Durch Sibirien zum Baikalsee 34. – 36. Reisetag + Fazit

34. Tag – Do. 20. August 2015: Von Rĕzekne nach Silauliai (330 km)

Von Rĕzekne aus fahren wir durch den bei uns weitgehend unbekannten Osten Lettlands nach Šiauliai / Litauen mit dem Besuch des Bergs der Kreuze als Höhepunkt.

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Es ist schon anders im Baltikum. Keine 200 km geradeaus fahren, in den entsprechenden Regionen kommen dann auch unvermittelt Kurven. Natürlich nicht auf den Hauptdurchgangsstraßen. Dafür fehlen aber weitestgehend die Schlaglöcher. Immer wieder Hinweisschilder auf Sehenswürdigkeiten. Hatten wir sonst auf 200 km eine oder zwei Sehenswürdigkeiten ohne Hinweisschilder, so sehen wir ständig Wegweiser, die zu interessanten Orten führen. Motorradfahrer sind auch keine Exoten mehr. Und – ein wenig ungewohnt nach so langer Zeit in Russland – im Servicebereich und bei Unterhaltungen wird gelächelt, sehr sogar!

Wir verlassen das schöne Hotel Kolonne in Rĕzekne und fahren weiter durch Lettland. Alles ist etwas einfach, aber sehr schön. Kaum Brachland, gemähter Rasen, saubere Dörfer und Städte. Um schneller an unser nächstes Ziel zu kommen, nehme ich eine Abkürzung, eine Regionalstraße. Uns erwarten 50 km Sommerweg. Zum Glück ist es ein Sommerweg! Der Untergrund besteht aus festgefahrenem Schotter, der leicht gesplittet ist. Es staubt ziemlich, besonders wenn uns ein Fahrzeug entgegen kommt, Lastwagen vor allem und der Linienbus. Es macht Spaß, diese Piste im Stehen zu fahren und laufen zu lassen.

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Das erste Ziel ist ein Pils, so nennt man in Lettland die Schlösser und Burgen. Also keine Biersorte! Pils Rundale, eine Überraschung in dieser Gegend. Unerwartet und riesig. Entworfen von Rastrelli, demselben Architekten, der für das Winterpalais in St. Petersburg verantwortlich zeichnete.

Gebaut wurden sie zumeist von den jeweiligen Besitzern dieses Landes, deutsche Ordensritter, deutsche Kaufleute, russische Fürsten. Dann queren wir die Grenze nach Litauen. Eigentlich merken wir es nur an den Hinweisschildern zur Verkehrsordnung. Die Grenzgebäude sind zum Teil schon wieder abgerissen, der Vorteil von Schengen. Und auch hier gilt der Euro, in Litauen seit dem 1. Januar 2015. Damit haben alle drei baltischen Staaten die gemeinsame europäische Währung. Das ist gut so.

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Großlitauen reichte einmal von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Heute zeichnet sich diese Region durch eine hervorragende Landwirtschaft aus. Aber Litauen hat noch mehr zu bieten. So den Berg der Kreuze, den wir auf dem Weg zu unserem Hotel als letztes an diesem Tag ansteuern. Er ist ein spirituelles Zentrum für viele Katholiken in Europa. Wir verweilen ein paar Minuten zusammen mit einigen Mönchen in der nahegelegenen Kapelle des Klosters, bevor wir weiter zu dem kleinen Hügel gehen, eben dem Berg der Kreuze. Alle Versuche während der kommunistischen Zeit diesen Berg und die darauf befindlichen Kreuze zu beseitigen schlugen fehl. Immer wieder kamen Menschen hierher und stellten Kreuze in den unterschiedlichsten Formen und Größen auf. Wir bleiben eine ganze Weile hier. Dieser Ort ist beeindruckend. So kommen wir erst relativ spät in unserem Hotel in Šiauliai an und dass, obwohl wir nur wenig mehr als 200 km zurückgelegt haben.

