Von Kopf bis Fuß. Eine Produktionserfahrung mit MOTTOUREN

Von Kopf bis Fuß

Es gibt nur noch wenige Orte, an denen in Deutschland Motorräder und Zubehör hergestellt werden. Ein Besuch ist immer eine Reise wert!

Wir hätten zu Fuß gehen können, denn unser Ziel ist von unserem Hotel aus nahezu fußläufig. Doch an diesen Ort wollen wir unbedingt mit unseren Motorrädern anreisen. Kurz vor 9.00 Uhr parken wir also die Motorräder unweit des Werktors vom BMW Motorradwerk in Berlin Spandau und harren der Dinge, die da auf uns zukommen.

Auf einer Reise durch Deutschlands Osten wollen wir uns drei Produktionsorte ansehen, die mit Motorrädern und Zubehör Made in Germany zu tun haben: die Herstellung von BMW-Motorrädern in Berlin-Spandau, die Produktion von Motorradhelmen bei Schuberth in Magdeburg/ Sachsen-Anhalt und das „Backen“ von Reifen in Heidenau in Sachsen. Dazu noch das Motorradmuseum in Zschopau, das Uhrenmuseum in Glashütte und einige weitere interessante Orte, die etwas mit Motorrädern, zumindest im weiteren Sinne mit Technik zu tun haben. Und das Ganze eingebettet in eine eindrucksvolle Fahrt durch die östlichen Bundesländer mit dem Wendepunkt Sächsische Schweiz, erneut auf interessanten Straßen, wieder einmal quer zu sonst üblichen Wegen.

Tiefflug – Abflug

Am Tag vorher waren wir morgens in Hamburg gestartet. Natürlich zog es sich eine Weile hin, bis wir das Stadtgebiet verlassen hatten. Ortschaften und diverse runde Schilder regelten noch eine Zeitlang unsere Geschwindigkeit deutlich nach unten. Aber spätestens hinter Lauenburg begann es wieder Spaß zu machen. Die dann folgende B195 zwischen Boizenburg und Dömitz ist eine der schönsten Motorradstrecken in dieser Gegend. Für einige aber mit fatalen Folgen. Farbige Rollstühle und Helme an der Strecke weisen darauf hin. Ein Zwischenstopp in Kaarßen im Motorradtreff „Bei TANIA“ nimmt Geschwindigkeit raus und bringt einen guten Kaffee in den Bauch. Danach Mut zur Lücke. Vorbei an der „Dorfrepublik Rüterberg“, der Festung in Dömitz und der Burg Lenzen stoppen wir erst wieder in Wittenberge am Uhrenturm des ehemaligen Nähmaschinenwerkes Singer/Veritas. Die Errichtung von Wasserbehältern für die Versorgung der Nähmaschinenfabrik mit Brauchwasser und für den Feuerschutz war 1928 Anlass für den Bau des Uhrenturmes. Expressionismus und die Neue Sachlichkeit beeinflussten seine architektonischen Formen. Der gelb verputzte Turm ist die größte freistehende Turmuhr auf dem europäischen Festland. In dieser Nähmaschinenfabrik wurden bis Mai 1945 die „Singer“-Nähmaschinen hergestellt. Während der DDR-Zeit hießen die Nähmaschinen dann „VERITAS“ und „Naumann“. Das VEB Nähmaschinenwerkes Wittenberge entwickelte sich zur modernsten Nähmaschinenfabrik der Welt, die bis zu ihrer Liquidation 1992 existierte. Industrieruinen zeigen heute noch den gewaltigen Einbruch, den der Industriesektor in Wittenberge nach der Wende erlebte.

Einen gewaltigen Einbruch erlebte die Region auch mit dem Hochwasser der Elbe Anfang Juni 2013. Spuren davon sind in der Brandenburgischen Elbaue immer noch zu sehen.

Rühstädt mit seinen zahlreichen Storchennestern und das sehenswerte Havelberg mit seinem eindrucksvollen romanischen Dom interessieren uns dieses Mal eher am Rande, denn wir sind mehr auf Technik aus. Also schlängeln wir uns durch das Rhinluch zum Sto¨llner Flugplatz am Gollenberg. Hier startete Otto Lilienthal ab Ostern 1894 regelmäßig mit seinen Erprobungsflügen, bis er dort am 9. August 1896 endgültig abstürzte. Aber auch danach blieb der Gollenberg ein beliebter Ausgangspunkt für Segel- und Motorflieger.

