Unter dem Kreuz des Nordens 2016 – Teil 2

Karelische Impressionen – Durch Russland zum Nordkap, zurück über Norwegen, Schweden und Finnland. 30. Juli – 26. August 2016

Tag 8, Sa. 06.08.: Ausflug nach Kishi im Onega-See, 0 km

Wie die Zeit vergeht! Eine Woche sind wir nun schon unterwegs und immer wieder unendlich viele Eindrücke. Auch für mich, der ich doch schon mehrfach hier war. Gut so!. Leider hat sich das Sprichwort mit dem Abendrot sich nicht bewahrheitet: Es regnet Bindfäden!

Petrosawodsk ist die Hauptstadt der autonomen Republik Karelien. Mit dem Zusatz „autonom“ hat diese Republik größere Rechte als eine Unionsrepublik. Petrosawodsk hat sich seit acht Jahren fast nicht verändert. Etwa 260.000 Menschen leben in der Hauptstadt. Das sind 2/3 der Bevölkerung des Landes. Noch immer ist das heruntergekommene Traktoren-Werk der größte Arbeitgeber. Außer den Geschäften und total überdimensionierten Hotels sind wenige Möglichkeiten zu erkennen, wie die Menschen hier ihren Broterwerb finden. Unsere Reiseleiterin hat große Mühe, uns in den zwei Stunden die Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Die beiden Theater und zwei Denkmäler sind am Hauptplatz, die ewige Flamme ist gleich um die Ecke und die wenigen Häuser, die den Krieg überstanden haben, sind auch nicht weit entfernt.

Kishi ist ungleich interessanter. Wir haben Glück. Gennadi, unser Reiseleiter gehörte zu den Restauratoren der Anlage und ist im Ruhestand. Es ist eine ausgezeichnete Führung, wenn nur das Gewitter nicht wäre. Es regnet über eine Stunde Sturzbäche. Nach kurzer Zeit sind wir alle pitschenass. Dann ist es egal und wir haben viel Spaß, denn weiter als bis auf die Haut kann man sowieso nicht nass werden. Immer wieder kommen längere Schauer. Beeindruckend die alten Gebäude, die Holzkirchen aber auch die profanen Häuser. Dank Gennadi können wir auch einen Blick in die Restauratoren-Werkstatt werfen. Immerhin sind in den letzten sieben Jahren gut 50 % der Balken behandelt worden. Kishi wurde auf Grund einer privaten Initiative zum Weltkulturerbe erklärt und gehört nun zu den nationalen Symbolen Russlands. Deshalb arbeiten hier auch 20 Polizisten und weite Teile der Insel sind Videoüberwacht. Die eigentliche Restauration der Hauptkirche begann 2009 und wird voraussichtlich 2018 abgeschlossen sein.

Kurz vor Ende unseres Rundgangs hört der Regen endgültig auf und die Sonne kommt wieder. Mit der „Raketa“ fahren wir in kurzer Zeit zurück nach Petrosawodsk und wandern am Ufer zurück zum Hotel. Dort gehen wir erst mal alle unter die Dusche, bevor wir bei einem Bier die geräucherte „Klosterforelle“ im Garten des Hotels genießen. Abendessen gibt es heute sowieso später, da im Hotel einige Hochzeitsgesellschaften feiern.

Egon fährt noch mit dem Bus zum Sitz des Bischofs der orthodoxen Kirche. Zwei Ordensschwestern nehmen ihm mit Freuden nahezu alles ab, was wir von der Firma Brüggen gestiftet bekommen haben. Diese Sachen wollen sie für ein Kinderheim verwenden. Ihre Grußworte sind von Ruhe und zurückhaltender Dankbarkeit geprägt. Ein schöner Tag neigt sich dem Ende!