35. Tag – Fr. 21. August 2015: Fahrt von Šiauliai zur Fähre in Klaipeda, einschiffen (240 km)

Der letzte Tag vor dem Einschiffen hat begonnen. Nach dem Frühstück fahren wir von Siauliai aus in westliche Richtung nach Klaipeda. Wir werden uns den Ort ansehen, dort zu Abend essen um abschließend zum Fährhafen Tarptautinė Jūrų Perkėla zu fahren.

Um 20:00 Uhr beginnt dort das Einschiffen nach Kiel.

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Es ist Spätsommer, eigentlich schon Frühherbst. Morgens ist es schon spürbar kälter. Die Linden sind gerade verblüht und die Bäume haben alle Schattierungen von Grün. Beim genaueren Hinsehen bemerken wir die ersten Braun- und Gelbtöne. Auf den Stromleitungen sammeln sich die Singvögel. Im Laufe des Tages steigt die Temperatur auf über 25 Grad. Die Getreideernte ist im vollen Gange.

Erste Station ist Trauroggen. Hier erdreistete sich der General York entgegen der Anordnung seines Königs, selbstständig zu denken und zu entscheiden. Damals war dieses Recht eben nur Königen vorbehalten. Die Entscheidung des General York, seine Truppen nur dem König von Preußen und nicht mehr unter dem Oberbefehl von Napoleon zu unterstellen, führte zum Befreiungskrieg in Preußen und zu den Reformen des Freiherrn von Stein. Ein 2 x 2 m großer Granitwürfel erinnert an dieses Ereignis. Die Inschriften sind nach Osten in Russisch und nach Westen in Deutsch. Unweit dieses neugestalteten Platzes erfolgte die Neutralitätserklärung gegenüber dem russischen General Dibisch. Das alte betondenkmal steht wenige Meter nordwestlich unweit des Baches, an dem das Zusammentreffen stattgefunden hat.

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Zweite Station ist das Memel-Delta. Der Fluss Memel bildet heute immer noch eine Grenze. Jetzt trennt er aber das Königsberger Gebiet / Kaliningrad Oblast von Litauen. In seinem Endlauf bildet er ein Delta mit drei mächtigen Armen, die alle im Kurischen Haff münden. An der Mündung des einen Armes befindet sich eine ornithologische Station, Vente, Windisch Eck. Ein paar Jahre zurück war dieser Ort ein Geheimtipp. Heute pilgern viele Besucher hierhin, auch Brautpaare sind regelmäßig anzutreffen. Nun wird auf dem Parkplatz eine Gebühr für das Abstellen der Fahrzeuge verlangt und neben den kleinen Holzkiosk wird inzwischen, wohl dank des guten Umsatzes, ein kleines Restaurant gebaut. Neu sind auch einige Gebäude der ornithologischen Station. Den kleinen Leuchtturm am Ende des Weges, unweit der großen Fangnetzen für die Vögel, kann man – noch – kostenfrei besteigen und hat einen guten Blick auf das Kurische Haff und die Nehrung.

Dann erreichen wir Klaipeda, das alte Memel und machen einen kleinen Stadtbummel. Wir gehen durch die alte Stadt und stoppen natürlich am Simon-Dach-Brunnen mit dem Ännchen von Tharau vor dem Theater. „Wo kommt ihr den her?“ fragt uns ein deutscher Tourist in Klaipeda. „Vom Baikal!“ lautet die Antwort. „Wo ist denn das?“ möchte er wissen. „Noch hinter Moskau“ wird ihm geantwortet. „Ach so, dann seid ihr über das Haff hierhergekommen!“ antwortet er vielwissend. Erst seiner Frau gelingt es, ihn davon zu überzeugen, dass Moskau nicht nur in der anderen Richtung liegt, sondern auch noch deutlich weiter entfernt ist. Dann fahren wir weiter Richtung Fähre, stoppen zum Abendessen und zum Tanken.