Noch einmal wurde dieser Ort weltweit bekannt, als dort im Oktober 1989 der Pilot Heinz-Dieter Kallbach mit der ersten geplanten Landung einer IL 62 auf einer weniger als 900 m langen Graspiste landete. In dem Langstreckenjet der ehemaligen DDR Fluglinie Interflug „Lady Agnes“, so nach Lilienthals Ehefrau genannt, kann man heute einen Film über die spektakuläre Landung und eine Ausstellung über Otto Lilienthal sehen.

Wir werden schon erwartet. Freunde aus anderen Teilen der Republik, die mit uns die Tour fahren wollten, halten schon nach uns Ausschau. Nach einem kleinen Imbiss und ein paar Fotos cruisen wir weiter durch das Havella¨ndische Luch nach Berlin, allerdings nicht ohne in Ribbeck unweit des Birnbaums eine Kaffeepause einzulegen. Den Abend beschließen wir bei leckerem Essen und mehreren guten Bieren im Spandauer Brauhaus.

BMW Motorenwerke

Spannendes in Spandau

Nun stehen wir also vor dem Tor des BMW Motorradwerks. Andreas, der für die Besuche im Werk zuständig ist, kommt selbst, um uns abzuholen. Vordergründig, denn er will auch sehen, womit ich dieses Mal da bin. Klar interessiert ihn das. Hatte ich beim letzten Mal noch eine Tiger vor die Höhle des Löwen geführt, bin ich dieses Mal „standesgemäß“ mit einer 800 GS unterwegs, allerdings in einer von Touratech deutlich modifizierten Version. Am Werkschutz vorbei ist es nur ein kurzer Weg zum Besucherzentrum. Ein Kaffee zur Begrüßung, dann gibt es einen einführenden Vortrag und ein paar Anweisungen für den folgenden Rundgang: Keine Fotos unterwegs, die gelbe Linie nicht überschreiten und nichts anfassen. Na gut, es gibt ja noch mehr Möglichkeiten, Eindrücke aufzunehmen.

Wie im Münchener Stammwerk begann auch hier die BMW AG mit dem Bau von Flugmotoren, unter anderem für die legendäre Ju 52. Ab 1949 wurden die ersten Teile für die damals in München ansässige Motorradfertigung produziert. Nach und nach kam dann die Motorradfertigung vollständig nach Berlin. 1958 wurde der Rahmenbau in Betrieb genommen und 1967 die Motorradmontage eingeweiht. Als erstes BMW Motorrad aus Berlin rollte eine BMW R 60/2 vom Band. Seit 1969 wurde das Werk Berlin endgültig zum Motorradwerk, weltweit der einzigen Produktionsstätte für BMW Motorräder und BMW Maxi-Scooter.

Es ist schon beeindruckend, was wir da zu sehen bekommen, einschließlich des abschließenden Testlaufs. Fragen können gestellt werden und sie werden auch alle, na ja, fast alle, beantwortet. Ein kleiner Schwatz hinterher, dann sammeln wir unser Sachen inklusive der Kameras und Mobiltelefone (mit Kameras) ein und werden noch zum Tor begleitet und verabschiedet. Dort wartet dann schon eine weitere Besuchergruppe auf ihren Rundgang im BMW Werk. Noch ein Gruppenfoto vor dem Tor, dann schwingen wir uns wieder auf die Motorräder.Berlin verlassen wir durch den Grunewald nach Südwesten. Da es inzwischen Mittag geworden ist, bietet sich eine Pause an der Spinnerbru¨cke an, dem Berliner Motorradtreff an. Erstaunlich, es ist Montagmittag und der Laden ist voll. Im Nu haben wir unser Essen, Preis – Leistung stimmt, noch eine Kaffee hinterher, dann fahren wir weiter. An den Gespra¨chsfetzen, die zu uns heru¨berwehen, wird uns schnell klar, dass dieser Ort trägt nicht zu Unrecht seinen Namen bekommen hat.

Spinner Brücke

Entlang der B1

Ein kurzes Stück weiter erreichen wir die B1 und fahren über die Ko¨nigsstraße Richtung Potsdam. Einen Stopp legen wir aber ein, als wir die Glienicker Brücke erreichen.

Hier wurden zu Zeiten des Kalten Krieges die Agenten ausgetauscht. Kulisse für spannende Spionagefilme. Die alten Grenzgeba¨ude sind mittlerweile ganz verschwunden. Unter uns zieht ein Ausflugsdampfer seine Bahn.

Durch Potsdam, das alleine einen Besuch wert ist, und das Obstanbaugebiet um Werder gelangen wir zum Otto Lilienthal- Denkmal auf dem Windmu¨hlenberg zwischen Krielow und Derwitz. Es erinnert an den Flugpionier, der auf dem Windmu¨hlenberg seine ersten Gleitflüge unternahm. Hier, in Sichtweite der B1, erhob sich Otto Lilienthal in einem Gestell aus Weidenruten und gelacktem Baumwollstoff erstmals in die Lüfte und erreichte Gleitflugstrecken von 25 Metern.