Tag 9, So. 07.08.: Fahrt über Medvezhyegorsk nach Kem, 430 km

Gennadi, unser Reiseleiter und Restaurator im Ruhestand von Kishi hatte mir den Tipp gegeben, dass wir uns unbedingt die alte Holzkirche in Kondopoga ansehen sollten. Obwohl an der Europastraße schon ein Schild auf diese Kirche hinwies, war sie im Ort sehr schwer zu finden. Also halte ich ein paar Polizisten im Streifenwagen an, die uns dann auf direktem Wege dorthin führen. Wir sind die einzigen Besucher und sehr beeindruckt, insbesondere von der Deckenkonstruktion und den Malereien. Als wir weiterfahren wollen, kommen wir mit einer alten Dame am Gartenzaun ins Gespräch, die uns dann für die Weiterfahrt einen Schwung frisch geernteter Gurken schenkt.

Es zieht uns weiter nach Norden. In Medweschjegorsk stoßen hierbei auf Spuren des sowjetischen -Systems. Während der von Stalin ins Jenseits beförderte Industriemister Kirov auf seinem Heldensockel steht, ist der vom Einsturz bedrohte Industriebau in seinem Rücken eine Einkaufspassage. Die Platten auf dem Aufmarschplatz sind unregelmäßig verlegt, aber die Tafeln mit den Heden der Sowjetunion dieser Region sind frisch geputzt und strahlen mit der Sonne um die Wette. Ein Stück weiter holt uns am Weißmeerkanal die jüngere Geschichte ein. Von den Hunderttausenden „Schädlingen des Sozialismus“, die diesen Kanal teilweise mit bloßen Händen graben durften, sind nicht einmal Gräber übrig geblieben. Bei der Errichtung des berühmt berüchtigten Weißmeerkanals kamen von 1931 bis 1933 eine Viertelmillion Strafgefangene ums Leben.

Ein Stück davor zweigt eine Straße in einen Wald ab. In den Wald von Sandermoch. In Sandermoch, unweit Medweschjegorsk, wurden 9-12.000 Lagerhäftlinge ermordet, besser gesagt „entsorgt“. Ihre Kinder und Enkel fahndeten ab der Zeit der Perestroika nach ihnen und wurden in dem jungen Wald mit den tiefen Kuhlen fündig. Schweigend gehen wir zu den Motorrädern zurück, schweigend fahren wir zurück nach Medweschjegorsk und weiter nach Norden.

Wir verlassen die Karelische Republik und fahren in das Murmansker Oblast ein. Die Landschaft wechselt langsam. Viel Geröll ist zu sehen, eine Folge der Eiszeit. Je weiter wir nördlich kommen, desto mehr nehmen die Sumpfgebiete zu. Flechten und Moose werden häufiger. Gut 430 km als heutige Tagesetappe hören sich zwar viel an, aber auf einem Teilstück war auf 100 km kein Ort zu finden. Anstatt Fernsehen zu schauen, nutzen viele der Einheimischen die Zeit und gehen in den Wald. Innerhalb einer Stunde hat man einen Eimer Beeren gesammelt und nach einer weiteren Stunde hält jemand an, um die Beeren zu kaufen.

Durch eine endlos erscheinende Tundralandschaft gelangen wir nach Kem am Weißen Meer, den Verschiffungsort der Gefangenen zu den Solowezki Inseln. Das Hotel Kemi, in dem wir heute übernachten, verpassen wir. Alle weisen uns weiter zur Siedlung Rabocheostrovsk, in der sich das Hotel Pritschal befindet. Wir müssen zurück. Macht nichts. Das waren schon interessante Ausblicke.

Tag 10, Mo. 08.08.: Ausflug zur Insel Solovetsk im Weißen Meer, 0 km

5.00 Uhr aufstehen, 6.00 Uhr Frühstück, 7.00 Uhr Abfahrt zum Hafen, Ankunft 7.30 Uhr und Beginn des Einschiffens. Abfahrt 8.00 Uhr mit dem Schiff zu den Soleveki-Inseln. Wieder ein Kloster, aber ein Wehrkloster seit Ivan dem Schrecklichen, das schon nach kurzer Zeit seinen Unterhalt auch mit der „Betreuung“ von Gefangenen verdient hat. Denn die wenigen Pilger konnten das Kloster mit ihren Spenden nicht unterhalten.