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An der Fähre herrscht reger Andrang. Alles muss schnell gehen, denn die Fähre hatte eine Stunde Verspätung. Bis auf den letzten Platz ist alles angefüllt mit LKW und PKW. Unseren Sonderwunsch, den Bus in der Nähe der Motorräder abstellen zu können, kann dieses Mal nicht berücksichtigt werden. Nach einem Bier und einer Dusche ist dann – im Gegensatz zu vorangegangenen Abenden – auch schnell Schluss. Alle wollen nur ihre Ruhe und schlafen!

36. Tag – Sa. 22. August 2015: Fähre nach Kiel – zu Hause (100 km)

Ein ganzer Tag zum Ausklang auf der Ostsee, Gedanken ordnen, Bilder im Kopf und auf den Chips sortieren, zu klönen oder auch nur zu genießen. Eine eindrucksvolle Zeit geht zu Ende.

Kurz nach Mitternacht sind alle in der Kajüte. Ruhe ist eingekehrt. Die lange Reise und die vielen Eindrücke sind doch nicht spurlos an allen vorübergegangen. Interessant, trotz allem will auch beim Frühstück keine rechte Vorfreude auf zu Hause aufkommen. Zu tief sitzen die vielen Eindrücke. Jeder erholt sich so gut er kann auf seine Weise. Alkohol wird fast gar nicht getrunken. Der Lesestoff ist ausgelesen und so sucht man Beschäftigung, indem man sich, zum Teil zum ersten Mal, die Bilder der vergangenen Wochen ansieht. Gerne wird dann mit dem einen oder anderen Teilnehmer das Erlebte in Erinnerung gerufen.

Ich nutze die Zeit intensiv. Auf der einen Seite stelle ich die Bilder für die Teilnehmer dieser Reise zusammen. Das ist eine recht zeitaufwendige Beschäftigung, denn wir haben viele Bilder gemacht, die alle zumindest rasch durchgesehen werden müssen, um Spreu vom Weizen zu trennen. Dann müssen sie auf Sticks überspielt werden. Parallel dazu schreibe ich an den Unterlagen für die nächste Tour. Die Roadbooks, die jeder Teilnehmer vor der Reise erhält, enthält alle relevanten Informationen zu den besuchten Orten, zu den Strecken und viele Hintergrundinformationen. Meines Wissens sind wir die einzigen Anbieter von Motorradreisen, die so ausführliche Roadbooks erstellen. Eigentlich sollte es jeder vor der Reise lesen, zumindest abschnittsweise zu den entsprechenden Tagen. Aber viele betrachten es als Erinnerungsstück. Drei Tage habe ich nach meiner Rückkehr Zeit, bevor unsere nächste Tour, die Gourmetreise durch Polen beginnt. Es ist eben Saison und im Winter fragt niemand Motorradtouren nach.

Das Mittagessen lassen wir aus. Nahezu alle nutzen die Zeit, sich ein wenig hinzulegen. Aber zur Ruhe kommt keiner so richtig. Langsam macht sich die Vorfreude auf zu Hause bemerkbar.

Gegen 19.00 Uhr legt die Fähre in Kiel an. Noch eine halbe Stunde müssen wir warten, bis wir zu den Fahrzeugen dürfen. Aber dann geht es schnell. Der Zoll kontrolliert nahezu jeden PKW, uns winkt man durch. Wieder mal Glück gehabt. Am Ausgang des Hafengeländes stehen Familienangehörige, um uns und ihre Lieben zu begrüßen. Egon und ich freuen uns besonders, Reinhard zu treffen, der den Weg von Geesthacht nicht gescheut hat und gekommen ist, uns zu begrüßen. Gerne wäre er mit uns diese Tour gefahren, aber so viel Urlaub gewährt nicht jeder Arbeitgeber. Außerdem hatte er die letzte Tour vor vier Jahren mitgemacht und hat im vergangenen Jahr auf der Uralreise mit viel Spaß das Begleitfahrzeug gefahren. Schön dass du da warst, Reinhard. Wir verabschieden uns und dann geht es auf unterschiedlichen Wegen nach Hause.

