Motorradtour an der Wolga 2018 – Teil 4

Ein wenig Goldener Ring

Die alten russischen Städte, die in einem Umkreis von 50 bis 500 km um Moskau liegen, werden als „Goldener Ring“ Russlands bezeichnet. Sie liegen im Wesentlichen in fünf Gebieten Russlands – Moskau, Jaroslawl, Kostroma, Iwanowo und Wladimir. Entstanden sind die Siedlungen zwischen dem 11. und 17. Jahrhundert und damit zum Teil älter als die russische Hauptstadt.

Sie waren Schauplätze bedeutender Ereignisse in der Geschichte Russlands mit einzigartigen Geschichts- und Kulturdenkmälern. Im Laufe der Zeit verdrängten die aus weißem Stein gebauten Kirchen und Kathedralen, Festungen und mit hohen Mauern umgebenen Klöster die Holzbauten. Die an Kreuzungen von Handelswegen gelegenen, waren erfolgreich, andere verloren ihre politische und wirtschaftliche Bedeutung allmählich und gingen unter oder wurden „vergessen“. Viele Städte wehrten sich gegen die Überfälle feindlicher Truppen und machten sich durch heroischen Widerstand unsterblich.
Wir folgen weiter der Wolga und haben mit Jaroslawl und Kostroma wieder zwei interessante Städte auf unserer Reise.

Jaroslawl eine Stadt mit Geschichte

Jaroslawl ist heute eine Großstadt mit knapp 600.000 Einwohnern an der Mündung des Flusses Kotorosl in die Wolga. Jaroslawl feierte im September 2010 sein 1000-jähriges Bestehen. Anfang des 17. Jahrhunderts war es für einige Monate De-facto-Hauptstadt des russischen Zarentums, und vor der Gründung Sankt Petersburgs galt Jaroslawl als zweitgrößte russische Stadt. Trotz der im Bürgerkrieg und bei den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg angerichteten Schäden sind große Teile der historischen Bausubstanz erhalten geblieben, die die Altstadt zu einem Denkmal des Städtebaus im Russischen Zarenreich machen.
Nach einer kleinen Mittagspause fahren wir mal wieder direkt zum Fluss und entdecken den Gedenkplatz für die Mannschaft von Lokomotive Jaroslawl. 2011 kam bei einem tragischen Flugzeugabsturz gleich nach dem Start an dieser Stelle fast die gesamte örtliche Eishockey-Mannschaft ums Leben.

Kostroma: Wo das Schneemädchen wohnt

In Kostroma übernachten wir wieder. Die Stadt liegt am Zusammenfluss von Wolga und Kostroma und ist eine der ältesten und architektonisch reizvollsten russischen Städte. Mitte des 12. Jahrhunderts gründete hier Fürst Juri Dolgoruki während seines Feldzuges gegen die Kasaner Bulgaren eine Festung. Einerseits war die Lage abseits der Handelswege von Nachteil. Andererseits schützte die versteckte Festung viele russische Fürsten, die sich hier öfters vor Angreifern versteckten. Im Jahre 1613 hielt sich in Ipatjew-Kloster Michail Romanow auf, der sich hier vor polnischen Truppen versteckt hatte.
Im 17. Jahrhundert erlebte Kostroma seine Blütezeit und verwandelte sich in eine reiche Kaufmanns- und Handwerkerstadt. Durch ihr hohes Können waren seine Bauleute und Ikonenmaler, Gerber und Schmiede, Silberschmiede und Leinenweber weithin bekannt.
„Kostroma“ wird in Russland auch ein Fest genannt, das an Fasching erinnert. Und es ist auch die Heimat von Snegurotschka, dem Schneemädchen, das Väterchen Frost / Ded Moros begleitet, der allerdings nicht in Kostroma wohnt, sondern in Welikij Ustjug im äußersten Nordosten der Oblast Wologda, wie in Russland jedes Kind weiß. Väterchen Frost ist als Pendant zum Weihnachtsmann eine sowjetische Erfindung.
Am späten Nachmittagsehen wir uns dann noch das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft in Russland an.