Selten haben in Russland so viele Leute gleichzeitig arbeiten sehen wie an diesem Tag in diesem Kloster. Es muss Geld da sein, denn der Staat gibt keine Zuschüsse. Nachdem die Diktatur des Proletariats hier Tausende Menschen durch Arbeit oder Gewehrschüsse liquidiert hat – in der Hochzeit waren hier mitten im Weißen Meer über 150.000 Gefangene untergebracht – Solschenizyns Archipel Gulag – war vieles verfallen und heruntergewirtschaftet. Alles wird restauriert. Obwohl Kreuzfahrtschiffe nur selten hierher kommen, sind zirka 2.000 Besucher an diesem Tag anwesend. Die Anlage ist ausgesprochen beeindruckend. Auf der Rückfahrt kommen wir mit einer Lehrerin ins Gespräch. Wenn ich alles richtig verstehe, dann gab es in der Anfangszeit der Kommunisten 100 g Fleisch pro Tag für die Gefangenen. Das wurde natürlich immer weniger. Aber 100 g Fleisch ist die Menge, die wir zum Mittag zu uns nehmen! Weitere Besonderheit: Wir rechnen in Fertiggewicht, also bereits gegart! Hier ist das Rohgewicht inklusive Knochen, Fell und Schwarte gemeint! Wir werden wieder am Schiff erwartet und zurück zum Hotel gefahren.

Nach dem Abendbrot werden wir gebeten, nicht allzu lange im Restaurant zu verweilen. Obwohl der Wirt alle Plätze mit Gästen besetzen könnte, hängt er ein Schild raus: „Geschlossene Gesellschaft“. Es müssen Herren von der Bezirksregierung sein, die mit ihrer Familie hier zu Abend speisen möchten und anschließend im Hotel nächtigen. Russland eben!

Tag 11, Di. 09.08.: Fahrt nach Kandalakscha, 330 km

Wir lassen es ruhig angehen. Von Kem zurück an schäbig aussehenden Militäranlagen zurück zur Trasse, der M10, die auch als P21 geführt wird. Die Landschaft zeichnet sich durch viele Hochmoore aus, die von kleinen, felsigen Höhenzügen umrahmt sind. Mischwald säumt die Straße, überwiegend Fichten und Birken. Die Tankstelle am Trakt hatte wegen Umbauarbeiten geschlossen, die nächste ist erst in 80 Km. Das könnte knapp werden. Also runter von der Strecke und es in der nahegelegenen Ortschaft probieren. Versteckt zwar, aber wir finden sie ebenso wie ein Cafe. Das Cafe ist eine Stolovnaja, eine Selbstbedienungsgaststätte im 1. Stock eines Wohnhauses. Auf Anhieb nicht zu erkennen.

Wir verlassen die autonome Karelische Republik und fahren in das Murmansker Oblast. Kurz bevor wir die Kola-Halbinsel und unser heutiges Etappenziel Kandalakscha erreichen, überqueren wir den nördlichen Polarkreis. Die M10 ist eine Europastraße und eine sehr gut ausgebaute Schnellstraße, auch nach unseren Maßstäben! Das Zeichen für den Polarkreis ist deutlich zu sehen, dennoch donnern drei Teilnehmer daran vorbei. Drei andere sind zum ersten Mal in der Polarregion. Also veranstalten wir, neben dem üblichen Foto, eine kleine Zeremonie, eine Polarkreistaufe, die allen Beteiligten sichtlichen Spaß macht.

Wir sind beinahe am Ende der Welt angekommen. Das Doppelzimmer kostet 80 Euro, der Bau ist aus den 70-iger Jahren und nur mit neuer Kalkfarbe renoviert, der Fahrstuhl wurde hier in Russland seit 1930 in Lizenz bis 1990 gebaut. An der Rezeption werden unsere Visa genau überprüft. Die Zimmerschlüssel werden persönlich ausgehändigt. Das Cafe wirkt auf einen nur in West-Europa Reisenden schlicht, ja nahezu spartanisch. Dafür sind die Speisen üppig und nicht so trocken. Im Gegensatz zum heutigen Morgen gibt es zum Butterbrot – so heißt es auch im Russischen – sogar reichlich und streichbare Butter! In Relation zu den Möglichkeiten ist dies mit Abstand das beste Restaurant-Cafe das wir bisher hatten – zuvorkommende Bedienung, landestypische, schmackhafte und reichliche Speisen, die wir mit einem Wodka abrunden.

