Motorradtour an der Wolga 2018 – Teil 8

In zwei Gruppen nach Tambow

Dem Plan nach verlassen wir Astrachan und Wolgadelta und fahren am rechtseitigen Ufer der Wolga zurück nach Wolgograd. Doch von einigen der Teilnehmer kommt der Wunsch auf, die gleiche Straße zurückzufahren, um einen Abstecher zum Salzsee Baskuntschak zu machen. Warum also nicht?

Reinhard folgt mit dem größeren Teil der Gruppe der vorgesehenen Strecke, während die übrigen mit mir unterwegs sind.

Parallel zu uns ist eine Armada von Bussen unterwegs, die Arbeiter und Angestellte in die Gasprom-Anlage gut 50 Kilometer außerhalb Astrachens bringen. Gegenüber der Einfahrt zu der Anlage befindet sich wieder eine Golod Pyramide. Vielleicht, weil sie gerade hier positiven Einfluss bringen soll.

„Die Horde“ – das Filmset

Nach weiteren 70 Kilometer sind wir am Abzweig nach Saraj-Batu, dass wir zwei Tage zuvor wegen der dorthin führenden Schlammpiste nicht angefahren waren. Auf geht`s. Und wir werden nicht enttäuscht. Durch riesige Tomatenfelder erreichen wir Sarai Batu – „Batus Palast“. Der Ort am Unterlauf der Wolga wurde Mitte des 13. Jahrhunderts von Batu Khan, dem Enkel von Dschingis Khan, gegründet und war bald eine der größten Städte der mittelalterlichen Welt. Die Stadt wurde schließlich 1556 von den Truppen von Iwan IV., der Schreckliche zerstört.

Für den Film „Die Horde“ baute eine russische Produktionsfirma 2011 eine aufwendige Nachbildung von Sarai Batu nahe der eigentlichen historischen Stätte. Nachdem die Produktion beendet war, wurde das rekonstruierte Set nicht demontiert, sondern blieb stehen und ist heute eine Art Freilichtmuseum. Schon beeindruckend!

Ein Salzsee mit heilenden Kräften: Baskuntschak

Nach weiteren 200 Km gelangen wir zum 115 km² großen Salzsee Baskuntschak, der in einer lokalen Vertiefung 21 m unter dem Meeresspiegel liegt, damit 7 m über dem Spiegel des Kaspischen Meeres. Der Salzgehalt des abflusslosen Sees beträgt ungefähr 300 g/l und ist damit fast so salzig wie das Tote Meer. Deswegen leben im See keine Fische, aber Bakterien, die Salz tolerieren. Der Baskuntschak ist die größte Salzquelle Russlands, 80 Prozent der Salzreserven des Landes befinden sich hier. Seine heilsamen Schlamm- und Salzbäder ziehen heute viele Touristen an.

Ein Stück begleiten uns die Jungs von einem Harley Chapter. In Wolgograd treffen wir nahezu gleichzeitig ein. Etwas später fährt Axel zum Flughafen, um seine Frau Christa abzuholen, die von nun an mit uns weiterfahren wird. Blöd nur, obwohl durchgecheckt, ist ihr Gepäck nicht mitgekommen.

Am nächsten Morgen versuchen wir es am Flughafen noch einmal, leider auch vergebens. Dafür treffen wir auch den Tross der Seidenstraßenrallye – „Silk Way Rally“ – die seit 2009 ausgetragen wird und von 2009 bis 2011 zur Dakar Serie gehörte. Auf die Fahrzeuge treffen wir auf dem Weg nach Tambow immer wieder.

Doch zunächst machen wir vom Flughafen einen Abstecher nach Rossoschka. Der Ort ist Sammelfriedhof, Ruhe- und Erinnerungsstätte für die in der Schlacht von Stalingrad gefallenen, die nicht mehr zu bergenden sowie die vermissten deutschen Soldatenaus dem Gebiet von Wolgograd bis Rostow am Don.

Deutsche Kriegsgräber in Russland

1992 ebnete ein Staatsvertrag zwischen Deutschland und Russland der deutschen Kriegsgräberfürsorge den Weg zu mehr als hunderttausend Soldaten, die bis dahin weit verstreut in russischer Erde lagen.

Der Friedhof umfasst knapp sechs Hektar. Ein gepflasterter Weg führt zum zentralen Gedenkplatz mit einem Hochkreuz aus Metall. Bis heute konnten weit über 60 000 Tote eingebettet werden. Auf großen Granitblöcken sind die Namen von fast 120.000 Vermissten und Toten verewigt. Auf der anderen Seite der Landstraße wurde die Sowjetische Kriegsgräberstätte Rossoschka angelegt, ehemalige Gegner im Tode vereint! Wir treffen auf Wolodia/Waldemar, wie er sagt. Er arbeitet seit 1999 an verschiedenen Kriegsgräberstätten und erzählt uns einiges zu der Anlage.