Fahrt entlang der B1 nach Brandenburg: Trabbis, Verfall und neuer Anfang, alte Versprechen und begrenztes Abenteuer, Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, Graffiti- Frust und Havelidylle. Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg kommen in Erinnerung.

Ein kleiner Abstecher bringt uns zum Wasserstraßenkreuz Magdeburg. Sein Mittelpunkt ist die Kanalbrücke Magdeburg, die als Trogbrücke den Mittellandkanal über die Elbe hinweg führt und im Elbe-Havel- Kanal fortgesetzt wird. Bis zur Eröffnung der Kanalbrücke und der Schleuse im Oktober 2003 mussten die Schiffe, die vom Mittellandkanal zum Elbe-Havel-Kanal oder umgekehrt wollten, einen 12 km langen Umweg über die Schleuse Rothensee, die Elbe und die Schleuse Niegripp in Kauf nehmen. Die Planungen für das Wasserstraßenkreuzes gehen auf den Anfang des 20. Jhdts. zurück. Widerlager, Pfeilergründungen und vier Bögen der Kanalbrücke waren 1942 bereits weitgehend fertig gestellt, als kriegsbedingt ein Baustopp erfolgte. Die DDR hatte kein großes Interesse an einer Ost-West-Verbindung und die Kosten wären für ihren Staatshaushalt viel zu hoch gewesen. Kurz nach der Wende war ich noch auf meiner ersten Elbtour mit meiner GS um die Brückenwiderlager herumgecrosst, die über 60 Jahre an beiden Ufern des Flusses standen.

An diesem Abend übernachten wir in Sachsen-Anhalts Hauptstadt Magdeburg im Hundertwasser-Haus, völlig konträr zu aller klaren Technik. Die „Grüne Zitadelle“ ist ein Wohn- und Geschäftshaus, das 2005 fertiggestellt wurde. Durch die unmittelbare Nähe zum Domplatz und zum Landtag war der Bau nicht unumstritten. Es ist das letzte Projekt, an dem Hundertwasser vor seinem Tod gearbeitet hat: „Die Natur kennt keine geraden Linien oder rechte Winkel.“ Goldene Kugeln auf den Türmen, „tanzende Fenster“, Blumenwiesen auf den Dächern sollen inspirieren und „Melodien für die Füße“ sollen die Besucher beschwingt durch die Innenhöfe tragen. Wir beschließen den Abend aber auf geradem Terrain mit einem kühlen Bier und leckerem Essen.

Mehr als nur Klapphelme

Am nächsten Morgen fahren wir – zum Glück – gegen den Verkehrsstrom zu unserer Betriebserkundung zu Schuberth. Robert Lehmann aus dem Marketingbereich nimmt uns in Empfang und führt uns zusammen mit dem Product Manager Thomas Schulz durch die Anlage.

F1-Helme

Die Firma Schuberth GmbH, 1922 in Braunschweig als Familienunternehmen gegründet, stellt Kopfschutzsysteme her. Helme würden wir vereinfacht sagen. Aber es sind nicht nur Motorradhelme, die unter eigenem Label laufen, auch für die Scuderia Ferrari und andere wird produziert. Seit den 1940er Jahren werden auch Helme entwickelt und angefertigt, die bei Polizei, Militär, Feuerwehr und im Bereich Arbeitsschutz Anwendung finden. Es werden Schutzhelme aus Kunststoff und Textilgewebe für alle Einsatzgebiete hergestellt. Unter dem Slogan „Perfektion ist Kopfsache“, so Robert Lehmann, ist Schuberth auch Ausrüster der Formel 1 Fahrer Nico Rosberg, Fernando Alonso, Nico Hülkenberg und Jules Bianchi.
Für die Entwicklung hat Schuberth als einziger Helmhersteller weltweit ein eigenes Forschungszentrum errichtet, mit einem Aerokustikkanal, in dem Helme auf ihre Aerodynamik sowie „Lautstärke“ überprüft werden. Dieser befindet sich noch am alten Standort in Braunschweig. Das Vorzeigeprodukt ist der Motorradhelm C3 Pro, der auch als Women Version produziert wird. Mit einem Preis ab rund 600 Euro ist er der Premiumklasse zuzuordnen.