Tag 12, Mi. 10.08.: Fahrt auf die Halbinsel Kola nach Kirowsk, 130 km

Unsere Einschätzung vom Cafe-Restaurant war zutreffend. Selbstverständlich ist zum Frühstück Butter vorhanden. Selbstverständlich wird – hier unüblich – Milch zum Cafe und auch Marmelade nachgereicht. Alle Speisen sind warm, auch die Kascha, der Brei, der heute aus Reis besteht. Es sind sogar frische, kleine, süße Hefeteigstücke da!

Beim Herausfahren aus der Stadt Kandalashka fällt der überdurchschnittliche Leerstand auf. Abgesehen von den vielen Fabriken stehen ganze Häuserzeilen 6-geschossiger Wohnblöcke leer. Von den 55.000 Menschen, die vor 20 Jahren hier lebten, sind nur noch 35.000 da. Dank der enormen Zuflüsse aus dem sozialistischen Lager konnten hier nördlich des Polarkreises Spitzenlöhne gezahlt und unrentable Industrien angesiedelt werden. Die Leidtragenden dieser Politik sind die Menschen. Dass es auch anders sein kann, erleben wir im Zentrum der Kola-Halbinsel, die das Ziel des heutigen Tages ist. Hochhauswohnungen in akzeptabler Qualität zu bezahlbaren Preisen empfangen uns am Stadtrand von Apatity. Der Garmin zeigt an, dass dort eine Straße rein geht und eine Straße raus! In Abstimmung mit Egon und den Teilnehmern stoppen wir am geologischen Museum. Wir bekommen von Tatjana eine Sonderführung und Egon übersetzt dankenswerterweise. Wir lernen: Apatit ist der Namensgeber der Apatit-Pyromorphit-Gruppe mit bis 100 % hoher und frei austauschbarer Konzentration von einfach negativen Fluor-, Chlor- beziehungsweise Hydroxid-Ionen. Die allgemeine, chemische Formel für Apatit ist Ca5[(F,Cl,OH) (PO4)3]. Verstanden. Verwendet wird es u.a. in der Düngemittelherstellung.

Schon vor dem Abzweig nach Apatity sind deutlich die Chibinen zu erkennen, ein kreisrundes Gebirge von der Höhe des Harzes, das ein beliebtes Wintersportgebiet der Region ist. Bei Apatity und in der Bergbaustadt Kirowsk wird Apatit für die Düngemittelproduktion abgebaut. Die Region Murmansk ist der größte Phosphatdünger-Hersteller der Welt. Das und der Schwermetallabbau hat dazu geführt, dass auf Kola nahezu alle ökologischen Zwischenstufen von intakter arktischer Tundra bis hin zu verseuchter postindustrieller Abraumlandschaft zu finden sind mit teilweise extremer Luftverschmutzung.

Obwohl unser Zielort Kirowsk nur knapp 300m über dem Meeresspiegel liegt, sind wir in der Polaren Tundra angekommen. Die Bäume „wachsen nicht mehr in den Himmel“ und stehen spärlich. Einige verfärben sich schon gelbbraun, der Sommer neigt sich dem Ende zu, obwohl wir noch angenehme 14 Grad haben. Vielleicht ist das aber auch eine Folge des sauren Regens. Diese Region lebt nicht allein vom Bergbau, der hier auf der Kola-Halbinsel vielfach zu finden ist, sondern auch vom Wintersport. Die Ausschilderung in die Skigebiete ist in Englisch und, wie überhaupt in Karelien und hier in Russisch-Lappland, vieles ist auch in Englisch ausgeschildert. Die kleine Stadt hat 30.000 Einwohner und ein eigenes Schwimmbad. Der Springbrunnen funktioniert und ist nicht einmal hässlich! Das Hotel ist ein Bau aus der Stalinzeit und wurde kürzlich renoviert. Alles ist akkurat und entspricht einem 3-Sterne-Standard, auch wenn man über Kleinigkeiten hinwegsehen sollte. Ein kleiner Abstecher bringt uns noch näher an die Bergwerke heran. Es ist zum Teil schon gruselig. Das wird noch durch den kräftigen Schauer verstärkt, der uns auf der Rückfahrt zum Hotel erwischt. Aber zum Glück gibt es warme Duschen und die Sachen können bis zum nächsten Morgen trocknen.

