Motorradabenteuer 2017: Sibirien Spezial – Teil 15

Über Tomsk nach Nowosibirsk, Ausflüge und Verladung.

Feuerwehrauto

Los geht es von Krasnojarsk, heraus aus der Stadt und weiter auf der verkehrstechnisch gut überwachten M53 wieder nach Westen. Wir passieren die Bergwerkstadt Atschinsk, die nicht gerade zum Verweilen einlädt und kommen wieder nach Mariinsk, wo wir auf dem Hinweg schon übernachtet hatten. Bei deutlich besserem Wetter können wir liebevoll erstellte und gepflegte Details in der Stadt besser wahrnehmen.

Der direkte Weg nach Tomsk wird nicht so viel befahren, die meisten wählen wohl die Strecke über Kemerowo. Bald wissen wir auch warum: Die relativ gut zu befahrene Teerstraße geht unvermittelt in eine üble, schlaglochübersäte Staubpiste über, die die ganze Konzentration erfordert. Wie viel mehr noch für Reinhard, der mit unserem gepäckbeladenen Bus im Slalom sich mal auf der rechten, mal auf der linken Seite über die Piste windet. Als wir am Ende an einem „Kafe“ stoppen, lesen wir auf der Inschrift über der Tür: „Wir sind so einsam gelegen, dass Dich hier weder Frau noch Schwiegermutter finden“. Aber einen Kaffee und einen Cola finden wir dort schon. Schließlich erreichen wir die ehemals geschlossene Stadt Tomsk und übernachten im Wissenschaftlerviertel Akademgorodok.

Am nächsten Morgen fahren wir durch Tomsk, das heute über eine halbe Million Einwohner hat, davon etwa 85.000 Studenten und 13.000 Russlanddeutsche. Tomsk wurde 1604 auf Befehl des Zaren Boris Godunow auf einer Anhöhe am Ufer des Flusses Tom als Kosakenfestung gegründet. Schon bald nahm die wirtschaftliche Bedeutung von Tomsk als Handelszentrum zu, vor allem durch den Bau des Sibiriski Trakt, einer Heer- und Handels-straße durch Sibirien, die durch Tomsk führte. Goldfunde in der Nähe gaben dem Wachstum der Stadt um 1840 weiteren Auftrieb. Danach entwickelte sich Tomsk zum Bildungszentrum Sibiriens, dem sog. „Sibirischen Athen“. 1880 wurde hier die erste sibirische Universität gegründet und 1896 eröffnete das erste Technische Institut Sibiriens. Durch den Bau der Transsibirischen Eisenbahn verlor Tomsk an Bedeutung, da man sich bei der Errichtung der 1898 fertiggestellten Brücke über den Fluss Ob für einen kleinen Ort weiter südlich entschied. Aus diesem damals unbedeutenden Dorf entwickelte sich in der Folgezeit die Millionenstadt Nowosibirsk. Tomsk wurde nur durch eine Stichstrecke an die Transsibirische Eisenbahn angeschlossen. Der Bedeutungsverlust zeigte sich auch bei der Umstrukturierung der Verwaltung. So wurde das Gouvernement Tomsk nach der Oktoberrevolution von 1917 ein Teil der Region Sibirien und Tomsk später eine Stadt innerhalb der Oblast Nowosibirsk.

Während des Kalten Kriegs war Tomsk, wie auch viele andere Städte, eine geschlossene Stadt, sodass vor allem Ausländern der Zutritt nur in Ausnahmefällen möglich war. 1949 wurde unter dem Decknamen „Postfach 5“ Tomsk-7 gegründet, um dort die kerntechnische Anlage Tomsk zu bauen. Aus Tomsk-7 wurde später die Stadt Sewersk. 1970 wurde Tomsk zur historischen Stadt ernannt. In der Zeit der Perestroika wurde sie schließlich wieder geöffnet. 2004 wollte die Stadt ihr 400-jähriges Bestehen feiern. Diese Feierlichkeiten wurden aber von der Geiselnahme von Beslan überschattet und abgesagt. Am 26. und 27. April 2006 war Tomsk Austragungsort der 8. deutsch-russischen Regierungskonsultationen, an denen auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und der russische Präsident Wladimir Putin teilnahmen.

