Durch Sibirien zum Baikalsee 17. – 20. Reisetag

17. Tag – Mo. 03. August 2015: Nowosibirsk: Stadtrundfahrt, Ausflug nach Akademgorodok

Heute ohne Motorräder, Stadterkundung von Nowosibirsk und ein Ausflug nach Akademgorodok stehen an, dazu noch ein Abend bei Freunden von Jörg auf der Datscha.

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Ruhetage können schön sein. Aber mit Ausschlafen ist nicht viel. Seit 5.00 Uhr sitze ich am Schreibtisch und schreibe am Blog, versende Bilder. Nach dem Frühstück bittet ich Egon, mit Irina den Anfang der Führung durch den Bahnhof zu übernehmen. Dieser Bahnhof hat die Form einer Lokomotive. Ab hier ist die Eisenbahn die zuverlässigste Verbindung mit dem sibirischen Hochland. Bei der Fahrt durch sieben Zeitzonen richten sich alle Fahrpläne nach der Moskauer Zeit. Die Züge haben nichts gemeinsam mit dem „Zarengold“, der als touristische Attraktion durch Russland fährt. Hier ist die Eisenbahn das Verkehrsmittel für die Bevölkerung.  Dann löse ich ihn ab uns Egon fährt mit Rainer zum Verbandwechseln in die Klinik. Neuer Verband, neue Medikamente – 2.500 Rubel, einen Haufen Geld für die Leute hier. Anschließen pflegt Egon unsere gemeinsamen Kontakte vor Ort.

Derweil setzen wir mit Irina unsere Stadtrundfahrt fort. Wir besuchen das Eisenbahnmuseum nahe am Bahnhof, finden noch unser altes Modell vor, ergänzen es, fahren mit dem Minibus weiter, besuchen den Markt und die erste Brücke über den Ob Nowosibirsk steht in Guinness-Buch als am schnellsten gewachsene Stadt der Welt. Noch vor Chicago. Hier war der einzig mögliche Übergang über den Fluss Ob. 250 km Schwemmland haben wir gestern durchfahren und auf der anderen Seite des Ob gibt es festen Untergrund.

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Anschließend fahren wir nach Akademgorodok, wo uns Margarita durch das beeindrucke Mineralogische Museum führt. Auf dem Rückweg stoppen wir am Outdoor – Eisenbahnmuseum mit einmaligen Exemplaren. Sergej, Jörgs freund steigt zu und wir fahren auf seine Datscha, auf der er uns zusammen mit seinem Freund Wolodja einen unvergesslichen Abend bereitet

Als ich weit nach 22.00 Uhr im Hotel eintreffe und ich dort Egon vorfinde, der kurz vor mir da war, beginnt für uns unser eigentlicher Ruhetag. Wir schreiben Berichte, sichern Fotos, machen in Ruhe Körperpflege und sortieren unsere Sachen. Wieder einmal ein Tag, der 18 Stunden dauert. Unter Urlaub verstehen viele Leute sicher etwas anderes! Aber wir beide haben uns das so ausgesucht – also keine Klagen, nur Feststellungen.

18. Tag – Di. 04. August 2015: Nowosibirsk – Kemerowo (260 km)

Heute Vormittag lassen wir uns noch Zeit in Nowosibirsk, bevor wir uns wieder auf den Weg nach Osten machen. Endlos scheint sich das Westsibirisches Tiefland hinzuziehen. Nachdem wir den Ob ostwärts überquert haben, wird die Landschaft deutlich hügeliger, aber wir erreichen das Mittelsibirische Bergland erst, wenn wir den Jenissej bei Krasnojarsk überquert haben. Wichtigster Ort auf dem Weg und unser heutiges Etappenziel ist Kemerowo.

In Russland gibt es in sieben Städten ein U-Bahn-Netz, und U-Bahnen, die im direkten Sinne des Wortes unterirdisch verlaufen, wie in Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk, sind eher die Ausnahme. Eine der Brücken der Millionenstadt Novosibirsk ist eine gedeckte U-Bahnbrücke. Sie gilt mit 2145 m als die längste U-Bahnbrücke der Welt. Aufgrund des Temperaturgefälles von plus 30 bis minus 30 Grad Celsius ist die U-Bahn-Brücke im Sommer um einen halben Meter länger als im Winter.