Tag 13, Do. 11.08.: Fahrt von Kirowsk nach Murmansk, 220 km

Sonnenaufgang 3.40 Uhr und Sonnenuntergang 22.01 Uhr! Doch schön wäre es, wenn wir die Sonne sehen würden. Den ganzen Tag bleibt es bedeckt und kalt. Der angekündigte und von uns befürchtete Dauerregen bleibt hingegen aus.

Von Kirowsk geht es weiter nordwärts über die Kola-Halbinsel nach Murmansk. Dabei fahren wir durch eine arktisch anmutende Landschaft mit deutlichen Spuren menschlicher Tätigkeiten. Seit Tagen begleiten uns die für die Polarzone typischen Flechten und Moose, auch Wollgras ist in den wasserreichen Niederungen unser ständiger Begleiter. Die Hänge an den zahlreichen Hügeln sind spärlich bewachsen und man kann die Baumgrenze genau erkennen. Einige der Hügel sind aber auch riesige Abraumhalden. Nach vorsichtigen Schätzungen einigen wir uns darauf, dass diese Abraumhalden mindestens 200 m hoch sind. In der Nähe von Montshegorsk fahren wir an einer Fabrik vorbei. Monshe kommt aus dem Sami und heißt schön. Schön? Stadtbildprägend ist die Nickel- und Kupferhütte, die Unmengen an Staub in den Himmel bläst. Da sich die örtliche Erzlagerstätte schneller als erwartet erschöpft hat, wird heute ein Großteil der Rohstoffe für die Produktion herantransportiert. Die Staubbelastung ist derart erheblich, dass wir einen Hustenreiz verspüren und noch Kilometer später brennende Augen haben. Als erste Maßnahme im Hotel lasse ich mir von Egon die Augen mit Augentropfen verarzten! Es ist schwer vorstellbar, dass die anderen Fabriken in der Gegend, die z.B. Apatit zu Halb-Produkten verarbeiten, wesentlich weniger Emissionen verursachen.

Wir möchten den Mitreisenden Russland noch näher bringen, biegen von der Europastraße 105 ab und fahren über kleinere Landstraßen. Für unsere Verhältnisse ist es eher eine Asphaltstraße aus dem 2. Weltkrieg, aber hier ist es eine normale Straße. Das Dorf mag ca. 1.000 Einwohner haben, die überwiegend in Wohnblöcken wohnen. Die wenigen Menschen die wir sehen sind vom Alkohol gezeichnet. Die einzige erkennbare Arbeitsstätte ist die Kolchose, ein landwirtschaftlicher Betrieb. Da wir ca. 50 km von Murmansk entfernt sind, lohnt es sich, hier Landwirtschaft zu betreiben. Allerdings sieht der Fuhrpark erbärmlich aus und die Heuballen könnten besser gepresst und gewickelt sein.

Egons Motorrad feiert Geburtstag! Es hat die Grenze von 100 000 km in 7 Jahren erreicht. So viele Kilometer hatte er noch mit keinem Motorrad zurückgelegt. Nur ein ernst zu nehmender Unfall ist während dieser Zeit passiert. Alle meinen, dass dieses Motorrad dafür noch gut gepflegt sei, was ihn sichtlich ehrt!

Der Moloch Murmansk rüstet sich zu seinem 100. Geburtstag im Oktober. Es mag am Wetter liegen, dass die Stadt trotzdem nicht schön ist. Das Hotel ist ein Protz Bau aus der Nachwendezeit mit 17 Etagen. Davon sind nur 3 Etagen für das Hotel mit echten 3-Sterne-Standard und internationalem Flair. Der Rest sind Kongresssäle oder Büros. Im Gegensatz zu gestern geht hier alles etwas lockerer zu. Auch hier ist die Umgangssprache mit dem Personal englisch!

