Island – zur Hölle und zurück

Ab in Teufelsküche

Auf der anderen Seite der Insel. Weit ist der Schwefelgestank zu riechen. Dann stehen wir in einem Tal, in dem zischend und fauchend zahllose Rauchsäulen in den Himmel steigen. Es sind die Solfataren, eine Teufelsküche mit unzähligen vulkanischen Schlammtrichtern, in denen es gurgelt, blubbert und brodelt. Mit dumpfem Knall zerplatzen dicke Blasen, gebildet in einem schwefelgelben Brei. Doch die Isländer fürchten den Feuerzauber nicht. Sie haben gelernt, damit zu leben, nutzen die unterirdische Energie. Mitten im Lavagebiet ist ein Kraftwerk entstanden, das den ganzen Norden der Insel mit Strom und heißem Wasser versorgt. „Hier werden sogar die Kirchen aus der Hölle beheizt“, witzelt die junge Frau an der Rezeption unseres Campingplatzes.

Island ist ein Wechsel aus blühenden Wiesen und endlosen Lavaflächen, die – zumindest auf den ersten Blick – noch kein Leben kennen. Ein Wechsel zwischen Städten mit bunten Häusern und Landschaftsformen im Urzustand, die einen erschauern lassen, in denen man sich weit weg von allem wähnt, so, als sei man allein auf dem Mond. Merkwürdig ist hier so manches. „Watch out for the Elves“- „Achtung, Elfen“, warnt ein Schild.

Hafnarfjörður, unweit von Reykjavík, gilt als Islands Elfenhauptstadt. Auf dem Schild lehnt ein grinsender Zwerg an einem Stein. In Islands drittgrößter Stadt scheint es den kleinen Wesen gut zu gehen, denn hier soll die größte Population an Elfen, Gnomen, Trolle der Insel leben. Sogar die Elfenkönigin habe sich hier niedergelassen.

Die Wesen hausen überall, in den Vorgärten der Häuser, zwischen schwarzen Steinbrocken und im Höhlengarten Hellisgerði, einem alten Lavafeld mit einer versteckt liegenden Grotte. Auch im Landesinneren treffen wir immer wieder auf merkwürdige Steinkombinationen. Aus unserer Sicht mag das seltsam anmuten, auf Island ist das normal. Hier gibt es sogar eine der Regierung zugeordnete Elfenbeauftragte und – natürlich – Elfentouren.

Merkwürdig und wechselhaft wie vieles auf Island ist auch das Wetter. Hat eben noch die Sonne geschienen, jagt wenige Minuten später ein heftiger Nordwestwind graue Regenschauer waagerecht über die Landschaft vor uns. „Manchmal ist das gute Wetter gerade da, wo man nicht ist“, spottet der rotblonde Wikinger an der Tankstelle. „Du musst nur ein paar Minuten warten. Nichts ist so stetig auf Island wie der Wandel!“ Wir fahren weiter, kein Problem in den guten Rukkaanzügen. Im Gegensatz zu uns spricht hier niemand vom Islandtief. Für die Isländer ist es eben das Grönlandtief.

Eigentlich wollen wir nur einen kleinen Ausflug zur Askia machen. Aber ganz plötzlich bekommen wir Islands Naturgewalten zu spüren. Erst ist es nur eine kleine schwarze Staubsäule am Horizont, die drohend zwischen den Vulkanen Askja und Herdubreid, dem Sitz der Götter, in den Himmel ragt. Dann bläht sie sich zu einem breiten, undurchdringlichen Sandgebirge auf, verfinstert den Himmel und kommt rasend schnell auf uns zu. Wir schaffen es gerade noch die Zelte aufzubauen, in voller Montur hinein zu springen und die Kameras in Plastiktüten zu stopfen, dann verschwindet draußen alles in einer dunklen Staubwolke.

Unzählige Sandkörner prasseln auf die Zeltleinwand, Staub dringt durch alle Ritzen und hinterlässt einen graubraunen Film. Doch genauso schnell, wie er gekommen war, ist der Spuk auch verschwunden. Das Heulen in der Luft verstummt. Als wir aus dem Zelt krabbeln, sind in der Ferne nur noch ein paar kleine Staubschleier zu sehen. „Wüste der Missetäter“ heißt dieses Lavafeld bei den Einwohnern Islands. Zahlreiche Mythen erzählen davon, seit sich hier im Mittelalter Geächtete vor ihren Verfolgern versteckten.

Die Straße zurück nach Egilsstadir führt durch endlose schwarze Schotter- und Sandflächen, durchzogen von den Mäanderbändern der Gletscherflüsse, die Steine und Geröll vor sich herschieben. Jenseits eines kleinen Baches, nahe am Seeufer, machen uns einige geparkte Autos neugierig. Ein paar Isländer kommen gerade von einem Haus jenseits des Baches wieder.

„Hier kannst du die besten Pfannkuchen Islands essen“, antwortet Eythor auf meine Frage nach der Besonderheit dieses Ortes. Er hat Recht. Diese Pfannkuchen sind nicht nur hervorragend, sondern auch noch so zahlreich, dass wir sie beim besten Willen nicht schaffen. Mit runden Bäuchen staken wir zu den Motorrädern zurück. Wie gut, dass wir auf der Piste noch eine Strecke im Stehen weiter fahren müssen. So haben die Pfannkuchen Gelegenheit, sich zu setzen. Dann sind wir wieder zurück auf der geteerten Ringstraße.

Ein letztes Abendessen

Ein paar Kilometer noch bis Egilsstadir und damit hat uns die Zivilisation endgültig wieder. Ein letzter Bergrücken, ein paar Wasserfälle neben der Straße und wir erreichen wieder den Fährhafen Seydisfjördur. Langsam füllt sich der kleine Campingplatz oberhalb der Bucht. Günter mit seinen Kindern im MAN Truck kommt, parkt neben uns, Heike und Helmut mit ihren Kindern stoßen zu uns. Wir verabreden ein gemeinsames Abendessen, gute Gelegenheit, die letzten Vorräte aufzubrauchen. Ich hänge eine Schlafkabine in mein Zelt, vergrößere so den Küchenbereich und schon bald dampft und brodelt es auf allen zur Verfügung stehenden Kochern. Im Nu haben wir für 18 Leute ein mehrgängiges Menü zusammen und vertilgen alles mit großem Wohlbehagen.

Nicht nur die Kinder sind völlig begeistert, als ich zum Schluss noch ein Mousse de Chocolat auf den Tisch stelle. Für die „Alten“ gibt es noch ein Cappuccino Pharisäer und so lassen wir den letzten Abend gemütlich ausklingen. Nach einem zeitigen Frühstück ist alles wieder wohl verstaut. Dann sehen wir von unserem Platz aus noch dem Einlaufmanöver der MS „Norröna“ der Smyril-Line zu. Ein wenig später reihen wir uns in die Fahrzeugschlange ein, warten auf das Einschiffen und sind bald danach an Bord. Es war wieder eine schöne Zeit. Trotz der vier Wochen eigentlich viel zu kurz. Aber eins ist sicher. Island, wir kommen wieder!

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