Das Hotel „Novosibirsk“ wurde 1961 gebaut. Es hat 23 Etagen und 410 Zimmer. In den letzten Jahren ist es schrittweise zu einem 4Sterne Kongresshotel umgebaut worden. Das Hotel entspricht in jeder Beziehung dem europäischen Standard. Immerhin befinden wir uns in der Hauptstadt Sibiriens. In der langen russischen Geschichte gab es mehrfach Bestrebungen sich abzuspalten und einen eigenen, asiatisch orientierten Staat auf ¾ des russischen Territoriums zu gründen.

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Weil wir heute etwas später losfahren, bleibt noch ein wenig Zeit für ein Interview für eine lokale Internetzeitung. Dann heißt es endgültig Abschied zu nehmen von der pulsierenden Stadt, die so viele von unseren Teilnehmern positiv überrascht hat, von Sergej und Irina. Über die alte M 53, die parallel zum Highway verläuft, geht es aus der Stadt. Im Vorbeifahren schnappen wir eine Werbung auf, dass derzeit ein Fleisch-Huhn, hier Broiler genannt, um 30 % reduziert, jetzt 10 Euro das Kg kostet.

Natürlich können wir die heutigen 260 km nicht ohne Baustellen passieren. Aber wir vermissen die Baustellenfahrzeuge russischer Produktion. Statt der einheimischen KRAZ und KAMAS sehe wir Fahrzeuge und schweres Gerät aus chinesischer, japanischer und deutscher Produktion. Es scheint, als wenn diese Fahrzeuge zuverlässiger als die einheimischen Produkte sind. An einer Baustellenampel werden wir gefragt, wie uns das Land gefalle. Wir drücken unser Erstaunen darüber aus, was in den letzten 4 Jahren geleistet worden sei. Eigentlich wollte der Fragesteller hören, wie schlecht alles sei!
Nach 100 km haben wir die beachtliche Höhe von über 200 m über NN erreicht. Wir befinden uns auf der Bergseite des Flusses Ob. Auf jeder Kuppe wird der Blick frei auf die hier beginnende Taiga. Felder gibt es nur entlang der Straße und sie sind auch nicht mehr so groß. In den Dörfern entlang der Trasse haben es insbesondere die Alten schwer. Die staatlich zugeteilte Rente reicht nicht aus. Durch die Inflation, der Rubel ist seit dem letzten Jahr um 30% gefallen, und durch die Geldentwertung kann man auf keine Ersparnisse zurückgreifen. Die Wege sind weit und beschwerlich. Ein Arztbesuch oder der Kauf von Medikamenten gleichen einer Weltreise.

Unterwegs ein merkwürdiger Geruch auf der Straße, habe ich nach dem Tanken den Tankdeckel etwa nicht zugemacht? Dann wird es rutschig – der Bus vor uns verliert in zunehmendem Strahl Diesel. Ich stoppe ihn. Der Fahrer hätte es wohl erst bemerkt, wenn der Tank leer gewesen wäre.

Ohne Probleme erreichen wir Kemerowo ist das Zentrum der Region „Kusbas“. Ähnlich wie im europäischen „Donbas“ konzentriert sich hier die Schwerindustrie. Dank der hier in der Nähe vorkommenden immensen Kohle- und Eisenerzvorkommen wuchs diese Stadt auf eine halbe Million Einwohner. Obwohl erst 1721 gegründet ist sie heute die Hauptstadt eines Oblast, vergleichbar eines Verwaltungsbezirkes eines Bundeslandes, von 95.500 km². Damit ist dieser Verwaltungsbezirk etwas kleiner wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen.

19. Tag – Mi. 05. August 2015: Von Kemerowo nach Krasnojarsk (540 km)

Obwohl wir immer noch im Westsibirischen Tiefland unterwegs sind, ändert sich die Landschaft, sie wird zunehmend hügliger. Neue Eindrücke erwarten uns, teilweise gänzlich andere als in den Tagen zuvor. Wichtigster Ort auf dem Weg ist Atschinsk. Unser heutiges Etappenziel ist Krasnojarsk am Jenissej.

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Viel hat sich getan hier in Sibirien, seit unserem letzten Besuch vor 3 Jahren. Die Straßenbahn rumpelt zwar immer noch sehr, aber ist mit Werbung versehen. Der Rasen ist gepflegter als sonst. Vieles ist wesentlich sauberer als ich es im Gedächtnis habe. Oder liegt es nur daran dass heute die Sonne scheint? Es ist den ganzen Tag leicht bewölkt und zwischen 22 und 28 Grad warm.

