Motorradabenteuer 2017: Sibirien Spezial – Teil 13

Die Gruppe vor dem WahrzeichenTuwa und doch nicht scheitern oder die große Runde um den Mittelpunkt Asiens

Die letzten Regenwolken sind verflogen, als wir uns von Abakan, der Hauptstadt von Chakassien, auf den Weg nach Tuwa machen. Durch Minussinsk erreichen wir Schuschenskoje, Lenins ehemaligen Verbannungsort. Seit dem 19. Jahrhundert diente Schuschenskoje als Ort um Dekabristen, Teilnehmer des polnischen Novemberaufstandes von 1830 und Narodniki, Vertreter einer sozialrevolutionären Bewegung im Russischen Kaiserreich und andere politisch Unerwünschte aus dem Zentrum der Macht zu entfernen, zu verbannen. Ab Mai 1897 befand sich Lenin zunächst allein in Schuschenskoje in der zweieinhalb Jährigen Verbannung. Ein Jahr später kamen seine Frau Nadeschda Krupskaja und ihre Mutter hinzu. Aus diesem Grund wurde der Ort in der Sowjetzeit „Pilgerort“ für jährlich über hunderttausend Menschen, einem der wichtigen Orte russisch-sowjetischer Geschichte. 1930 wurde Lenins Wohnhaus aus der Zeit seiner Verbannung zu einem Museum umgestaltet. 1970 wurde es aus Anlass des 100. Geburtstages Lenins zu einem großen Freilichtmuseum erweitert.

Über das Sajangebirge fahren wir weiter nach Süden. Als Teil der Südsibirischen Gebirge gehört es zu Russland und zur Mongolei. Das Hochgebirge besteht aus dem niedrigeren Westsajan und dem höheren Ostsajan, der bis zum Baikalsee und in die Mongolei reicht, mit dem 3492 m hohen Munku Sardyk als höchster Erhebung.

Die Republik Tuwa ist eine zur Russischen Föderation gehörende autonome Republik im südlichen Teil von Sibirien. Wichtigster Fluss ist der Jenissei, dessen rechter Quellfluss Großer Jenissei hier entspringt. Der vereinigt sich bei Kysyl mit dem Kleinen Jenissei, der aus zwei aus der Mongolei kommenden Quellflüssen entsteht. Das Klima ist kontinental. Die Durchschnittstemperaturen im Januar betragen −45° C bis −28° C. Die durchschnittliche Temperatur im Juli beträgt um die 20° C, oft ist es sehr heiß bis über 30° C. Im Sommer regnet es sehr selten und schneit nur wenig im Winter. Die Menge der Niederschläge ist unbedeutend, 200-300 mm im Jahr, Hamburg hat 750 mm Jahresdurchschnitt. In Tuwa gibt es ca. 220 Sonnentage im Jahr, ist das nicht auf Usedom ähnlich? Gut 308.000 Menschen leben hier auf einer Fläche, die knapp der Hälfte Deutschlands entspricht. Die Tuwiner sind ein Turkvolk und stellen die Mehrheit in der Republik. Die Tuwiner sind eine der größten Minoritäten in Sibirien und neben den Jakuten in der Republik Sacha als einzige in einem autonomen Gebiet Sibiriens gegenüber den Russen in der Mehrheit. Zudem sind viele Russen in den letzten Jahren abgewandert. Deshalb hat sich ihre Anzahl von 1989 bis 2010 halbiert. Amtssprachen sind die tuwinische und die russische Sprache. Die Tuwiner bekennen sich überwiegend zum Buddhismus, genauer zum Tibetischen Buddhismus, daneben gibt es in Tuwa auch viele orthodoxe altgläubige Christen.

Im sibirischen „Tal der Könige“ bei Turan fanden Archäologen aus Deutschland und Russland 2001 den seit etwa 2500 Jahren unberührten, zur Aldy-Bel-Kultur gehörenden Grabhügel Arschan 2 eines skythischen Herrschers. Die Funde des Hügelgrabes widerlegen die antiken Quellen, die die Skythen nur als „wilde Horde“ schilderten. Das Reich der Skythen reichte damals von der Mongolei bis ans Schwarze Meer. 1207 wurde Tuwa von Dschingis Khans Truppen erobert und kam unter die Herrschaft der späteren Yuan-Dynastie.

Nach der Oktoberrevolution in Russland wurde hier 1918 eine Sowjetrepublik ausgerufen und das Land wurde in den Russischen Bürgerkrieg hineingezogen. Nach dem bolschewistischen Sieg 1921 wurde am 14. August des Jahres die Volksrepublik Tannu-Tuwa proklamiert. Formell war Tuwa eine unabhängige Volksrepublik und damit nach der Sowjetunion und der Mongolischen Volksrepublik der dritte kommunistisch ausgerichtete Staat der Welt, der länger als nur wenige Monate existierte. Faktisch bestand aber ab der Gründung eine enge Anbindung an die junge Sowjetunion. Der erste Präsident Kuular versuchte, diese Abhängigkeit nicht zu groß werden zu lassen. Es gab Bestrebungen einer engeren Verbindung zur Mongolei. Er erhob den Buddhismus zur Staatsreligion und gegrenzte den Zuzug russischer Siedler. 1929 wurde er auf Geheiß Stalins verhaftet und später exekutiert. Mit Kuulars Tod wurde die Sowjetunion endgültig zur bestimmenden Macht in der Tuwinischen Volksrepublik. Tuwa war eines der ersten Länder, das am 22. Juni 1941 auf den Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion mit einer Kriegserklärung an Deutschland reagierte.