Tag 14, Fr. 12.08.: Erkundung von Murmansk und Umgebung, 50 km

Heute ist motorradfreier Tag. Ein opulentes Frühstück gegen 8.00 Uhr, fertig machen, denn pünktlich um 9.00 Uhr wartet die örtliche Reiseleiterin im Hoteleingang. Sie spricht ein sehr gutes Deutsch, obwohl sie noch nie in Deutschland gewesen war. Auf einer Rundfahrt mit einem Kleinbus zeigt sie uns einige der Sehenswürdigkeiten dieser weltweit größten Stadt nördlich des Polarkreises. Wir erleben einen Gottesdienst in einer orthodoxen Seefahrerkirche, in der ein Admiral als Heiliger verehrt wird! Das Kriegerdenkmal aus dem 2. Weltkrieg ist nach Norwegen ausgerichtet, warum denn wohl? Das Denkmal für die in Friedenszeit gestorbenen U-Boot-Soldaten besteht aus einem Teil des Kommandoturms der „Kursk“, die just am heutigen Tag vor 16 Jahren gesunken ist. Die angeblich so zahlreiche Fischfangflotte ist nicht präsent. Auch Fisch wird nicht verarbeitet, weil er in Norwegen angelandet und dort verarbeitet wird. Der Hafen ist schmutzig. Gerade wird wieder ein großes Schiff mit schwarzem Staub beladen. Die Reiseleiterin meint es sei Eisenerzkonzentrat. Daneben staubt es bei der Verladung gelbweißlich – Apatit Produkte werden verladen.

Höhepunkt der dreistündigen Stadtrundfahrt ist der Besuch des Eisbrechers „Lenin“. Er war zu Beginn der 60-iger Jahre der erste Atom-Eisbrecher. Nur er konnte den nördlichen Seeweg ohne Unterbrechung befahren. Drei Jahre hielten die Brennstäbe. Heute ist er außer Dienst gestellt. Dieser Prachtbau des Kommunismus ist nun ein Museum. 1989 wurde das Schiff außer Dienst gestellt, weil ihre Außenhülle durch Eisabrieb zu dünn geworden war.

Am Nachmittag fahren wir zu dritt zur Schule für Schwerhörige und Blinde. Egon hatte uns angekündigt! Die Direktorin erwartet uns. Wir nehmen Volker mit, der als Notarzt das erste Mal in Russland ist. Nach der Vorstellung übergeben wir den Karton mit den von Egon gesammelten Hörgerätebatterien. Etwa 140 Kinder befinden sich in dieser Schule, die nicht da sind, denn die haben bis zum 1. September Sommerferien! Es werden Schüler von der 1. bis zur 11. Klasse unterrichtet. Viele Kinder haben nach WHO Standard einen Hörverlust 4. Grades oder sind mehrfach behindert. Wir können Klassenräume besichtigen und sind angenehm überrascht über die gute Ausstattung und die vorzügliche Sauberkeit und Akkuratesse! Das hatten wir in anderen Schwerhörigen-Schulen schon anders gesehen. Selbstverständlich bekommen wir auch einen Einblick in die Freizeitgestaltung der Internatsschüler, für die die Lehrkräfte voll zuständig sind. Die Vitrinen mit Pokalen und Ehrungen zeigen, dass man auch diese Kinder zu hohen Leistungen motivieren kann. Auch die Tafel der Besten, die bei uns häufig belächelt wird, ist ein unabdingbares pädagogisches Instrument, auf das hier niemand verzichten möchte.

Kreuz des Nordens Tag14 (7)

Es gewittert heftig. Zum Glück sind wir heute Nachmittag nicht mit dem Motorrad unterwegs. Ein letzer Einkaufsbummel. Dann zurück zum Hotel. Morgen wollen wir über die Grenze nach Norwegen. Mal sehen, was uns da erwartet!

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