Fazit

35 Tage Reise, das sind über 800 Stunden. 35 Tage Russland und Sibirien, und ein wenig Finnland, das sind über 800 Stunden Erfahrung, Eindrücke, Spüren, Sehen, Riechen, Schmecken. Erfahrungen in einer Gruppe von 15 Personen, zumeist Individualisten. Nur eine Reifenpanne! Keine Kontrollen durch die Polizei! Ein paar Umfaller, keinen Unfall! Es ist das beste Fazit, dass wir je nach solch einer langen Tour gezogen haben. Immerhin haben wir 14-mal ca. 9.500 km zurückgelegt, das sind über 130.000 km! Wer kann noch von sich behaupten, mehr als dreimal um die Erde gefahren zu sein und so ein Fazit zu ziehen.

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Technisch konnten wir so einen Erfolg erzielen, weil die Straßen zumeist in einem guten Zustand sind, mitunter ausgezeichnet. Nicht überall, aber es waren weitestgehend. Immer mal wiederauch ziemlich schlecht, kurze Passagen, besonders bei Baustellen als Piste.

Es ist fahrtechnisch keine Herausforderung mehr zum Baikal zu fahren. Sowohl die Moto Guzzi hielt durch als auch die „Güllepumpe“ Honda CX 500, die immerhin schon über 30 Jahre alt ist. Der Harley Road King Police haben wir nach dieser Reise den Ehrentitel Enduro-Harley verliehen.

Die Polizei ist in Russland so weit abgebaut, dass sie sich nur noch mit den wichtigen Aufgaben beschäftigen kann. In Sibirien haben wir tagelang keine Polizei auf oder an der Hauptstrecke gesehen. Es tut auch nicht Not, denn das Fahrverhalten der Kraftfahrer ist deutlich besser geworden, zumal lange Streckenabschnitte videoüberwacht sind. Manche fahren zwar teilweise immer noch sehr ruppig, besonders in den großen Städten des Ostens. Insbesondere Fahrer großer SUV denken, ihnen gehöre die Straße. Aber insgesamt ist die Fahrdisziplin deutlich besser, zuvorkommender als in den vorherigen Jahren. An Zebrastreifen wird gehalten, dass mussten auch einige von uns erst lernen. Eine weitere Erfahrung ist, dass wir als Motorradfahrer etwas Besonders sind. Ständig wurde uns zugewunken, wir wurden angehupt, gegrüßt. Insbesondere auch dann, wenn erkannt wurde, dass wir aus Deutschland kommen.

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Für Egon und mich war diese Reise wieder eine Bereicherung. Einen ganzen Tag benötigte ich, um wieder zu Hause „anzukommen“. Die allermeisten Ziele dieser Reise konnten wir erreichen. Wir haben gut zusammen gearbeitet, Egon und ich. Egon hat mich sehr gut unterstützt. Es macht Spaß, wenn wenige Worte im Vorfeld genügen, um einen Tag zu einem großen Erfolg zu bringen. Sei es, dass man zur rechten Zeit Blumen hat oder dass man zur rechten Zeit am richtigen Ort ist.

Danke. Danke euch allen, die die zum Gelingen dieser einmaligen Reise beigetragen haben und allen Freunden unterwegs. Dank an das Touratech Team für die kompetente und großartige Unterstützung! Dank an Matthias und Regine Kroner von Rukka. Danke an alle, die am Zustandekommen dieser Reise beigetragen haben.

Und noch einen besonderen Dank an Heike Reumann-Köster, die vom Büro und von zu Hause aus dafür gesorgt hat, dass alles klappt und an Egon Milbrod, der den Bus gefahren hat und der ein zuverlässiger und treuer Freund ist.

Danke Egon, gerne wieder! – Auf ein Neues!

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