Motorradelhelme - Hetstellung

Er ist mit 84 Dezibel bei 100 Stundenkilometern einer der leisesten Helme überhaupt. Beim Rundgang wird uns spätestens klar, warum bei solch hohem Anteil von Handarbeit ein guter Helm, insbesondere auch ein Klapphelm, seinen Preis haben muss. Heute hat Schuberth in Deutschland einen Marktanteil von knapp 20 Prozent und bei Klapphelmen sogar von etwa 80 Prozent. Das Unternehmen gehört neben Shoei und Arai zu den führenden Marken in Deutschland, wobei Schuberth in der Premiumklasse ab 500 Euro mit Abstand den höchsten Marktanteil hat. „Auch Kunststoffe altern“, so Thomas Schulz, „deswegen, so schmerzhaft es für den einen oder anderen auch finanziell sein mag, nach fünf bis sieben Jahren sollte ein Helm ersetzt werden. Nicht den Kopf riskieren, das ist schmerzhafter.“

In verschiedenen Bereichen gehört Schuberth zu den Vorreitern der Brache: bei den Klapphelmen, der integrierten Sonnenblende, auch das SRC-System™ – Schuberth Rider Communication System als Ergebnis einer Kooperation mit Cardo, dem marktführenden Hersteller von Bluetooth®-gestützten Kommunikationssystemen gehört dazu.

Nach so vielen technischen Eindrücken wird es wieder Zeit, dass wir die Straße sehen: Hit the road, Jack. Abseits der großen Straßen schlängeln wir uns wieder durch Gebiete und Orte, den meisten von uns unbekannt sind: Biosphärenreservat Mittelelbe, Oranienbaum, Dübener Heide, Gneisenaustadt Schildau, Meißen mit der Porzellanmanufaktur. Alle diese Orte und Landschaften haben viel mit deutscher Geschichte zu tun und sind sicher einen eigenen Besuch wert. Dann Dresden. Als wir dort auf einen Kaffee stoppen, stellt sich heraus, dass viele von uns dort noch nie gewesen waren! Also parken wir die Motorräder und machen einen kurzen Rundgang, um zumindest Ortsbezeichnungen mit einem Bild zu verbinden. Das sollte doch noch mal in absehbarer Zukunft ausführlicher wiederholt werden. Dann über das „Blaue Wunder“ hinaus aus der Stadt und zum Abschluss noch ein paar wunderschöne Kurven auf dem Weg zur Burg Hohnstein. Dort beziehen wir dann, später als geplant, unser Quartier für die nächsten Tage.

Begegnungen im Elbsandsteingebirge

Die Burg Hohnstein thront als Wahrzeichen über der gleichnamigen Kleinstadt. Im Mittelalter errichtet, diente sie verschiedenen sächsischen Adligen als Jagdsitz. Ab 1925 wurde die Burg zur Jugendherberge und galt als schönste und größte in Deutschland. Nach der Burg Hohnstein ist auch die Puppenbühne Hohnsteiner Kasper benannt. Auf lebte die Spielgruppe zeitweise ab 1928 lebten und dort präsentierten sie auch ihre ersten Aufführungen. 1933 mussten die Puppenspieler die Burg verlassen und die Jugendherberge wurde geschlossen.

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde sie nun als Konzentrationslager für so genannte „Schutzhäftlinge“ verwendet. Etwa 5.600 politische Gefangene waren hier untergebracht. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Burg Kriegsgefangenenlager, danach Zufluchtsort für Flüchtlinge. Später wurde sie wieder Jugendherberge, die größte der DDR. Gegen Ende der SED-Herrschaft war geplant, gut 900 „Wir sind das Volk“-Aktivisten hier zu internieren. Der Zugang zur Burg ist nur über den Marktplatz von Hohnstein möglich. Wir lassen es uns natürlich nicht nehmen, mit den Motorrädern über die großen Sandsteinplatten bis oben auf den Burghof zu fahren. Dort werden wir schon von Josi und dem „Burgherrn“ Steffen Kunzelmann erwartet und freudig begrüßt. Nach einem „Stiefelbier“ beziehen wir unsere Zimmer und gehen dann zum Abendessen.

Als Überraschungsgast stößt Bernd Arnold zu uns, ich von gemeinsamen Veranstaltungen in Hamburg kenne. Er ist einer der bekanntesten Bergsteiger Deutschlands und wurde durch eine Vielzahl schwieriger Erstbegehungen von Kletterwegen in der Sächsischen Schweiz bekannt. Eine Besonderheit von ihm ist, dass er fast immer barfuß klettert. Auch einige der schwierigsten Routen hat er ohne Kletterschuhe begangen. Zum Besuch bei uns hat er aber Schuhe an. Und die nutzt er auch, als wir ihn noch zu einem abendlichen Rundgang mit uns durch seinen Heimatort überreden können.

