Motorradtour an der Wolga 2018 – Teil 5

Begegnungen und Erfahrungen

Drsssssrrrrr sagt es neben uns und noch ein Mal drsssssrrrrr. Erst können wir das nicht deuten, aber dann sehen wir auf dem vorbeifahrenden Auto den Hinweis, Ein Dreizack im Achtungschild am Heck macht uns klar: Hier fährt noch jemand mit Spikes, auch im Sommer!

„Gudden Dag“ höre ich aus einem Geländewagen, den neben mir hält. „Deutschland?“ Dann geht es auf Russisch weiter. „Sag, was ist das Problem zwischen Deutschland und Russland?“ Was soll ich darauf antworten? Also versuche ich es mit: „Da ist wohl ein Problem der Politik und nicht zwischen den Menschen. Wären wir sonst hier?“ Das scheint ihm zu gefallen. Er ergreift mit seinen beiden Händen meine linke Hand, drückt sie fest und lange und bekommt Tränen in den Augen. „Malazi“ sagt er, was so viel wie Prachtkerle heißt und in diesem Fall auch unsere beiden Motorradfahrerinnen mit einschließt. Und er spricht über die gemeinsame deutsch-russische Geschichte. Malazi hören wir immer wieder, wenn wir mit den Menschen ins Gespräch kommen, ob an der Grenze, an den Tankstellen, einfach irgendwo, insbesondere wenn wir von unserem Reiseverlauf erzählen.
Einmal Probesitzen. Mitunter wird da Übersetzungsprogramm im Handy zur Hilfe genommen, um etwas zu erfragen. Wir hören von den Männern, wo sie in Deutschland ihren Militärdienst absolviert haben. Nicht einmal ein böses Wort, weder zu dem, was hier im Namen Deutschlands passiert ist, noch sonst wie. Ganz im Gegenteil: Malazi!

Ich kann es nicht mal abschätzen, auf wie viele Stunden Video wir sein müssen, gefilmt aus Autos, die neben uns fahren, deren Fahrer am Straßenrand stehen bleiben, von Menschen, die an Bushaltestellen stehen. Immer wieder wird gehupt, der Daumen nach oben gestreckt, gewunken, auch Polizisten. Kinder hüfen, zeigen unverhohlen auf uns, Menschen bleiben mit offenen Mündern stehen, Lokomotivführer geben lange Begrüßungssignale, Autofahrer hupen, wenn sie uns entgegen kommen, Motorradfahrer sowieso. Beim Einfädeln in den Straßenverkehr werden wir rein gelassen, beim Spurwechsel, selbst in einigen Kreisverkehren wird auf die eigene Vorfahrt verzichtet, damit wir durch kommen. Es ist beeindruckend, großartig. Malazi.

Durch das Gebiet der Wolgadeutschen nach Saratow

Heute geht es auf der rechten Wolgaseite weiter flussab. Erst müssen wir aus Kazan ein Stück zurück nach Westen, dann geht es durch weitgehend flache Ebenen nach Süden. Schon nach kurzer Zeit verlassen wir die vielbefahrene M7 und fahren oft in Sichtweite nahe der Wolga auf der Regionalstraße weiter. In Ulyanovsk fahren wir zum Leninzentrum, dem Gedenkkomplex oberhalb der Wolga. Seit dem 9. Mai 1924 trägt die Stadt zu Ehren Lenins, der hier als Wladimir Iljitsch Uljanow geboren wurde, den Namen Uljanowsk. Der Gründer der Sowjetunion war im Januar des Jahres nach mehreren Schlaganfällen gestorben. Im Vorfeld des 100. Geburtstags von Wladimir Iljitsch Lenin entstanden zahlreiche neue Gebäude, die das Stadtbild bis heute prägen.

Die Lenin-Welt

Schon direkt nach dem Tod Lenins im Jahr 1924 gab es Vorschläge, in seiner Geburtsstadt zu seinen Ehren einen „Palast“ zu errichten, der neben einem Museum auch eine Bibliothek und Veranstaltungssäle enthalten sollte. Die Umsetzung ließ jedoch auf sich warten, aber 1940 wurde dann ein Denkmal eingeweiht. Zu Zeiten der Sowjetunion war Uljanowsk ein Pilgerort. Millionen Menschen kamen hierher, um Lenins Geburtshaus zu besichtigen, das Haus, in dem Lenin seine Kindheit verbrachte, die Schule, in der Lenin lernte, die Bibliothek, in der Lenin seine Bücher auslieh und jenes Gebäude, in dem man Lenin wie in einem Tempel huldigte – das Zentrale Lenin-Museum.

Nach dem Kollaps der Sowjetunion hatte man Lenin ein paar Jahre lang vergessen, aber mit dem allmählich wieder erwachendem Interesse – auch in Russland – kommt wieder Leben in die Lenin-Welt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden einige Unternehmen und Einrichtungen des Landes vor der von Westen heranrückenden Front nach Uljanowsk evakuiert. So z. B. auch das Patriarchat der Russisch-Orthodoxen Kirche. Aus der Evakuierung des Moskauer Autowerks SIL entstand 1941 das Uljanowsker Autowerk UAS, das für seine Kleinbusse und Geländewagen bekannt ist.