Viel geht uns durch den Kopf auf dem noch langen Weg nach Tambow. Wir sprechen auch noch beim Abendessen darüber, gehen dann aber ungewöhnlich zeitig zu Bett.

Ein wenig Geschichte zwischendurch

Eines der wichtigsten Ereignisse der letzen 100 Jahre in Tambow war der dortige Bauernaufstand, ein bewaffneter Aufstand von Bauern gegen die Regierung der Bolschewiki.
Er begann im August 1920 mit dem Widerstand gegen die Zwangseinziehung von Getreide und entwickelte sich zu einem Guerillakrieg gegen die sowjetischen Behörden, die Rote Armee und Einheiten der Tscheka. Die WeTscheKa, ВЧК, ist die Abkürzung für die Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage, die nach der Oktoberrevolution am 20. Dezember 1917 gegründete Staatssicherheit Sowjetrusslands. Auf deren Tradition berief sich die politische Polizei der Ende 1922 gegründeten Sowjetunion. Hiervon abgeleitet wurde der propagandistische Ausdruck Tschekisten für die Mitarbeiter von Geheimdiensten in den Staaten des Ostblocks.

Die Verheerungen der Kämpfe und Strafmaßnahmen führten zusammen mit der Landwirtschaftspolitik der Bolschewiki zu einer Hungersnot in den Gebieten der Aufständischen. Neben Tambow waren in den folgenden beiden Jahren weite Teile Russlands betroffen.

Der Führung der Bolschewiki diente der Aufstand als Anlass, gegen die Partei der Sozial­revolutionäre vorzugehen. Mitte 1921 befanden sich Tausende ihrer Mitglieder in Gefängnissen und Lagern der Tscheka, darunter alle Mitglieder des Zentralkomitees der Partei, das den Aufstand verurteilt hatte. Der Aufstand und das Attentat Fanny Kaplans auf Lenin im Jahre 1918 dienten den Behörden als Anklagepunkte im Schauprozess gegen die Spitzen der Sozialrevolutionäre im Juni 1922, der die endgültige Zerschlagung der Partei einleitete. Der Aufstand machte aber auch der sowjetischen Führung ihr Versagen im Umgang mit den Bauern klar. Infolgedessen wird der Aufstand als einer der Faktoren gesehen, die Lenin dazu bewogen, die Neue Ökonomische Politik einzuleiten.

Nördlich von Tambow befindet sich seit 1991 mit 360 m einer der höchsten Sendemasten zur Verbreitung von UKW- und Fernsehprogrammen. Auch Radio Datscha wird darüber versorgt.

Weiter geht`s in Richtung Moskau. Dabei verlassen wir vor Ryazhsk die M6, passieren endlose Sonnenblumenfelder, zerstörte Kirchen, Spuren der sowjetischen Anti-Kirchen-Politik, immer wieder auch Spuren des Zweiten Weltkriegs und erreichen dann Rjasan, das uns mit seiner Größe – über 550.000 Einwohner und seinem sowjetischen Stil – sehr überrascht. Von dort folgen wir der M5 bis Kolomna, eine von meinen Lieblingsstädten am Goldenen Ring. Sie ist eine der ältesten Städte des Moskauer Umlandes. Der Ort am Zusammenfluss von Moskwa und Oka ist seit 1177 als Grenzposten des Fürstentums Rjasan bekannt. Kolomna hat an wichtigen Handelswegen gelegen und so wurde die Stadt zum Objekt eines erbitterten Kampfes zunächst der Fürsten von Wladimir und dann der Moskauer Fürsten.

Zwischen 1525 und 1531 wurde in Kolomna ein massiver Kreml aus Stein errichtet, die zweitgrößte Befestigungsanlage nach dem Moskauer Kreml. Die Gesamtlänge der Mauern betrug zwei Kilometer, 18 bis 24 Meter hoch bei einer Stärke von 3 bis 5 Metern. Siebzehn Türme gab es, von denen heute noch sieben erhalten geblieben sind. Beeindruckend durch diese Anlage mit all seinen Klöstern und Kirchen zu wandern, bevor wir zu unserem Hotel an der Moskwa zurückkehren.

Die Route

Die Reiseroute zum Downloaden:

 Vollständige Reiseroute der Wolgatour 2018 downloaden

Über Jürgen Grieschat

Motorradreisen, Sicherheitstrainings für Enduro und Straße und Motorradworkshops seit über 20 Jahren! Als Kopf und Motor des MOTTOUREN-Teams organisiere und begleite ich Motorradtouren seit 1992 als Experte für Osteuropa. Viele meiner Reisen habe ich in professionellen Diavorträgen festgehalten. Ich bin als erster mit einem BMW-Motorrad quer durch Sibirien nach Japan gefahren. Wiederholte Motorradtouren nach und in Rußland haben mir meinen zweiten Vornamen "Juri" eingebracht. Weiter zurGlobetrotter MOTTOUREN Website

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