Gleich nach dem Frühstück fahren wir zur Bastei. Nach der Kurvenfahrt von Burg Hohnstein hinunter und auf der anderen Seite zügig hinauf sind alle wach. Früh zur Bastei zu fahren, geht gerade noch, denn wenn die Busse alle kommen, ist auf der Aussichtsplattform über der Elbe großes Gedrängel angesagt.

Wir blicken hinunter auf die Elbe, auf das großartige Panorama, das sich uns bietet und auf die Felsen nebenan – mit Glück sind da auch schon Kletterer im Gange.

Weiter geht es hinunter nach Bad Schandau, das rechts der Elbe direkt im Elbsandsteingebirge liegt. Bei Schmilka und Hrensko/ Herrnkretschen überqueren wir dann die Grenze nach Tschechien. Hier ist es zunächst voll, ein Stau, verursacht durch Einkaufstourismus. Bloß schnell weiter!

Aus einer mächtigen Sandsteinplatte und durch vulkanische Tätigkeit entstand hier eine Fülle von eindrucksvollen Felsformationen. Auf kleinen Straßen geht es ausgesprochen kurvenreich um die mit dichtem Wald bedeckten Felsen der „Böhmisch-Sächsischen Schweiz“ herum. Wir toben uns in einem Gebiet aus, das für europäische Verhältnisse eher spärlich besiedelt ist und passieren eine Reihe von interessanten Naturdenkmälern wie das Prebischtor, das größte dieser Art in Europa und den Zlatý vrch, auf Deutsch Goldberg, der als Steinbruch diente. Seine Basaltsäulen wurden bis in den Hamburger Hafen geliefert. Die wohl beeindruckendste Basaltformation ist die Teufelsorgel bei Panská skála.

Bei Ceska Lipa im Tal zwischen Svitava und Velenice befinden sich einige beeindruckende Höhlen. Was dort in den Sandstein gehauen wurde, diente früher dem Abbau von Sand für das Schleifen in einer Spiegelfabrik und beim Glashandwerk. Die größte dieser Höhlen beherbergt heute eine „Gaststätte für Motorradfahrer“, die Bikerhöhle. Das ganze Jahr herrschen hier kühle 12° C. Das Besondere daran ist, dass man mit seinem Motorrad direkt in die Höhle an den Tresen fahren kann – wenn man das denn haben muss.

Auf kleinen Straßen schlängeln wir uns am Fluss Polzen entlang nach Nordwesten. Die Ploucnice gehört eher zu den kleineren Flüssen der Region, aber auch zu den interessantesten. Er ist nicht nur bei Wassersportlern beliebt und bei denen, die sich für die Geschichte technischer Errungenschaften interessieren, auch die Fahrt auf der 626 durch die Polzener Schlucht macht Spaß.

Decin/Tetschen gilt als Einfallstor nach Böhmen, mit einem imposanten Schloss am rechten Ufer und der Schäferwand, einem hohen Felsen, am linken Ufer der Elbe, die hier noch Labe heißt.

Wir folgen der Elbe stromabwärts auf der alten „Salzstraße“, über die damals Böhmen mit Salz versorgt wurde. Es geht wieder der deutschen Grenze entgegen. Schon bald gelangen wir in einen der größten Canyons Europas. Gut 15 Kilometer lang ist diese Schlucht. Zu beiden Seiten des Flusses steigen Felswände bis 300 m steil nach oben. Durch diese zerklüftete Landschaft windet sich die Elbe von Südosten nach Nordwesten. Bei Schmilka überqueren wir dann die Grenze nach Deutschland. Wir sehen wieder die Tafelberge aus Sandstein, die hier nicht Berge, sondern Steine genannt werden: den Lilienstein, die Affensteine, die Schrammsteine oder auch den Königstein, der die größte Festung Deutschlands trägt. Bald danach sind wieder an unserer Übernachtungsburg, auf dem Hohnstein.

Reifenherstellung

Betriebserkundung Reifen Heidenau

Um 9:30 Uhr sind wir in Heidenau verabredet. Also noch einmal die Serpentinen von Hohnstein runter und auf der anderen Seite wieder hoch. Das geht schon sichtlich besser als am Vortag. Über Dorf Wehlen und Mockethal erreichen wir Pirna, blicken auf die über der Elbe liegende ehemalige Festung Schloss Sonnenstein. Dort wurden zwischen 1940 und 1941 unter dem beschönenden Namen „Euthanasie“ fast 14.000 Menschen durch Nationalsozialisten umgebracht. Die Gedenkstätte Pirna Sonnenstein erinnert daran. Eine kurze Strecke weiter erreichen wir in Heidenau die Einfahrt zum Reifenwerk. Die Pförtnerbude ist unbesetzt, wir rollen weiter zu Eingang. Während wir einparken, kommen schon Pierre Schäffer, der den Vertrieb leitet und Thomas Schönherr heraus, um uns zu begrüßen. Wir kennen uns schon seit Jahren und so war es auch kein Problem, einen Besuchstermin zu verabreden. Thomas ist für Marketing im Unternehmen zuständig und wird uns mit einem weiteren Kollegen einen Einblick in die Reifenproduktion ermöglichen.