Die neue, kommunistische Führung begann mit der Kollektivierung des Landes, das bis dahin nomadisch geprägt war. Gleichzeitig startete eine Kampagne zur Ausmerzung des Buddhismus und des Schamanismus im Land. Im Oktober 1944 stellte die Tuwinische Volksrepublik schließlich auch de jure einen „Antrag zur Aufnahme in die Sowjetunion“. Sie wurde am 11. Oktober 1944 als „Autonomes Gebiet“ in die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik eingegliedert und hörte auf, als unabhängiger Staat zu bestehen. Am 10. Oktober 1961 wurde aus Tuwa die „Tuwinische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik“. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erklärte Tuwa im November 1991 seine Unabhängigkeit, die aber von den Regierungen der RSFSR und der formal noch bestehenden UdSSR nicht anerkannt wurde. Am 31. März 1992 war Tuwa einer der Unterzeichner des Vertrags zur Schaffung der Russischen Föderation. Es gibt nur zwei Straßenverbindungen nach Tuwa, die eine durch den Westsajan zur Hauptstadt Kysyl, die andere von Abakan über Abasa nach Ak-Dowurak im Westen des Landes. Auf der ersten fahren wir hin, auf der zweiten verlassen wir Tuwa wieder. Dabei windet sich die Straße auf 250 km durch die Schluchten des Sajans und über drei Gebirgspässe. Am Sajanski-Pass auf 2.206 m Höhe, dem höchsten der drei Pässe, liegt auch die Grenze zwischen Chakassien und Tuwa.

Vom östlichen Pass aus blicken wir auf das Tuwinische Becken, das einen Großteil des Gebietes der Republik Tuwa bildet. Am Ende der Passstraße müssen wir stoppen – Polizeikontrolle und Eintrag in das Einreisebuch von Tuwa. Es ist fast so wie 2001. Ein Stück vor Kysyl werden wir in Empfang genommen. Waren es damals drei Polizeiautos, die uns zum Hotel eskortierten, sind es dieses Mal zwei Motorradfahrer – Juri und Sergej, die vom „Grenzposten“ über unsere Ankunft informiert worden waren.

Tuva or Bust! – Tuwa oder scheitern! ist der Titel eines Buches von Ralph Leighton über eine Reise des amerikanischen Physikers Richard Feynman. – Wir haben es wieder geschafft! Juri und Sergej begleiten uns auf kleinen Umwegen zum Hotel. Dort erwarten uns schon Lena und Bella, die ich nun auch schon 30 Jahre kenne. Große Freude bei uns allen, auch bei Christina, die Bella auf einer vergangenen Reise hier schon einmal getroffen hat. Bezug der Zimmer, dann Abendessen und zur Abrundung eine Veranstaltung mit Sygyt. Das ist ein besonderes „Markenzeichen“ der tuwinischen Kultur – der dort gepflegte Kehlgesang, tuwinisch Khöömei für Kehle, die höchste Stufe des Obertongesangs, wobei gleichzeitig mehrere Töne angestimmt werden. Unser Interpret ist Dozent an der Hochschule für Musik in Kysyl und bekannter Vertreter dieses speziellen Gesangs und der tuwinischen Musik. Danach bei einbrechender Dunkelheit noch ein kleiner Rundgang zum geografischen Zentrum Asiens, am Jenissej.

Am nächsten Morgen holt uns Konstantin ab und begleitet uns zusammen mit Bella durch die Stadt, u.a. in das Museum mit der großartigen Ausstellung über das Gold der Skyten und der Darstellung der Funde aus dem sibirischen „Tal der Könige“. Ein Ausflug bringt uns zur Bieberquelle, einem wichtigen Ort – schamanische und buddhistische Kultur sind dort nahe beieinander und das, was ich als gescheiterte Hoffnung bezeichnen möchte: Nach einem Beschluss vom Mai 2006 soll Kysyl über eine Eisenbahnstrecke an die Transsibirische Eisenbahn angebunden werden. Im Dezember 2011 wurde der Bau der Trasse mit einem Hammerschlag durch Präsident Putin symbolisch eröffnet. Dabei ist es denn auch geblieben, wie wir feststellen können.

Am Nachmittag machen wir uns mit den Motorrädern auf den Weg in das Jurtendorf Aldyn-Bulak. Auf vielfachen Wunsch fährt Lena bei mir auf dem Motorrad mit. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion lebt auch der Schamanismus wieder auf. Dank Lenas Verbindungen haben wir das große Glück, eine Veranstaltung mit einem Schamanen zu erleben. Es wird für alle beeindruckend in Erinnerung bleiben. Am Morgen danach trennen sich unsere Wege kurzfristig. Reinhard fährt mit einem Teil der Gruppe über den schon bekannten Weg nach Abakan zurück, während ich mit den anderen den deutlich längeren, aber angeblich auch deutlich schlechteren Weg über Abasa nach Abakan fahre. Das ist so wie mit vielem, eigene Erfahrung oder Rücksprache mit Menschen, die sich im gesamten Gebiet auskennen zählt. Über Hörensagen wird nur Quatsch verbreitet. Die Strecke erweist sich als gut fahrbar und höchst interessant. Lediglich im Bereich des Sajanski-Pass, an dem auch die Grenze zwischen Chakassien und Tuwa liegt ist die Strecke über zwei Dutzend Kilometer nicht asphaltiert. Dazu treffen wir einige höchst interessante Menschen. Schließlich erreichen wir völlig zufrieden bei bestem Wetter Abakan und lassen den Abend gemütlich ausklingen.

 

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