„Wolga-Schweiz“ und Ikonenmalerei

Leicht hügelig ist die Landschaft, durch wir zu einem Abstecher nach Pljos in der sogenannten „Wolga-Schweiz“ fahren. Das kleine Städtchen direkt am Ufer der Wolga hat zahlreiche Künstler in ihren Bann gezogen, unter anderem Isaak Lewitan, der sich mit seinen hier entstandenen Werken einen Platz unter den bekanntesten russischen Landschaftsmalern sicherte.
Wir sind früh da und das ist auch gut so, wir erleben wieder ein anderes Russland. Nur wenige Menschen sind unterwegs und die Gäste eines Flusskreuzfahrers starten ihren Rundgang erst, als wir schon kurz vor der Weiterfahrt sind.

Von Iwanowo nach Palech

Eine nächste Überraschung erwartet uns in Iwanowo, mit ca. 500.000 Einwohnern die Textil-Hauptstadt Russlands. Eine so große Stadt hätte niemand von uns dort erwartet. 1710 gab Zar Peter der Große den Befehl, hier Webereien und Textilbetriebe zu eröffnen. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts galt Iwanowo als „Russisches Manchester“. Auf unterschiedlich guten Straßen hoppeln wir weiter und gelangen nach Palech. Zum Anfang des 18. Jahrhunderts etablierte sich hier ein eigenständiger Stil der Ikonenmalerei, der unter anderem an Traditionen des alten Susdaler Staates anknüpfte.Nach der Oktoberrevolution 1917 hörte die Ikonenmalerei in Palech im Zusammenhang mit der staatlichen antireligiösen Kampagne der Kommunisten fast auf zu existieren. 1924 bildete sich stattdessen ein Zusammenschluss von Künstlern, die sich auf Holzmalereien sowie auf Lackminiaturen spezialisierten. Dieses Handwerk, die so genannte Palech-Miniatur hat ihnen das Überleben gesichert und in Palech bis heute Bestand. Seit dem Ende der Sowjetunion werden die alten Ikonenmalereitraditionen wieder belebt.
Das eindrucksvolle Ikonenmuseum in Palech hat leider geschlossen – es ist Montag. Aber wir können alte Beziehungen aktivieren und werden von Anna durch die lokale Ikonenmalerei geführt. Reinhard und ich sind schon einige Male dort gewesen, aber es ist immer wieder beeindruckend.
Durch eine weite Landschaft geht es dann nach Süden am Nischni Nowgoroder Stausee entlang, bis wir erreichen. Wir fahren durch die Stadt, überqueren die Oka unweit ihres Zusammenflusses mit der Wolga, drehen eine Runde durch die Stadt, die zeitweilig den Namen Gorki trug und Nischni Nowgorod erreichen unser Hotel. Nach dem Abendessen machen wir noch einen kleinen Spaziergang und beschließen den Tag noch bei einem Bier und bester Aussicht.

Die Route

Die Reiseroute zum Downloaden:

 Vollständige Reiseroute der Wolgatour 2018 downloaden

Über Jürgen Grieschat

Motorradreisen, Sicherheitstrainings für Enduro und Straße und Motorradworkshops seit über 20 Jahren! Als Kopf und Motor des MOTTOUREN-Teams organisiere und begleite ich Motorradtouren seit 1992 als Experte für Osteuropa. Viele meiner Reisen habe ich in professionellen Diavorträgen festgehalten. Ich bin als erster mit einem BMW-Motorrad quer durch Sibirien nach Japan gefahren. Wiederholte Motorradtouren nach und in Rußland haben mir meinen zweiten Vornamen "Juri" eingebracht. Weiter zurGlobetrotter MOTTOUREN Website

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