Reifenproduktion

Ursprünglich stellte das 1946 gegründete Unternehmen Gummiformartikel her. Dann wurden PKW-Reifen der Marke HEIDENAU und Fahrradreifen gefertigt. 1969 wurde das Reifenwerk Heidenau in das VEB „Pneumant“ Kombinat eingegliedert, das die gesamte ostdeutsche Reifenindustrie vereinigte. Bis 1994 wurden dann im Reifenwerk Heidenau alle Moped- und Motorradreifen der Marke Pneumant gefertigt.

Nach der Wende entstand 1994 die Reifenwerk Heidenau GmbH & Co. KG mit Produktionsschwerpunkt Zweirad-, Kartund Spezialbereifung. „Höchste Qualität und Flexibilität ist unser Firmenprinzip“, erläutert Thomas, „wir verfolgen sehr aufmerksam Veränderungen am Markt und können auch zügig auf neue Trends reagieren.“ Dennoch werden auch traditionelle Kunden bedient und so wird weiterhin die Originalbereifung für Trabbis, Barkas und Multicar hergestellt. „Flexibilität wird bei uns groß geschrieben“, so Thomas, „dadurch können wir auch schnell auf spezifische Anforderungen eingehen, individueller Lösungen erarbeiten und auch kleine Losgrößen fertigen.“ Gestartet mit 35 Produkten im Jahre 1993 wird heute ein Sortiment von 550 Reifenausführungen für unterschiedlichste Anwendungsbereiche angeboten. Dafür steht auch die Entwicklung des K60 Scout als Allround-Reifen für Großenduros, der in Sachen Nasshaftung und Kurvenstabilität eine Verbesserung der Fahreigenschaften ermöglicht. Das kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen, bin ich doch auf diesen Reifen sicher auf Endurostrecken in den Westalpen und innerhalb Russlands zwischen Karelien und dem Baikalsee unterwegs gewesen. Nicht nur aus diesem Grunde ist es für uns alle höchst interessant, den Ablauf einer Reifenherstellung zu sehen. Und wir sind bei unserem Rundgang hautnah dran. Wir sind von der Atmosphäre beeindruckt, nehmen Gerüche, Geräusche und Temperaturunterschiede sehr intensiv wahr: „denkt dran“, sagt Thomas zum Abschied, „rund, schwarz und das Profil außen ist nicht alles.“

Nachdem wir gesehen haben, wie Reifen „gebacken“ werden und wie das riecht, fahren wir wieder abseits der großen Straßen durch den westlichen Teil des Elbsandsteingebirges und den östlichen Teil des Erzgebirges. Dabei passieren wir Schloss Weesenstein, das sich auf einem Felsvorsprung über dem Tal der Müglitz erhebt. Während des Zweiten Weltkrieges war das Schloss ein Depot für etwa zahlreiche Kunstschätze der Dresdner Museen, da es auch Sitz des „Sonderbeauftragten des Führers“ für das „Führermuseum“ in Linz war. Schließlich erreichen wir Seiffen, wo wir eine ungewöhnliche Motorradmanufaktur besuchen.

Tacho

Seiffen ist das Zentrum der erzgebirgischen Holzschnitzkunst. Die Kirche mit ihrem achteckigen Grundriss prägt das Ortsbild des ehemaligen Bergbaudorfes. Mit dem Niedergang des Bergbaus zwang die wirtschaftliche Not die Bergleute, sich der Holzbearbeitung zuzuwenden. Holzspielzeug wurde ein neuer Gewerbezweig.

Viele MotorräderSeit Anfang des 20. Jahrhunderts wurden zunehmend miniaturisierte Figuren, Häuser und Fahrzeuge hergestellt. Eine Spezialität wurden die Raachermannel, wie die Räuchermännchen erzgebirgisch heißen. Sie dienen zum Abbrennen von Räucherkerzchen. Gerd Hofmann, selber begeisterter Motorradfahrer, hat sich schon seit Jahren der Herstellung von Räuchermotorrädern aus Holz verschrieben. Wir besuchen „die kleinste Motorradschmiede Sachsens“ vor Ort in Seiffen und lassen uns den Produktionsweg zeigen. Klar, dass dann das eine oder andere Räuchermotorrad seinen Weg nach Norden findet. Auf dem Rückweg stoppen wir noch auf eine Kaffeepause bei Tilo Franke im Landhotel Flöhatal.

