Motorradabenteuer 2017: Sibirien Spezial – Teil 16

Auf der Transsibirischen Eisenbahne, gibt’s gar viele….

Motorradabenteuer 2017Andrejs Bruder wartet verabredungsgemäß mit seinem Bus, um uns zum Bahnhof zu fahren. Es ist zwar nicht so weit, aber mit dem Gepäck deutlich komfortabler. Auch Irina ist da und begleitet uns. Vielleicht will sie sicher gehen, dass wir wirklich los kommen. Wir sind rechtzeitig da, müssen durch die Kontrollen am Eingang. Es dauert noch eine Weile bis auf der digitalen Anzeigentafel der Abfahrtbahnsteig angezeigt wird. Fahrt mit der Transsib Richtung Moskau, Abfahrt 05:38 Uhr Moskauer Zeit, entspricht 09:38 Uhr Ortszeit. Überaus sauber ist es hier, davon könnten wir uns eine Scheibe abschneiden. Als der Zug einläuft, höre ich die Bemerkung „Heute ist Freitag und wir haben Waggon 13, wenn das mal gut geht“. Am Ende wird es gut gehen, aber….

Wir verabschieden uns von Irina, die uns noch für die Fahrt eine Honigmelone mitgebracht hat, steigen nach Fahrkarten- und Passkontrolle in unsern Waggon und richten uns in unseren Abteilen ein. Kleine Tauschvorgänge noch, denn nicht jeder ist erfreut, einen russischsprachigen Mitreisenden im Abteil zu haben. Kein Problem für Reinhard und mich, denn Evgenij erweist sich als hochgebildeter junger Mann, mit dem wir uns hervorragend unterhalten und von dem wir noch viele interessante Details erfahren.

Von Nowosibirsk reisen wir über Omsk, Jekaterinburg und Perm mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Moskau. Endlos scheint sich die Landschaft hinzuziehen. Es gibt viele Menschen, die darüber nachgedacht haben, wie es eigentlich wäre, einmal eine Reise mit der Transsib auf der längsten Eisenbahnstrecke der Welt zu unternehmen, durch ganz Russland mit seinen Wäldern und Steppen in einem Zug zu fahren. Nach einer Motorradtour, die wir nun schon hinter uns haben, ist eine Zugreise die beste Art, diesen großen Teil der Welt zu erfahren. Russland mit der Transsibirischen Eisenbahn, das ist Reisen im Zeitraffer mit Ausblicken im Kinoformat. Selbst für mich, der sie nun schon in fast allen Variationen erlebt hat, ist es immer wieder neu. Frei nach Kurt Tucholsky: Russlands Schicksal: Vor dem Schalter zu stehen. Russlands Ideal: Hinter dem Schalter zu sitzen.

Die Eisenbahn ist auch heute noch in Russland das Beförderungsmittel schlechthin. Alle Fernzüge sind mit Schlafwagenabteilen ausgestattet. Die Fahrpläne sind so aufgebaut, dass Entfernungen von 400-600 km zumeist in einer Nacht bewältigt werden können. Alle Fernzüge verfügen über 2. und 3. Klasse Schlafwagen, viele bieten auch 1. Klasse Waggons an. Die Fahrkarten für einen bestimmten Zug und für ein bestimmtes Abteil in der entsprechenden Wagenklasse müssen vorab gebucht und gekauft werden. Es ist also nicht, wie in Deutschland möglich, eine Fahrkarte von A nach B zu lösen und dann in einen Zug der eigenen Wahl zu steigen. Dies liegt an den viel größeren Entfernungen, die in Russland zurückgelegt werden. Oft sind Passagiere tagelang unterwegs und so muss jeder seinen garantierten Schlafplatz haben. Dazu will die russische Bahn den Transport natürlich steuern. So sollen Passagiere, die nach Irkutsk reisen, möglichst den Zug „Baikal“ nach Perm nutzen und nicht den Zug „Rossia“, der bis Wladiwostok fährt. Die Plätze dieses Zuges sind den Passagieren vorbehalten, die erheblich weiter reisen als nach Irkutsk unweit des Baikalsees.

Die Buchung mit einem Bett hat noch einen Vorteil. Die Züge sind nie überfüllt. Es fahren maximal so viele Passagiere mit, wie es auch Betten in einem Zug gibt. Auf den Fahrkarten wird neben den allgemeinen Informationen wie Zugnummer, Abfahrts- und Ankunftszeiten, Nummer Waggon und Platznummer auch der Name und die Nummer des Reisepasses eingetragen. Das hat einen Vorteil, dass sich ein Diebstahl von Fahrkarten nicht lohnt und sollte man tatsächlich seine Fahrkarte im Vorwege verlieren, so kann bei Vorlage des Ausweises eine Ersatzfahrkarte ausgestellt werden.