Unser Hotel in Tomsk

Unser Hotel in Tomsk

Vom Auferstehungsberg, einem Hügel im Zentrum der Stadt schauen wir auf den mächtigen Fluss Tom, sehen Teile der Kosakenfestung, die als Stützpunkt zur Eroberung Sibiriens diente. Das Stadtmuseum mit dem alten Feuerturm ragt hoch über der Stadt. Noch ein paar kleine Zwischenstopps, dann fahren wir weiter entlang des Flusses Tom an Jurga (haben sie mir zu Ehren so genannt :)) vorbei nach Nowosibirsk. Es ist eine kleine Herausforderung, wieder in diese Millionenstadt zu gelangen. Wir fahren direkt zum Hotel und bekommen einen ganz besonderes Stellplatz für unsere Motorräder zugewiesen, den Innenhof. Der Außenparkplatz wird freigehalten, weil nach und nach die Teilnehmer der Rallye Paris-Peking mit ihren Fahrzeugen eintreffen. Dann checken wir ein. Reinhard und ich begutachten noch den Platz, auf dem wir am folgenden Tag die Motorräder und den Bus verladen werden. Etwas später kommt Andrej, der die Verladung vor Ort arrangiert hat und zusammen mit Irina fahren wir noch einmal auf den Parkplatz des Baumarktes Leroy Merlin. Wir sehen uns noch nach Hotz und Schrauben um, die wir für die Verladung brauchen und holen uns noch die Zustimmung des Filialleiters für unsere Aktion. Anschließend gehen wir noch für die zweitägige Bahnfahrt einkaufen und anschließend zum Bahnhof, um unsre Voucher für die Fahrt in Fahrscheine umzutauschen. Leider müssen wir den Weg zweimal machen, da wir für jeden Fahrschein auch den passenden Pass mit Visum vorlegen müssen. Ein Gute-Nacht-Bier und dann ist es auch gut für den Tag.

Nach dem Frühstück fahren wir im Konvoi zum Parkplatz und treffen dort auf Andrej und die beiden Lastwagen, mit denen wir unserer Fahrzeuge nach Moskau transportieren lassen wollen. Während Horst, Reinhard und ich mit Hilfe von Andrej und der Fahrer die Motorräder und den VW Bus auf die Lastwagen verladen, macht Irina mit der Gruppe einen Rundgang durch den Bahnhof und das Eisenbahnmuseum, anschließend eine Stadtrundfahrt durch Nowosibirsk und einen Ausflug nach Akademgorodok.

Akademgorodok ist ein 1957 errichteter Stadtteil von Nowosibirsk. Die Wissenschaftlerstadt liegt etwa 20 km südlich des Zentrums inmitten von Birken- und Pinienwäldern am Ufer des Ob-Stausees. Akademgorodok gilt als das wissenschaftliche Zentrum Sibiriens und ist der Sitz der Sibirischen Abteilung der Russischen Akademie der Wissenschaften. Zur Spitzenzeit sowjetischer Forschung war der Nowosibirsker Stadtteil Heimat von 65.000 Wissenschaftlern und ihrer Familien. Es war eine privilegierte Zone der akademischen Elite mit deutlich besserer Versorgung als an allen anderen Orten des Landes. Insgesamt wohnten hier etwa 200.000 Menschen. Der hier entwickelte Computer Kronos 2.6 wurde als einziges sowjetisches Modell in großer Serie hergestellt.

Akademgorodok

Akademgorodok

Nach dem Zerfall der Sowjetunion begann auch ein Niedergang von Akademgorodok, da viele Wissenschaftler die Institute Richtung Westeuropa oder USA verließen. Bis 1999 schrumpfte die Einwohnerzahl auf ca. 50.000. Das Städtchen genießt aber bis heute einen guten Ruf in Bereichen der Kernphysik und der Mikrobiologie. Im Umfeld der Universität haben sich im Laufe der Neunziger Jahre eine große Zahl von Softwarefirmen angesiedelt, die auf eine große Zahl gut ausgebildeter Mathematiker und Informatiker zurückgreifen können. So wurde, wohl vor allem im Westen und im Zuge der New Economy Euphorie in Anlehnung an Silicon Valley der Begriff „Silicon Taiga“ geprägt. Stopp am großen Eisenbahnmuseum auf dem Weg in die Stadt und am Rynok, dem ständigen Markt, dann kehren alle beeindruckt und geschafft ins Hotel zurück. Dort treffen sie auf uns „Verlader“, auch zufrieden und geschafft.

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