Faszination Zeit und wie tickte MZ

Einen Tag haben wir noch, bevor wir uns auf den Rückweg machen wollen. Technik wurde und wird in Sachsen schon immer groß geschrieben. Um etwas davon zu erleben, schlängeln wir uns zunächst auf kleinen Berg- und Talstraßen nach Glashütte. Unter dem Motto „Faszination Zeit – Zeit erleben“ zeigt das Deutsche Uhrenmuseum in Glashütte nicht nur die hohe Uhrmacherkunst, sondern ermöglicht uns auch einen Zugang zum Phänomen Zeit. Taschen-, Armband- und Pendeluhren aus verschiedenen Epochen, Marinechronometer, Werkzeuge und Werkbänke, Urkunden und Patente sowie astronomische Modelle und Metronome werden in Szene gesetzt, ebenso die Epochen, die Glashütte maßgeblich geprägt haben. Auch berühmte Persönlichkeiten und Gründer von traditionsreichen Uhrenfabriken, die heute noch in Glashütte ansässig sind, wie Ferdinand Adolph Lange, Adolf Schneider und Moritz Großmann werden vorgestellt. Neben anderen ließen sie Glashütte zur Hochburg des deutschen Uhrenbaus und der Uhrmacherausbildung werden.

Eine schöne Strecke weiter liegt Zschopau. Dort wollen wir der Motorradaustellung im Schloss Wildeck einen Besuch abzustatten. Sie hat nicht nur eine beeindruckende Sammlung ausgewählter DKW- und MZ- Motorräder, sondern zeigt auch die eindrucksvolle Geschichte des Motorradbaues und der Motorradstadt Zschopau.

Der Motorrad-Geländesport, den wir heute Endurosport nennen, hat in und um Zschopau eine lange Tradition. Zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts hatte der Däne Jörgen Skafte Rasmussen in seinem Unternehmen Haushalts- und Werkstattgeräte herstellen lassen, seit 1922 wurden in Zschopau Motorräder gebaut. In der Zeit suchte man nach neuen Wegen zum Testen der Motorräder. Daraus entwickelte sich im Laufe der Zeit eine neue Sportart, die man anfangs Zuverlässigkeitsfahrt nannte. 1928 war DKW der größte Motorradhersteller der Welt. In der DDR staatseigen geworden, knüpfte das Unternehmen unter dem Namen MZ – Motorradwerk Zschopau – an diese Erfolge an. Bis zu 85.000 Motorräder wurden dort jährlich gebaut und in rund 100 Länder geliefert. Zahlreiche Aktive machten den Geländesport zu einem Aushängeschild für Zschopau. Die Aktiven des Werkes erzielten bedeutende Siege auf nationaler und internationaler Ebene. Herausragend war der fünfmalige Gewinn der Mannschaftsweltmeisterschaft. Mit der Wende kam der große Einbruch, das das Unternehmen wurde erst privatisiert, dann liquidiert. Damit ging auch der Sport ziemlich den Bach hinunter. Aber ein paar Jugendliche aus Witzschdorf machten weiter. Aus ihrem „Dorfrennen“ entwickelte sich über das „November-Enduro“ der erste deutsche Meisterschaftslauf im Jahre 1997. Seitdem wird jährlich der Enduro- Lauf „Rund um Zschopau“ vor tausenden begeisterten Fans ausgetragen. Bisheriger Höhepunkt war im September 2012 die 87. Internationale Sechstagefahrt, die als die Mannschaftsweltmeisterschaft im Endurosport gilt.

Mit Glück, guter Planung und guten Tipps von Freunden aus der Gegend sind wir für eine kurze Zeit mitten drin und erhaschen einen Blick auf abwechslungsreiche und anspruchsvolle Strecken, bekommen die Vielfalt des Enduro-Sports eindrucksvoll demonstriert. Voller Eindrücke fahren wir zurück in unser Quartier.

Zwei letzte Reisetage haben wir noch bis Hamburg. Wir verlassen das Elbsandsteingebirge und durchqueren quasi in der Diagonalen Sachsen und Thüringen. Zwei Höhepunkte sind das Schloss in Colditz und die Saale-Unstrut Region um Naumburg.

Die im 16. Jahrhundert von der gotischen Burg zum Schloss Colditz umgebaute Befestigungsanlage wurde von den Nazis ab 1933 als Konzentrations- und Reichsarbeitsdienst- Lager genutzt. Bekannt wurde es im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangenenlager für ranghohe alliierte Offiziere. Das Oflag IV-C Schloss Colditz ist besonders in England bekannt geworden, nachdem es einige Verfilmungen gab, die über die meist spektakulären Fluchtversuche der Häftlinge berichteten.