Wir haben bisher keine Unfälle gesehen. Die Kleinigkeit vom Sonntagmorgen in Omsk zählen nicht. Zwei Jugendliche steuerten in ihren „Lada“ von der äußersten linken Spur an mir vorbei nach rechts über den Bordstein durch einen Zaun und krachten gegen eine Mauer. Verdutzt sahen sie sich an, wo denn die Mauer mit einem mal herkam, und dann noch mitten auf der Straße!

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Die Polizei hält sich dezent zurück. Nahezu alle Polizeiposten an der Straße sind verlassen und die Gebäude verfallen. Früher wurde man hier vor und nach jedem größeren Ort angehalten und es wurden die Dokumente kontrolliert. Weit hinter Kemerowo sieht man in der Ferne die Fördertürme und Abraumhalden. Hier wird Kohle abgebaut. Auch ein riesiger Bagger taucht am Horizont auf. Die ganze Gegend sieht aus, als wenn ein Riese sie mit einem Spaten umgebuddelt hätte. Sanfte Kurven und leichte Anstiege bringen uns auf die beachtliche Höhe von über 300 m. Der Unterschied zwischen Bergkuppe und Tal kann dabei bis zu 150 m betragen.

Die Bulgaren sind wieder da. Herzzerreißend steht einer von Ihnen am Straßenrand bettelt um Hilfe. Dabei steht doch schon ein russisches Fahrzeug bei ihnen. Komischerweise steht ca. 100 m weiter ein anderer bulgarische PKW auf der anderen Seite. Auch dessen Fahrer fleht uns an, anzuhalten. Nach über 150 km sind wir auf dem Plateau angekommen. Riesige Felder begleiten uns. Vereinzelte Baumgruppen oder Baumreihen in den Feldern sollen im Winter dafür sorgen, dass genug Schnee liegen bleibt und die Saat nicht erfriert. Wir müssen sehr weit südlich sein, denn das Getreide ist hier schon reif.

In Mariinsk machen wir einen Fotostopp. Von hier aus sind es 4.000 km bis Moskau. Nach Wladiwostok, am anderen Ende Russlands, ist es noch weiter. In Atschinsk empfangen uns qualmende Schlote und eine unvorstellbar große Abraumhalde des Aluminiumwerkes in der Stadt. Man versucht die Halde zwar zu verfestigen und zu renaturieren, aber der Prozess dauert. Hinzu kommt, dass die Umgehungsstraße in einem desolaten Zustand ist und sehr staubig. Es hat letzte Nacht heftig geregnet, immer noch stehen riesige Pfützen auf der Straße. Eine Wolke Abgase hängt über der Stadt und wir sind froh, als wir den Ortsausgang erreicht haben. Dort befindet sich der Flugplatz der vormilitärischen Organisation DOSAAF. Nur noch ca. 10 Flugzeuge vom Typ AN 2 stehen hier. Früher waren es wesentlich mehr und sie befanden sich in einem desolaten Zustand. Die AN 2 ist ein Doppeldecker mit Segeltuchbespannung ist so etwas wie die JU 52 für uns Deutsche. Es ist Pilzsaison. Eine Stunde Pilze sammeln und an der Straße verkaufen ist ein erträgliches Zubrot. Was man nicht los wird, trocknet man zu Hause oder weckt es für den Winter ein. Die Wartezeit an der Straße vertreibt man sich, indem man aus Birkenzweigen Bündel fertigt. Diese werden für die Banja, die russische Schwitzsauna zum Abklopfen benötigt.

Inzwischen haben wir das Gebirge erreicht. Hier im Gebirge – wir haben inzwischen Höhen von über 400 m erreicht – biegen wir nach Abakan ab. Es geht zum Jenissej – Stausee bei Divolginsk. Es ist das größte Wasserkraftwerk in Russland. Der Bau wurde überwiegend von Jugendlichen durchgeführt. Der Felsen ist hier so fest, dass es nicht möglich war eine Schleuse für die Schiffe zu bauen. Man entschied sich für ein Schiffshebewerk. Die Umweltkatastrophen, die der Staudamm verursacht, machen sich erst heute am Unterlauf bemerkbar. Es gibt, was für die Russen außerordentlich bedauerlich ist, kaum Fische mehr und die Wassertemperatur des Flusses ist gestiegen. Dadurch ist in Krasnojarsk häufig Nebel und die Winter fallen anders aus. Aber dafür braucht das Kraftwerk, anders als viele Kraftwerke im Norden, im Winter nicht wegen Eisgang abgeschaltet werden.