Zur Nacht bleiben wir in Syzran.

Untergang der lutherischen Tradition

Weiter sind wir im Flachland der Wolga unterwegs, nur gelegentliche Hügel kontrastieren die Landschaft. Große landwirtschaftliche Betriebe zu beiden Seiten der Straße, riesige Getreidefelder, Melonenanbau. Bei Balakovo queren wir die Wolga, werfen aus der Ferne einen Blick auf das dortige Kernkraftwerk, das zumindest aus der Distanz nicht sehr vertrauenserweckend aussieht und erreichen über die P226 das alte Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen um Marks und Engels.

Deutsche Siedler kamen im 18. Jahrhundert hierher und brachten ihren evangelisch-lutherischen Glauben mit und erbauten in ihren Dörfern ihre eigenen Gotteshäuser. Von dieser Vergangenheit zeugen heute noch Kirchenbauten in lutherischer Tradition. Die mittlerweile baufällig gewordenen Gebäude stechen unter den meist einstöckigen Bauernhäuschen hervor, die heute längst wieder von Russen bewohnt werden oder die dort verlassen stehen, wo früher Dörfer waren, heute aber nur noch Ödland ist.

Nachdem sie von den Bolschewiken vertrieben wurden, verfielen die Kirchenbauten. Einige werden heute mit Privatinitiative zu Kulturzentren umgebaut.
Eindrucksvoll die Kirche in Zürich – Sorkino, die wir uns ansehen. Sonst ist nicht mehr viel geblieben. 1924 wurde die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen geschaffen, nachdem das Gebiet bereits nach der Oktoberrevolution ab 1918 Autonomie erlangt hatte. In den Jahren des russischen Bürgerkriegs 1918-1921 sind die Kolonisten stark von Überfällen, Hungersnot und Missernten betroffen. Viele werden wie schon 150 Jahren zuvor erneut an den Rand ihrer Existenz gebracht. Dann fällt die Landwirtschaft der Kollektivierung zum Opfer: Ab 1929 dürfen die Bauern ihre Ländereien und Vieh nur innerhalb von Kolchosen bewirtschaften. Gleichzeitig wird der staatliche Atheismus ausgerufen, der viele deutsche Religionsgemeinschaften ausmerzt.

Die Wolgadeutschen

Mit der Machtübernahme Hitlers 1933 nahm die Skepsis gegenüber Russlanddeutschen erneut zu. Alle deutschstämmigen Sowjetbürger wurden in Listen erfasst und registriert. Jene, die in Rüstungs- und Eisenbahnbetrieben arbeiteten, werden UdSSR-weit innerhalb von fünf Tagen verhaftet. In den deutschen Rayons sprach man von willkürlichen Verhaftungen durch den NKWD, der viele Deutsche der Spionage und anderer staatsfeindlicher Delikte bezichtigte. Zwei Monate nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion wurde angeordnet, die Republik sofort aufzulösen, die Wolgadeutschen nach Nordkasachstan und Westsibirien „umzusiedeln“. Unter unmenschlichen Bedingungen wurden sie nach Osten deportiert. Deutschstämmige Einwohner Moskaus und St. Petersburgs folgten ihnen. Insgesamt wurden von den ca. 1,4 Mio. Russlanddeutschen über eine Million Menschen deportiert. Gleichzeitig wurden ihre staatsbürgerlichen Rechte aberkannt. Alle Deportierten lebten in Sondersiedlungen, die unter Aufsicht des NKWD stehen. Die „Umsiedlung“ sah vor, die arbeitsfähige männliche Bevölkerung in „Arbeitsarmeen“ zu vereinen. Bei der Deportation in die Arbeitslager starben Tausende.

Erst 1964 wurden sie offiziell vom Vorwurf der Kollaboration befreit. 1964 endete die Ära Chruschtschow, die 1953 nach Stalins Tod begonnen hatte. Die Tauwetter-Periode währte von etwa 1956 bis 1964. Seit den 1970er Jahren ermöglichte die Bundesrepublik Deutschland den Wolgadeutschen die Einreise und die Einbürgerung.

2803,7 Meter

Über die Brücke von Saratow überqueren wir die Wolga und gelangen zu unserem Hotel. Bei ihrer Eröffnung im Jahr 1965 war sie mit einer Länge von 2803,7 Metern die längste Brücke Europas. Vom Hotelfenster aus können wir sie sehen. Und am Abend drehen wir noch eine Runde durch die Stadt, die uns sehr gut gefällt.

 

 

Die Route

Die Reiseroute zum Downloaden:

 Vollständige Reiseroute der Wolgatour 2018 downloaden

Über Jürgen Grieschat

Motorradreisen, Sicherheitstrainings für Enduro und Straße und Motorradworkshops seit über 20 Jahren! Als Kopf und Motor des MOTTOUREN-Teams organisiere und begleite ich Motorradtouren seit 1992 als Experte für Osteuropa. Viele meiner Reisen habe ich in professionellen Diavorträgen festgehalten. Ich bin als erster mit einem BMW-Motorrad quer durch Sibirien nach Japan gefahren. Wiederholte Motorradtouren nach und in Rußland haben mir meinen zweiten Vornamen "Juri" eingebracht. Weiter zurGlobetrotter MOTTOUREN Website

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