Wein an Saale und Unstrut

In der Nähe von Freyburg befinden sich eine Reihe alter Weinberge, die von der 1000jährigen Weinkultur an Saale und Unstrut zeugen. Karge Böden und die Lage im Regenschatten von Harz und Thüringer Wald lassen insbesondere frühreifende Sorten gedeihen, die in guten Jahren zu preisgekrönten trockenen Weinen ausgebaut werden. Mehr als 15 verschiedene Rebsorten werden in der Region gekeltert und ausgeschenkt. Ein Publikumsmagnet ist die traditionsreiche Rotkäppchen Sektkellerei GmbH, deren historische Kelleranlagen besucht werden können. 1856 gegründet, ist das Freyburger Unternehmen heute Marktführer unter den deutschen Sektherstellern.

Weinlagerung

Wir stoppen für einen Rundgang, verzichten aber aus verständlichen Gründen auf ein Glas Rotkäppchen-Sekt vor der eindrucksvollen Kulisse des 120.000 Liter fassenden Eichenholzfasses im Keller des Hauses. Stattdessen erhält jeder von uns einen Pikkolo zum Mitnehmen.

Das nahe liegende Naumburg mit seinem Dom, der zu den berühmtesten deutschen Bauwerken des Mittelalters zählt, überhaupt die ganze Region, das Saale-Unstrut- Triasland, ist einen eigenen Besuch wert. Dazu zählt das Hussiten-Kirschfest am letzten Juni-Wochenende, eines der traditionsreichsten und schönsten Volksfeste Mitteldeutschlands, das „Steinerne Bilderbuch‘‘, ein ca. 150 m langes Bildrelief in der Nähe der Ortschaft Großjena, das älteste Sonnenobservatorium Europas bei Goseck, ebenso wie ein Besuch der Himmelsscheibe von Nebra, Bad Kösen mit seinen salinetechnischen Anlagen und auch das Landesweingut Kloster Pforta mit der Landesschule Pforta. Mit viel Spaß fahren wir durch ein weitläufiges Hügelland entlang der Unstrut und der Saale: „An der Saale hellem Strande, stehen Burgen stolz und kühn“ weiter ins Eichsfeld. Logisch, dass wir auch den sagenumwobenen Höhenzug Kyffhäuser im südlichen Vorland des Harzes nicht auslassen. Nicht unbedingt wegen der Barbarossahöhle, der Reichsburg Kyffhäuser oder dem Kyffhäuserdenkmal, dann schon eher wegen der leckeren Bratwurst, die es dort am Bikertreff gibt. Nein, wir sind natürlich hier, um über die B85 von Bad Frankenhausen nach Kelbra zu fahren. Über eine Bundesstraße in Norddeutschland zu fahren, hat normalerweise keinen besonderen Reiz, aber die muss man einmal gefahren sein. Die 36 Kurven der B85 auf der Nordseite des Kyffhäusers locken während der Zweiradsaison zehntausende Motorradfahrer aus ganz Europa hierher, um mindestens einmal hinauf und wieder runterzufahren. Vor allem an Wochenenden und Feiertagen bringt dieser Massenansturm aber auch einen Ausnahmezustand. Insbesondere das rücksichtslose Rasen hat hier trotz „Rüttelstreifen“, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Polizeikontrollen zu Top-Zeiten schon extrem viele Unfälle zur Folge gehabt. Aber diese Kurvenstrecke ist schon „ein Paradies“ für Motorradfahrer.

Wir bleiben über Nacht in Worbis im Hotel „Drei Rosen“. Hans-Peter Faßbinder war in den Tagen zuvor auf Jagd und so gibt es natürlich leckere Wildgerichte zum Abendessen. Am nächsten Morgen nimmt „Fassi“ die Gelegenheit wahr, holt seine Versys raus und begleitet uns noch ein Stück durch den östlichen Teil des Harzes. Dann fahren durch das nördliche Harzvorland mit einem ungewöhnlichen Stopp in Halberstadt, begegnen der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze, sehen Wunden in der Natur und eine alte Kaiserpfalz. Aber das ist einen andere Geschichte. Durch das Feuchtgebiet des Drömlings und die eher trockene Lüneburger Heide fahren wir zurück nach Hamburg, das sich von seiner besten Seite zeigt – im Gegensatz zu allen Unkenrufen regnet es nicht!

Jürgen „Juri“ Grieschat

… berät Sie gerne über weitere Veranstaltungen, Reisen, Endurotrainings und -touren von Mottouren.

 

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