20. Tag – Do. 06. August 2015: Von Krasnojarsk nach Taischet (400 km)

Nachdem wir den Jenissej bei Krasnojarsk überquert haben, erreichen wir die Ausläufer des Mit­telsibirischen Berglands. Die Landschaft wird zunehmend hügliger, rechter Hand liegt das Ostsajan-Gebirge, das fast 3.000 m aufragt. Wichtigster Ort auf dem Weg ist Kansk, unser heutiges Etappenziel ist Taischet, wieder mit einem besonderen Erlebnis, dem Besuch bei meinem Freund Igor und seiner Familie.

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Egon bleibt mit Rainer in Krasnojarsk zurück, seine Wunde am Bein muss gereinigt werden. Steffen bleibt aus Solidarität bei ihnen. Die Suche nach einem Arzt gestaltet sich unerwartet kompliziert. Die Poliklinik finden sie nicht oder sie ist inzwischen geschlossen worden. Das erste Krankenhaus ist spezialisiert auf Herzkrankheiten. Sie lassen sich eine Adresse geben und fahren in das zweite Krankenhaus. An der Registratur werden sie abgewiesen. Das ist kein Fall für ein Krankenhaus, wir mögen nach Hause fahren und dort einen Arzt aufsuchen. Nur schwer realisiert die Dame, dass wir Ausländer sind, dann werden sie zu einem Sonderschalter geschickt. Es geht zwar nicht schnell, aber positiv weiter. Die Dame geht mit ihnen zur Oberschwester. Nochmals alles erzählen. Die Oberschwester zum leitenden Oberarzt, wieder warten. Danach zum Leiter der Chirurgie, wieder alles erzählen. Dann in den OP. Der Arzt begutachtet die Wunde am Bein von Rainer sehr genau und verbindet den Knöchelbereich neu. Ja, die Heilung schreitet nur langsam voran, aber er erkennt Fortschritte. Da es sich um ein staatliches Krankenhaus handelt, fragt Egon nach der Bezahlung. Nein, lautet die Antwort, Hauptsache sei, dass der Patient gesund ist.

Derweil sind wir schon lange nach Osten unterwegs. Wir passieren den Markt. In vielen Ländern, so auch hier, ist dies der Treffpunkt der Tagelöhner und der Illegalen. Auffallend ist, dass diese Leute, die überwiegend aus den ehemaligen südlichen Unionsrepubliken der UdSSR kommen, außerordentlich sauber gekleidet sind.Bis Kansk, etwa auf der halben Strecke, wechseln sich große Felder und Wiesen ab. Wie überall in Russland bemerke ich, dass die Stallungen entweder intakt sind oder neu gebaut wurden. Welch ein Vergleich zu unserer letzten Tour durch diese Gegend. Hirten zu Pferde weiden die großen Rinderherden.

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Kansk lebt vom Militärflugplatz. Überwiegend Jagdbomber sind hier stationiert. Die Stadt ist auch bei Sonnenschein keine schöne Stadt. Mitten im strömenden Regen dreht die Kehrmaschine auf der mit Schlaglöchern übersäten Piste ihre Runden. An der nächsten Ecke versucht verzweifelt ein Radlader den größten Modder von der Straße zu bekommen.
Nach Kansk gibt es keine Felder mehr. Der Wald der Taiga wird immer dichter. Wir fahren durch zwei oder drei Dörfer. Wir erreichen Taischet.

Ich bin überrascht, dass endlich der 8 Km lange Feldweg in den Ort asphaltiert ist. Im Ort selber sind neue Häuser entstanden, überwiegend Kaufhäuser. Auch ein richtiges Autohaus gibt es hier! Das Hotel ist nach unseren Maßstäben zwar noch immer nicht fertig, aber auch hier sind die Fortschritte unübersehbar. Es gibt sogar WLan! Auch wenn im Bad die Duschwanne 50 cm hoch eingebaut ist und an den Wänden die Fliesenschicht 3 cm dick ist, aber alles ist sauber und funktioniert! Einiges ändert sich nicht so schnell. So bekommt man z.B. an der Rezeption den Hotelausweis, die Schlüssel bekommt man jedoch auf der Etage! Wo kommen wir denn hin, wenn jeder seinen Schlüssel am Mann hat!

Wir sind zu Igor eingeladen. Zusammen mit seiner Familie ist er es gewohnt, 10 oder 15 Gäste zu haben. Natürlich steht dann Lena die meiste Zeit in der Küche, aber was macht man nicht alles, damit die Leute sich wohl fühlen. Wahrhaftig, zu Essen gibt es in Sibirien genug! Und Lena kocht großartig. Für alle wieder ein bereichernder Abend

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