Fast alle Fernzüge führen einen Restaurant-Waggon. Diese sind zumeist privatisiert, was zur Folge hatte, dass der Service dort zumeist erheblich besser geworden ist, denn nun bemüht das Personal sich um die Kunden. Trotzdem gilt: Man sollte nur das bestellen, was auch auf der Menükarte mit Preis ausgeschrieben ist. Sonderbestellungen können teuer werden. Die Preise auf der Speisekarte sind immer in Rubel ausgeschrieben, hinzu kommen die Grammzahlen. So steht dort beispielsweise: Schweinefleisch, 150 gr. Rubel 180,00.

Das heißt also nicht, dass das georderte Steak 180,00 Rubel kosten muss, wiegt es das Doppelte, dann wird auf der Rechnung Rubel 360,00 stehen. Alle Waggons haben mindestens zwei Toiletten. Jeweils vor den Toiletten befinden sich die Müllbehälter. Die Waggons der Züge des gehobenen Komforts sind klimatisiert, haben einen Samowar mit heißem Wasser für Getränke und sind mit jeweils zwei Zugbegleitern besetzt, sodass es rund um die Uhr einen Ansprechpartner im Waggon gibt. Die Zugbegleiter sind dafür verantwortlich, Bettwäsche zu verteilen, Passagiere auf das Erreichen des Zielbahnhofes hinzuweisen und sie sind für die Sauberkeit im Waggon zuständig. Bei ihnen kann man auch Kaffee oder Tee kaufen und kleine Snacks.

In Russland gibt es so genannte sanitäre Zonen, die zumeist unmittelbar um große Städte liegen. In diesen Zonen darf die Toilette nicht genutzt werden. Ein Plan, von wann bis wann die Toilette verschlossen ist, hängt jeweils an der Toilettentür aus oder ist beim Zugbegleiter zu erfahren. Das Wasser in den Waschräumen sollte besser nicht getrunken werden. Es macht Sinn, Wasser mit auf die Reise zu nehmen, das man auch zum Zähneputzen nutzen sollte.

Die Bettwäsche besteht aus Bettlaken, Bettdecke und Kopfkissen, es stehen immer genügend Decken zur Verfügung. Weiter gibt es Handtücher und Seife für jeden Passagier. Die Abteile können von innen verschlossen werden. Wenn man das Abteil verlässt und keine weitere Person sich mehr im Abteil befindet, so sollte man zunächst die Tür verriegeln und dann von außen zuschließen lassen. Bei der Rückkehr öffnet der Zugbegleiter. In allen Fernzügen fahren zwei Bahnpolizisten mit, die auch für die Sicherheit sorgen. Diebstähle oder sogar Überfälle auf Touristen sind nahezu unbekannt. Trotzdem ist natürlich die übliche Wachsamkeit zu empfehlen. In allen Waggons stehen 220 V Anschlüsse zur Verfügung.

Alle Zeiten der Fahrpläne und auf den Fahrkarten in Russland sind in Moskauer Zeit angegeben. Auch die Uhren auf den Bahnhöfen zeigen die Moskau Zeit. So liest man beispielsweise in Krasnojarsk, dass die Abfahrt des Zuges um 05.38 Uhr sein wird, was aber bedeutet, dass der Zug um 09:38 Uhr Ortszeit abfahren wird. Nowosibirsk hat +4 Stunden zu Moskau.

Mit der Transsib begann die Unterwerfung der russischen Taiga. Ob Glanz und Gloria der Zaren, Oktoberrevolution, Stalinismus oder der Zerfall des Sowjetimperiums und der kapitalistische Aufbruch ins neue Russland: Die Transsib hat jeder Epoche als zentrale Verkehrsader des Riesenreichs genutzt. Russland ohne Transsib, das wäre wie die russische Seele ohne Salz und Brot – und den Wodka hinterher. Undenkbar.

Zu Anfang unserer Fahrt waren wir wieder im Westsibirischen Tiefland unterwegs. Die Taiga scheint nie und nirgendwo zu enden. Kleine Dörfer huschen vorbei. Reisen pur, Zug um Zug Entfernung oder Annäherung und Herantasten an ein ungewöhnliches Land. Dazwischen flüchtige und intensive Eindrücke, Begegnungen mit Menschen und Landschaften, wie sie authentischer kaum sein können. Ein Obelisk mitten im Ural markiert die geografische Grenze zweier Kontinente. Vor uns liegt wieder Europa. Was machen die Menschen dort? Es gibt genügend Zeit zum Philosophieren, zum Träumen.

Die klassische Route der Transsibirischen Eisenbahn führt von Moskau nach Wladiwostok. Der Schnellzug Nr. 2 benötigt für die 9.258 Kilometer lange Strecke von der russischen Hauptstadt bis an den Pazifik genau 6 Tage, 5 Stunden und 19 Minuten. Die Transsib ist eine der berühmtesten Architektur- und Ingenieurbauten vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Keine Eisenbahn in der Geschichte der Menschheit wurde so schnell errichtet: etwa 650 km wurden jährlich gebaut. 1891 wurde mit dem Bau angefangen, sieben Jahre später konnten die Züge schon den ganzen Weg von Europa nach Asien fahren.

