Motorradtour an der Wolga 2018 – Teil 6

Nicht ganz Legal

Vor der Abfahrt aus Saratov entscheiden wir uns, nicht auf der rechten Wolgaseite nach Wolgograd zu fahren, sondern die Straße auf der anderen Flussseite zu nehmen. Dabei müssen wir eine Fähre über einen Arm des Wolgastausees nehmen.

Wen immer wir fragen, die Antwort ist wage. Auch der Polizist kurz vor der Brücke nach Saratow meint: robotet – arbeitet, nur die Straße sein „plocha“, also schlecht, was immer das heißen soll. Sei es drum, wir probieren es. Zumindest ist der Verkehr schon deutlich weniger als auf der rechten Seite der Wolga. Etliche Kilometer später macht uns ein Hinweisschild auf den Landeplatz von Juri Gagarin neugierig. Die letzten Meter, die wir dorthin fahren, sind wohl nicht ganz legal – es ist ein Fußweg – aber dafür stehen wir unmittelbar vor seinem Denkmal, der Kapsel, in der er im All unterwegs gewesen war und den Abbildungen weiterer Kosmonauten. Den Wärter der Anlage, der uns natürlich davon schicken will, kann ich mit dem Hinweis auf unsere Reise „nur hierher“ und „nur zwei Minuten“ beruhigen. Geht doch.

Was nicht geht, erfahren wir wenig später. Als wir auf eine Tankstelle auffahren, stellt die Bedienung ein Schild ins Fenster: 15 Minuten Pause. Auch die sicherlich eindrucksvolle Menge an Kunden interessiert sie nicht. Also fahren wir weiter, es gibt sicher noch weitere Tankstellen, wenngleich nicht so häufig wie anderenorts. Kaffeepause an einem Truckerstopp, mal ein kurzer Ausflug an die Wolga, an ein Dorf und dann an einer Kreuzung die Frage an einen Polizisten, wie es mit der Fähre sei – Paraom kaputt, sagt er. Nur Axel, der vorgefahren war macht das Erlebnis „Fähre kaputt“ unmittelbar. Das bedeutet für uns leider einen Umweg von 180 Kilometern. Aber letztendlich nicht so schlimm, wie erwartet. Nur das Wetter kann sich eine Weile nicht entscheiden, ob es regnen will oder nicht. Aber dann wird wieder alles gut und wir erreichen Wolgograd und unser Hotel unweit des Bahnhofs. Und das erste Stiefelbier – dieses Mal ein Paulaner – schmeckt besonders gut!

Auf nach Wolograd

Unserem Besuch in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad hatten wir mit besonderem Interesse entgegen gesehen, deswegen hatten wir auch eine Motorradfahrpause eingeplant.

Galina holte uns ab, eine ältere, zierliche Frau, die uns im Laufe unseres Ausfluges immer wieder mit ihrer Energie und ihrem Detailwissen verblüfft:

Wolgograd erstreckt sich heute bald 100 Km entlang des Flusses und hat eine sehr bewegte Geschichte. 1589 wurde hier eine russische Festung zum Schutz gegen Tataren und Donkosaken erbaut, aus der sich durch die günstige Lage am westlichen Wolgaknie ein wichtiges Handels- und Wirtschaftszentrum an der unteren Wolga entwickelte.

Eine Stadt – drei Namen

Die Stadt wechselte dreimal ihren Namen. Nach dem tatarischen Wort für gelbes Wasser hieß sie Zarizyn. Von 1917 – 1920 tobten dort während des Bürgerkriegs Kämpfe. In der Zeit war Stalin hier als Armeekommissar tätig. Ihm zu Ehren wurde die Stadt 1925 in Stalingrad umbenannt.

In das Gedächtnis der Menschheit hat sich Wolgograd-Stalingrad aber durch die hier tobende Schlacht zwischen deutschen und sowjetischen Truppen von Sommer 1942 bis Februar 1943 geprägt, in der die 6. deutsche Armee unter General Paulus mit ca. 300.000 Soldaten eingekesselt und besiegt wurde. Etwa 169.000 deutsche Soldaten fielen in diesen schweren Kämpfen, erfroren, verhungerten, starben durch Krankheiten sowie durch Kampfhandlungen. Viele weitere starben anschließend in Gefangenschaft. Auf sowjetischer Seite verloren etwa eine Million Zivilisten und Soldaten der Roten Armee im Kampf um Stalingrad ihr Leben. Diese Schlacht brachte die Wende im Kriegsverlauf und leitete den Rückzug der deutschen Wehrmacht bis nach Berlin ein. Die Stadt wurde durch die Kämpfe vollständig zerstört und musste nach dem Krieg völlig neu aufgebaut werden. Sie ist von der Architektur der 50er und 60er Jahre geprägt. 1945 wurde der Stadt der offizielle Titel Heldenstadt durch die Führung der Sowjetunion verliehen.

„Mutter Heimat“

Mit dem Mamajew-Kurgan entstand auf einem der stark umkämpften Hügel eines der größten Kriegsdenkmäler der Welt. Die Gedenkstätte wurde 1962 eröffnet. Sie ist den sowjetischenSoldaten sowie den Zivilisten, Partisanen und Müttern gewidmet. Der Hügel wird von einer Riesenfigur überragt, der „Mutter Heimat“, die 85 Meter hoch und ca. 8.000 Tonnen schwer ist.

Bei unserem Besuch findet unterhalb eine Vereidigung neuer Rekruten statt. Reinhard und ich legen ein paar Nelken nieder, dann erleben wir noch den Wachwechsel.

Nach Stalins Tod begann in Russland die Entstalinisierung. Stalingrad wurde zu Wolgograd umbenannt.

Erinnerungen an vergangene Zeiten

Immer wieder treffen wir beschädigte Gebäude aus der Schlacht. Das Berühmteste von ihnen ist das Pawlow-Haus. Es war ein in der Schlacht hart umkämpftes Gebäude und ist zum Wahrzeichen geworden. Daneben befindet sich das Panorama Museum mit einer umfangreichen Ausstellung zum Kampf um Stalingrad.

Auf dem Rückweg besuchen wir noch den Keller unter dem Kaufhaus, in dem Paulus seine letzten Befehlstage verbracht hatte. Vor dem Bahnhof bleiben wir noch einen Moment am neu errichteten Brunnen, dessen Figuren ein russisches Märchen darstellen. Das Original haben wir am Panoramamuseum gesehen. Das am Bahnhof ist, wie Galina stolz sagte, ein Geschenk unserer Biker an die Stadt, da die dafür kein Geld ausgeben wollte.

In unserm Hotel war auch die Mannschaft von FK Lutsch-Energija Wladiwostok abgestiegen. Guter Anlass, uns das Spiel gegen FK Rotor Wolgograd in der Wolgograd Arena anzusehen, das bei vier Gruppenspielen der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 genutzt wurde.

Die Route

Die Reiseroute zum Downloaden:

 Vollständige Reiseroute der Wolgatour 2018 downloaden

Über Jürgen Grieschat

Motorradreisen, Sicherheitstrainings für Enduro und Straße und Motorradworkshops seit über 20 Jahren! Als Kopf und Motor des MOTTOUREN-Teams organisiere und begleite ich Motorradtouren seit 1992 als Experte für Osteuropa. Viele meiner Reisen habe ich in professionellen Diavorträgen festgehalten. Ich bin als erster mit einem BMW-Motorrad quer durch Sibirien nach Japan gefahren. Wiederholte Motorradtouren nach und in Rußland haben mir meinen zweiten Vornamen "Juri" eingebracht. Weiter zurGlobetrotter MOTTOUREN Website

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