter ist Anlaufstelle auch für Haftungsfragen, die er nicht verschuldet hat.

Grundsätzlich gilt: Veranstalter ist, wer…

  • das wirtschaftliche Risiko trägt, und/oder
  • die Letztentscheidungsbefugnis hat, und/oder
  • wesentliche Entscheidungen treffen kann, und/oder
  • nach außen als Veranstalter auftritt.

Ebenso grundsätzlich haftet jeder für Schäden, die er mindestens fahrlässig einem anderen zufügt. Wer Verantwortung (=Organisation) übernimmt, haftet im Rahmen des von ihm übernommenen Verantwortungsbereiches und gegebenenfalls sogar darüber hinaus. Wer etwas Konkretes verspricht, haftet hierfür regelmäßig selbst dann, wenn er keine Schuld hat.

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Ein Gedanke zu “Motorradtour: Plötzlich Veranstalter

  1. Emmi

    Ich wusste gar nicht, dass man Veranstalter sein kann, wenn man etwas für Freunde organisiert. Wir haben ein Hotel für Motorradfahrer auch nur gebucht, um mal etwas anderes zu erleben. Wir wollten durch die Berge mit dem Motorrad und nicht nur mit dem Auto. Ich habe die Organisation übernommen. Gut, dass du das ansprichst.

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