Karte

Die Transsibirische Eisenbahn wurde unter äußerst schweren Klimabedingungen gebaut. Der größte Teil der Strecke führte durch unbesiedelte Gegenden mit dichten Wäldern. Unterwegs passiert die Eisenbahn große sibirische Flüsse und Seen, Sumpf- und Permafrostgebiete. Der Teil der Eisenbahn rund um den Baikalsee von Port Baikal zur Station Mysowaja wurde zur kompliziertesten Strecke. Felsen mussten gesprengt, Tunnel gebaut und viele Hilfskonstruktionen errichtet werden, die große Investitionen erforderten.

Wir gewöhnen uns langsam an den Rhythmus der Schienenmelodie, lesen, dösen, schlafen, schwatzen, trinken Tee oder Kaffee mit dem heißen Wasser aus dem Samowar. Bei den längeren Aufenthalten machen wir einen Ausflug auf den Bahnsteig, um uns die Beine zu vertreten, umzusehen, Kleinigkeiten einzukaufen. Nur auf den kleineren Bahnhöfen im Osten sind noch die Babuschkas, die Omas mit ihren umfunktionierten ehemaligen Kinderwagen unterwegs, um ihre selbstgemachten Speisen und Produkte aus den Gärten anzubieten. Nach Westen hin hört das auf. Da gibt es nur noch „offizielle“ Kioske. Da die Bahn unterschiedlich lange hält und ohne Pfiff wieder abfährt, hatten Reinhard und ich mehrfach darauf hingewiesen, dass erstens immer jemand im Bereich unserer Abteile zurückbleiben und zweitens beim Aussteigen jede(r) den Pass, sein Geld und sein Handy bei sich haben sollte. Wie war anfangs noch die Bemerkung gewesen: „Heute ist Freitag und wir haben Waggon 13, wenn das mal gut geht?“ Und es kommt, wie es kommen musste – zwei sind bei der Weiterfahrt des Zuges in Jekaterinburg nicht da!!!

Reinhard und ich informieren die Zugbegleiterin, die wiederum ihren Vorgesetzten Infomiert. Wir geben die entsprechenden Daten weiter und stellen dabei fest, dass zumindest ein Pass und ein Handy im Abteil sind. Keine Chance, jemanden zu erreichen. Also abwarten und hoffen.

Einige Zeit später bekommen wir die Nachricht, dass die Beiden gefunden wurden und nun mit einem anderen Zug auf dem Weg nach Moskau seien. Bei dieser Aktion haben die Beiden mehr Glück als Verstand. Als sie zum Bahnsteig gelangten und den Zug nicht vorfanden, glaubten sie zunächst, sich im Bahnsteig geirrt zu haben. Aber auch auf den anderen Bahnsteigen stand kein abfahrtbereiter Zug! Dabei laufen sie Kostja in die Arme, einem Freund von Olga und Stefan, der ihnen weiterhilft. Ohne gültige Papiere hätten sie keine Fahrkarte bekommen. Und Ersatzpapiere hätte es frühestens zwei Tage später am darauffolgenden Montag auf dem deutschen Konsulat in Jekaterinburg gegeben. Und so erfahren wir einige Zeit später, dass sie etwa vier Stunden nach uns in Moskau ankommen würden.

Wir setzen also unsere Reise im Zug fort. Reinhard und ich gehen zwischendurch in den Speisewagen, um für den Abend ein Essen zu bestellen. Das ist nicht so ganz einfach, denn die Crew hat schon ein wenig gefeiert und ist nicht sonderlich motiviert. Aber es gelingt uns unseren Wunsch vorzubringen und ihnen auch zu verdeutlichen, dass wir erst nach dem Essen zahlen würden. Bevor wir zum Abend wieder im Wagen Platz nehmen, übrigens in zwei Schichten, denn mehr Sitzplätze standen nicht zur Verfügung, kommt die Bedienung noch zweimal zu unserem Abteil, um nachzufragen, ob wir das Ganze nicht doch lieber zum Mittagessen machen wollten oder ob wir denn auch ganz sicher kommen würden. Wie Reinhard und ich vorausgesagt hatten, wären wir besser bedient gewesen, wenn wir uns aus unseren Vorräten versorgt hätten, ergänzt durch die Angebote vom Bahnsteig.

Schließlich erreichen wir den Jaroslawler Bahnhof. Igor erwartet uns dort schon, er begleitet uns mit dem Bus zum Hotel und wird auch mittags die Stadtrundfahrt mit uns machen. Nachdem wir gefrühstückt haben, macht sich Reinhard mit der Metro wieder auf den Weg zum Bahnhof – einem anderen übrigens – um unsere „Ausflügler“ abzuholen.

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